Interview
22. März 2021 16:24  Uhr

20 Jahre Galgenfrist bekommt das Auto noch

Daniel Krajzewicz, Abteilungsleiter Mobilität und urbane Entwicklung am Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, spricht im Interview über das, was Stadtbewohner in Zukunft bewegt.

Der ÖPNV wird in der Stadt der Zukunft einen wichtigen Beitrag zur Mobilität leisten müssen. | Foto: Sina Ettmer – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

Herr Krajzewicz, hat das Auto in der Stadt von morgen überhaupt noch eine Berechtigung?

Daniel Krajzewicz: Wenn wir an Klimaschutzziele und die Generation unserer Kinder denken, muss man sich diese Frage stellen, ja. Wir müssen den Verkehr jedenfalls massiv reduzieren. Das Auto wird aber nicht ganz aus den Städten verschwinden. Es ist immer noch das flexibelste Fortbewegungsmittel – und eines der schnellsten.

Welche Mobilitätskonzepte prägen unsere Städte in Zukunft?

Die Aktivitäten der Menschen werden sich innerhalb des eigenen Gebiets abspielen. Digitalisierung wird darauf einen starken Einfluss haben und es ermöglichen, dass man beispielsweise Amtsgeschäfte von daheim aus erledigen kann. Vor allem in Innenstädten wird künftig so manche Straße stillgelegt werden. Parkplätze könnten auch außerhalb der dicht bebauten Gebiete liegen. Bedenkt man, wie langwierig die Parkplatzsuche gerade ist, würde das wahrscheinlich gar nicht so viel mehr Weg in Anspruch nehmen. Der ÖPNV spielt dann natürlich eine wichtige Rolle – auch aus Umweltsicht.

Welche Rolle spielt der Mensch beim Gelingen solcher Konzepte? Sind wir aktuell zu bequem?

Davon ist leider auszugehen. Unsere Bequemlichkeit werden wir uns ein Stück weit abgewöhnen müssen. Für Kurzstrecken schnell ins Auto zu springen, das vor der Haustür parkt, wird nicht mehr funktionieren.

Bisher wird das Leben für uns Menschen aber immer bequemer. Glauben Sie nicht, dass das in Zukunft so weitergeht?

Das hängt ganz davon ab, wie die Mobilitätskonzepte gesteuert werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das autonome Fahren: Heute teilen sich viele Familien ein Auto für den Weg zur Arbeit und zur Schule. Da wird erst das Kind abgesetzt, dann der Mann an der U-Bahn-Station rausgelassen und dann fährt die Mutter weiter zur Arbeit. Wenn diese Familie ein autonomes Fahrzeug besitzt, fährt wahrscheinlich erst das Kind zur Schule, dann der Vater zur Arbeit und anschließend die Mutter. Wenn man solche Systeme nicht reguliert, entstehen noch viel mehr Fahrten als bisher. Da sehe ich ganz klar die Politik in der Pflicht.

Wie digital muss der Stadtverkehr sein, damit so ein Szenario eintreten kann?

Es gibt ja viele Bestrebungen, den Verkehr zu digitalisieren. Das fängt bei intelligenten Ampelschaltungen an und geht so weit, dass eine übergeordnete Zentrale irgendwann das komplette Verkehrssystem einer Stadt regelt. Dann trifft selbst ein autonomes Fahrzeug keine Entscheidungen mehr, sondern wird vom System gesteuert. Das bringt ein hohes Potenzial an Optimierung mit sich – für den Verkehrsfluss und damit auch für die Emissionen. Ob man in so einer Welt leben möchte, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Derartige Zentralen und autonomes Fahren liegen aber noch in ferner Zukunft, oder?

Das wird aktuell schon in mehreren Städten getestet. Autonome Kleinbusse könnten durchaus noch in diesem Jahrzehnt Einzug halten. Sie fahren dann gegebenenfalls zwar nur mit Schrittgeschwindigkeit, aber das ist ja für manche Leute durchaus akzeptabel.

Wenn autonomes Fahren schon so nah ist, dann bestimmt auch Flugtaxis und Hyperloops?

Hyperloops bewegen sich nahezu mit Schallgeschwindigkeit fort. Das macht in Städten natürlich keinen Sinn. Bei Flugtaxis ist eher entscheidend, ob man sich das leisten kann. Aber es gibt mehrere Ideen, wie man den Verkehr auf verschiedene Höhen verteilen kann. In Toronto gibt es ein ganzes Fußgängernetz unterhalb der Stadt. Auch Seilbahnen oder die Verlegung des Warentransports in den Untergrund werden immer wieder diskutiert. Solche Systeme sind im Vergleich zur Bodenmobilität aber natürlich sehr teuer.

Sind neue Mobilitätsformen überhaupt ein ernsthaftes Thema bei Stadtplanern, wenn irgendwo ein neues Quartier entsteht?

Das sind Themen, mit denen sich in erster Linie die Forschung auseinandersetzt. Es gibt schon Ansätze, diese sind aber noch nicht Standard. Da ist eher die Politik gefragt, solche Konzepte zu fordern und zu fördern.

In Regensburg wurde Mitte der 2000er-Jahre erstmals über eine neue Straßenbahn nachgedacht, 2018 wurde ihre Planung beschlossen und 2030 soll sie fertig sein. Sind solche langwierigen Projekte bei ihrer Einführung schon wieder veraltet?

Also bei einer Straßenbahn wird das nicht der Fall sein. Aber man verschenkt dadurch wertvolle Zeit. Planungsprozesse laufen langsam, zum Teil ist das ja durchaus gerechtfertigt. Hier hat die Pandemie ein paar Tore geöffnet und Dinge wie die Pop-up-Fahrradwege in Berlin schnell entstehen lassen.

Zusammengefasst: Wie bewegen sich Stadtbewohner in fünf, in zehn und in 20 Jahren fort?

In fünf Jahren fahren die Menschen mehr Fahrrad und gehen öfter zu Fuß. In zehn Jahren sollte die Elektromobilität eine maßgebliche Größenordnung erreicht haben und es wurden stadtplanerische Akzente wie in Barcelona mit den Superblocks gesetzt. Es wird mehr Fußgängerzonen geben und neue ÖPNV-Konzepte für kurze Wege. Und in 20 Jahren müssen wir dann wissen, wie wir Autos durch andere Angebote ersetzen oder zumindest drastisch reduzieren können.

Fazit

Damit Städte lebenswert bleiben und möglichst klimaneutral werden, obwohl sie aus allen Nähten platzen, müssen sie sich grundlegend verändern. Wie wir uns in Zukunft fortbewegen, spielt dabei eine wichtige Rolle – wenn nicht sogar die entscheidende. Der Plan steht: Autos sollen an den Stadtrand gedrängt werden, freiwerdende Verkehrsflächen in Innenstädten als Lebensraum zurückgewonnen werden. Die Stadt von morgen ist eine Stadt der kurzen Wege und verfügt über vernetzte Infrastrukturen und multimodale, also aufeinander abgestimmte Verkehrsnetze. Mit dem 5G-Ausbau, dem Fortschreiten der Digitalisierung und der Etablierung alternativer Antriebe wie der Elektromobilität wird heute der Grundstein dafür gelegt. Zu ÖPNV, Shuttles, Car- und Bikesharing: Mobilität werden wir als Dienstleistung verstehen und sie je nach Bedarf individuell in Anspruch nehmen. Auch das autonome Fahren wird sich früher oder später durchsetzen. Fragen der Ethik und Regulierung muss die Politik beantworten. Wie gut all das wirklich gelingt, entscheidet jeder selbst: Es gilt, sich darauf einzulassen, seine Bequemlichkeit ein Stück weit abzulegen und dem Auto irgendwann Ade zu sagen.