Kongress
21. Mai 2020 6:00  Uhr

Achtsamkeit ist nicht „selbst-verständlich“

Der „Innehalten-Kongress“ möchte Unternehmer an die Themen Ruhe und Gelassenheit heranführen. Achtsamkeitstrainerin Caroline Stiller spricht über Chancen des Innehaltens gerade in stressigen Zeiten.

Achtsamkeitstrainerin Caroline Stiller (re.) arbeitet mit Privatpersonen und Unternehmen in ganz Deutschland zusammen. Foto: Bevis Nickel/bevisphotography

Von Barbara Simon

Frau Stiller, durch den Shutdown wurde die Wirtschaft quasi zum Innehalten gezwungen. Zeigt uns die Coronakrise, dass das Wachstumspostulat nicht alternativlos ist?

Caroline Stiller: Als Krise erleben wir, wenn wir unsere Gewohnheiten nicht mehr aufrechterhalten können. Corona zwingt uns, alltägliche Verhaltensroutinen zu ändern. Hinzukommt, dass wir unangenehme Wahrheiten gerne verdrängen. Bei einer Pandemie können wir nicht mehr ignorieren, dass wir sterblich und verwundbar sind und alle voneinander abhängig. Die Pandemie macht unsere Kontrollillusionen im Alltag deutlich und fordert uns heraus, Stellung zu beziehen und uns zu entscheiden: Wie stehe ich dazu – als Privatperson, Unternehmer, Selbstständiger, Arbeitnehmer? Und wie gehe ich verantwortlich für mich und andere damit um?

Viele Berufsgruppen werden durch Corona in ein Spannungsfeld zwischen Untätigkeit und Existenzangst gedrängt. Wie kann hier eine achtsame Haltung unterstützen?

Achtsamkeit, englisch Mindfulness, gestattet einen nüchternen Blick auf die Situation: Was passiert gerade? Was ist jetzt dran? Wir Menschen neigen evolutionär bedingt in Stresssituationen zum Tunnelblick, unser Blick wird eng. So verstellen sich viele Spielräume. Gerade in Krisenzeiten ist es gut, wenn ich Werkzeuge habe, aus dieser stressbedingten Schnappatmung aktiv auszusteigen. So kann ich einen Überblick über die ganze Situation bekommen, mir beispielsweise Überforderung eingestehen und Unterstützung suchen. Aus dieser Klarheit entstehen neue, unkonventionelle Handlungsansätze im Umgang mit Hierarchie, Kontrolle und Verantwortung im Team und dadurch neue Ideen.

Die Krise hat in den vergangenen Wochen viele kreative Initiativen und Angebote hervorgebracht. Ist Stress nicht auch ein positiver Antreiber?

Stress ermöglicht auch Höchstleistung – aber nicht ewig. Daher gilt es, diese Antreiber aufmerksam zu hinterfragen. Zweifellos: Die Krise hat viel Solidarität bewirkt. Auch das ist evolutionär in uns angelegt, dass wir einander in schwierigen Situationen helfen. Doch es ist ein Balanceakt: Biete ich Unterstützung oder stifte ich Verwirrung? Kann ich es mir überhaupt noch leisten, kostenlose Hilfe anzubieten, wenn mir das Wasser bis zum Hals steht? Hier trägt Innehalten dazu bei, eigene Motive zu erkennen und stimmig zu handeln.

Innehalten und Achtsamkeit sind aus jahrhundertealten Meditationspraktiken heraus entstanden und finden über den medizinischen und psychologischen Bereich immer mehr Zugang in Öffentlichkeit und Unternehmen. Was genau versteht man darunter?

Spätestens seit Matthias Horx die Achtsamkeit in seinem Zukunftsreport 2016 als einen Megatrend ausgerufen hat, ist der Begriff in aller Munde. Doch jede Definition greif hier eigentlich zu kurz: Es geht um mehr als um ein Methodenrepertoire oder gar Entspannung. Ich verstehe unter Innehalten eine gelebte Haltung der Wachheit und Geistesgegenwart, eine Klarheit jenseits von Bewertungen über das, was mit einem selbst, mit der Umgebung und in Interaktion passiert. Um diese Haltung zu verinnerlichen, braucht es alltägliche Praxis. Das übe ich, indem ich voll und ganz bei dem bin, was ich gerade tue: Wenn ich Hände wasche, wasche ich Hände, spüre die Handbewegung, das Wasser, die Seife, auch Ungeduld oder Widerstände. Indem ich mich bewusst beobachte und immer genauer kennenlerne, entsteht ein Raum zwischen Reiz und Reaktion. Das ist ein weiter Weg.

 

 

 

Caroline Stiller ist seit 2012 als Achtsamkeitstrainerin und Präventionscoach tätig. 2016 machte sie sich mit dem Unternehmen Achtsamkeit (www.unternehmen-achtsamkeit.de) in ihrer Wahlheimat Kiel selbstständig. Ihre Schwerpunkte sind neben Achtsamkeitstraining auch Coaching und Beratung, sie arbeitet deutschlandweit mit Unternehmen und Privatpersonen zusammen. Beim „Innehalten-Kongress“ in Neumarkt in der Oberpfalz, der wegen der Coronakrise auf 30. Oktober 2020 geschoben wurde, wird sie über das Thema „Achtsamkeit in Unternehmen“ referieren. Weitere Informationen gibt es auf www.innehalten-region.de/kongress. Foto: Bevis Nickel/bevisphotography

Sie sind Achtsamkeitstrainerin und Präventionscoach. Wie erging es Ihnen im Krisenmodus?

Ich war froh, in der Situation die Werkzeuge zur Geistesgegenwart zur Verfügung zu haben. Am Freitag kam die Ansage, am Montag folgte der Shut-down, am Wochenende dazwischen leitete ich einen Achtsamkeitskurs. Ich stand vor einer schwierigen Entscheidung, denn einerseits wollte ich kein Risiko eingehen, andererseits den Teilnehmern nichts schuldig bleiben. In den ersten Tagen der Krise gab es kaum Orientierung, keine Leitlinien: Da war es wichtig, klar, besonnen und zentriert bei sich selbst zu sein, um Orientierung in der eigenen Ethik zu finden.

Für einige klingt Achtsamkeit nach Esoterik und Stillstand, nicht vereinbar mit Wachstum und Erfolg. Wo setzen Sie in Unternehmen an, wenn solche Klischees im Raum stehen?

Achtsamkeit ist grundsätzlich erklärungsbedürftig. Verpackung und Dosierung sind gerade im betrieblichen Kontext wichtig und müssen zielgruppenorientiert sein. Will ich Achtsamkeit in der Unternehmenskultur implementieren, muss ich Führungskräfte an Bord holen. Sie fungieren als Katalysatoren: Was Vorgesetzte vorleben, wirkt sich auf das ganze Unternehmen aus, und zwar auf Kommunikation, Wertschätzung, Fehlerkultur, Innovationsfreude und Qualität. Das ist auch messbar, nämlich bei Krankenstand, Fehlzeiten und Unfällen pro Team. Allerdings ist Stress für Leistungsträger so normal, dass sie ihn im Alltag nicht wahrnehmen. Einige sind sich bewusst, dass sie in bestimmten Situationen anders hätten reagieren können und hinter ihren Möglichkeiten geblieben sind. Das ist ein guter Anfang: Führungskräfte müssen ihre Mitarbeiter unterstützen, Situationen schnell erfassen und Lösungen gut umsetzen. Das braucht Geistesgegenwart.

In Neumarkt findet im Oktober zum dritten Mal der „Innehalten-Kongress“ statt. Sie werden zum Thema „Achtsamkeit in Unternehmen“ referieren. Ist hier eine Öffnung in Betrieben festzustellen?

In Zahlen lässt sich der Trend schwer beziffern. Pauschal ist eine zunehmende Öffnung spürbar und die Akzeptanz hat sich erhöht, auch dadurch, dass einige große Unternehmen eine solche Kultur eingeführt haben und Erfolge sichtbar sind. Auch der befürchtete Effekt, dass keiner mehr arbeitet, ist ausgeblieben. Viele Studien belegen inzwischen die Effekte auf Konzentration, Emotionsregulation und Immunsystem. Wichtig sind auch Veranstaltungen und Kongresse, die Unternehmen Achtsamkeit nahebringen. Es braucht authentische Multiplikatoren, die diese Haltung in die Wirtschaft tragen.

Glauben Sie, dass die Coronakrise zu einem längerfristigen Umdenken führen kann?

In Zeiten von Veränderungen muss auch die Wirtschaft umdenken. Gerade Corona zeigt, dass viel Selbstverständliches gar nicht so selbstverständlich ist. In unsicheren Zeiten werden die sogenannten weichen, zwischenmenschlichen Faktoren plötzlich hart: Um als Unternehmen erfolgreich durch die Krise zu kommen, braucht es Klarheit und Ruhe, die Menschen in Angst oder Sorge eine Struktur und Halt bieten. Dafür ist mehr als nur Fachwissen nötig. Was die Krise vor allem hervorbringt, ist ein Sowohl-als-auch: Es haben sich viele Wege aufgetan und jetzt liegt es an uns, sie weiterzudenken und uns selbst und andere in eine rundum gesündere Zukunft zu führen.

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