Gesellschaft
8. Januar 2021 6:19  Uhr

Corona verschärft die soziale Spaltung

Ungleichheit zwischen Arm und Reich, Besser- und Geringverdienern und den Geschlechtern gab es schon vor Corona. Doch die Pandemie beschleunigt die Brüche in der Gesellschaft.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt, die Basis der Demokratie, ist derzeit in großer Gefahr. Foto: Eike – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

DÜSSELDORF. Ob die Coronapandemie die Gesellschaft tatsächlich spaltet, zumindest aber die soziale Ungleichheit in Deutschland verschärft, noch ehe der erste Impfstoff zum Einsatz kommt – darüber wird noch gestritten. Unstrittig ist dagegen, dass das Virus für eine Vielzahl längst fälliger Herausforderungen wie ein Brennglas wirkt. Und so stellt sich die Frage, ob ein Zurück zur Normalität vor Corona so wünschenswert wäre oder man sich nicht vielmehr auf die Transformationsprozesse einlassen sollte, die bereits zuvor in Gang gesetzt worden waren – und dies auf den unterschiedlichsten Gebieten.

Virus spaltet Gesellschaft in Gewinner und Verlierer

Für die Gesellschaft scheint das Virus tatsächlich Sprengkraft zu haben: Laut einer aktuellen Studie der Deutschen Bundesbank gibt es coronabedingt eine klare Trennung zwischen Gewinnern und Verlierern der Pandemie. So haben mehr als 40 Prozent der bereits im Mai befragten Bürger aufgrund von Covid-19 Einkommenseinbußen erlitten. Ebenso viele gingen davon aus, dass ihr Einkommen auch zukünftig im Schnitt um mehr als 500 Euro pro Monat sinken dürfte. Umgekehrt rechnete über die Hälfte der Bürger damals für die kommenden zwölf Monate mit einem Anstieg um durchschnittlich 290 Euro. Zu diesen privilegierten Gesellschaftsschichten zählen Rentner, Pensionäre und Angestellte, die davon ausgehen, dass sie ihre Einkommen weiterbeziehen oder ihren Arbeitsplatz auch nach Corona behalten werden.

Wie sehr Corona die bestehende soziale Ungleichheit noch verschärft, zeigt eine weitere Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Sie hat ermittelt, dass Erwerbstätige mit ohnehin niedrigem Einkommen deutlich stärker unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie leiden werden als solche mit höheren Einkommen. „Menschen, die zuvor schon wenig hatten, sind besonders oft und besonders hart von wirtschaftlichen Verlusten betroffen“, so die Autorin Prof. Dr. Bettina Kohlrausch. Zur Begründung verweist die Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) darauf, dass diese Bürger nur unzureichend durch die Mechanismen in den Sozialversicherungen oder Tarifverträge geschützt seien.

Starke Kollektivverträge zum Schutz der Demokratie

Deshalb werde es darauf ankommen, zwei Faktoren besonders in den Mittelpunkt zu rücken, will man die Pandemie ohne tiefe gesellschaftliche Risse überstehen: Gestärkt werden müssten soziale Sicherung und Kollektivverträge als die „Aktivposten unserer sozialen Marktwirtschaft“ sowie Haushalte mit geringeren Einkommen, die man besser gegen noch größere Einbußen schützen sollte. Kohlrausch und ihr Co-Autor Dr. Andreas Hövermann verweisen darauf, dass andernfalls sogar die Demokratie in Deutschland Schaden nehmen könnte. Wer durch Einkommensverluste belastet sei, beurteile die politische und soziale Situation im Lande deutlich kritischer. Und er zeigte sich im Durchschnitt sogar empfänglicher für Verschwörungsmythen zur Pandemie.

Einkommen sind ungleicher verteilt als vor 20 Jahren

Im internationalen Vergleich der Industriestaaten liegt die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland auf einem mittleren Niveau. Das hat viel damit zu tun, dass diese Entwicklung rund um die Jahrtausendwende kräftig angestiegen ist. Generell sind die Einkommen heute weit ungleicher verteilt als vor zwei bis drei Jahrzehnten, die Vermögen in Deutschland sind sogar stärker konzentriert als in fast allen anderen Euroländern. Die wohlhabendsten 10 Prozent aller deutschen Haushalte besitzen 60 Prozent des Nettogesamtvermögens, also abzüglich der Schulden. Die unteren 20 Prozent besitzen gar kein Vermögen, etwa 9 Prozent der Haushalte sind verschuldet. Daran ändern kann der Einzelne wenig, denn laut Studien der Hans-Böckler-Stiftung ist die soziale Mobilität hierzulande gering: „Reiche bleiben meist reich, Arme arm, der soziale Status der Kinder hängt stark vom Elternhaus ab.“ Ein wichtiger Aspekt ist die Autonomie, zur Not auch ohne laufende Einkommen sein Leben bestreiten zu können. Und gerade hier hat der WSI-Verteilungsbericht starke Unterschiede herausgearbeitet: Während rund ein Drittel der Haushalte in Deutschland maximal über Rücklagen für einige Wochen oder wenige Monate verfügt, könnten die Haushalte am oberen Ende der Skala mindestens zwei Jahrzehnte durchhalten.

Corona schlägt weltweit bei den Armen besonders stark zu

Auch weltweit nimmt die Ungleichheit zu, wie die Ergebnisse des gerade erschienenen Berichts der Vereinten Nationen zur Nachhaltigkeit belegen. Wie UN-Generalsekretär Antonio Guterres betont, seien von der Coronapandemie zwar alle Menschen und Gemeinschaften betroffen. Doch gerade in den Entwicklungsländern seien die verwundbarsten Menschen besonders gefährdet, wie etwa die weltweit 1,6 Milliarden in der Schattenwirtschaft Beschäftigten, Ältere, Frauen, Kinder, Behinderte oder auch Migranten. Deren Zahl könnte laut UN bis 2030 aufgrund von Wasserknappheit um weitere rund 700 Millionen Menschen steigen. Zwei Fünftel der Gesundheitseinrichtungen weltweit haben weder Seife und Wasser noch Infektionsmittel, fast 790 Millionen Menschen leben ohne Strom.

Auch international verstärkt Corona also nur einen Prozess, der bereits im Gange war: Schon vor der Pandemie hatte sich die Ungleichheit bei den Einkommen, gemessen am Gini-Index, in 38 von 84 Ländern verstärkt. Der nach dem italienischen Wissenschaftler Corrado Gini benannte Index bewertet die Einkommensverteilung mit Werten zwischen 0 für eine Gleichverteilung und dem Maximalwert 1, der bezeichnet, dass das gesamte Einkommen nur einer Person gehört. In Deutschland liegt dieser Wert für die Einkommen derzeit bei 0,29, bei den Vermögen bei 0,76: In der Eurozone steht laut Hans-Böckler-Stiftung lediglich Litauen noch schlechter da.

Interview

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