Geldanlage
31. Dezember 2020 6:01  Uhr

Welche Chancen bietet der Aktienmarkt 2021?

Anlageexperten der verschiedenen Institute zeigen sich zur Jahreswende zuversichtlich, dass nach der erfolgreichen Bekämpfung der Coronapandemie spätestens Ende 2021 das Vorkrisenniveau erreicht wird.

Die Experten sind sich einig: Das Negativzinsniveau bleibt auch 2021 erhalten. Foto: Rawpixel.com – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG/PARKSTEIN. Der Präsidentenwechsel im Weißen Haus, die Coronapandemie und die verschiedenen geopolitischen Spannungsfelder dürften im kommenden Jahr die Märkte und damit auch die Anleger beschäftigen. Mit Blick auf den Sieg von Joe Biden bei den US-Präsidentschaftswahlen überwiegen nach Auffassung von Robert Beer, Investment-Experte aus dem oberpfälzischen Parkstein, dabei die Vorteile. Beer verweist auf eine wohl zumindest in Aussicht stehende verlässlichere Politik, ein besseres Miteinander unter den Verbündeten und eine ausgabenfreudige und somit wirtschaftsfreundliche Fiskalpolitik.

Viel Liquidität auf dem Markt

Die Reaktion auf die positiven Meldungen über die Entwicklung der Covid-19-Impfstoffe hat Beer als einen Freudensprung der Märkte empfunden: „Die Grundstimmung hat sich um 180 Grad gedreht.“ An den Börsen habe ein schlagartiger Wechsel der gefragten Branchen stattgefunden. Die zuvor als Coronaverlierer abgestempelten und konjunktursensiblen Aktien wurden massiv gekauft. Ob es nach dieser extremen Rallye schon bald eine kleine Korrektur geben werde, sei fraglich, da enorm viel Liquidität in die Märkte dränge. Mit Blick auf die Pandemie werde sich die Stimmung der Verbraucher und der Wirtschaftslenker aufhellen, während die Fiskalpolitik noch lange offensiv bleiben werde und die Notenbanken weiterhin extrem expansiv agieren dürften.

An Aktien führt kein Weg vorbei

Die Wertpapierexperten der zur Sparkassengruppe gehörenden Dekabank halten die Coronapandemie für ein schwerwiegendes, aber temporäres Problem. Nach Auffassung des Chefvolkswirts der Dekabank Dr. Ulrich Kater müsse man zwar mit stark schwankenden Kursen rechnen. Entscheidend für den jeweiligen Anleger sei jedoch die grundsätzliche Frage, ob er das Geld aus seinen Wertpapieranlagen gerade benötige. Denn wenn nicht, verweist Kater darauf, dass man einen realen Verlust ja erst bei einem Verkauf erleide: „Man sollte den langfristig angelegten Geldern lieber die Chance geben, sich nach Überwindung der Krise wieder zu entwickeln.“ Grundsätzlich führe an Aktien gerade in der Niedrigzinsphase für den langfristigen Vermögensaufbau kein Weg vorbei. Bei einem Ausblick auf die gesamten künftigen 20er-Jahre sehen die Wertpapierexperten der Dekabank Aktien mit einem Potenzial von 5 Prozent Rendite pro Jahr klar an der Spitze.

Langfristige Anlagen sinnvoll

Der Oberpfälzer Bezirkspräsident des Genossenschaftsverbands Bayern Wolfgang Völkl glaubt: „Das Negativzinsniveau bleibt uns auf längere Sicht erhalten.“ Angesichts negativer Realrenditen als der Norm sei ohne höherrentierliche Anlagen keine sinnvolle Kapitalanlage denkbar. Deshalb sollten die Anleger auch weiterhin den Aktienmarkt beachten. Das Winterhalbjahr werde sicher noch hart, auch konjunkturell, ab dem Frühjahr aber erwartet der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Raiffeisenbank Regensburg-Schwandorf eG einen deutlichen Wachstumsschub.

Die Coronakrise teilt nach Völkls Auffassung die börsennotierten Unternehmen derzeit in Gewinner und Verlierer, wobei die Börse die positive Entwicklung mit einem Impfstoff als Wendepunkt der Pandemiebekämpfung offenbar bereits jetzt vorwegnehme. Anleger seien immer gut beraten, wenn sie sich auf Grundlage einer fundierten Analyse ihrer Wünsche und Ziele einen Vermögensstrukturvorschlag zusammenstellen ließen. Unter Vermögensstruktur verstehen Völkl und seine Kollegen die Verteilung des Vermögens auf die Anlageklassen Liquidität, Geldwerte, Sachwerte, Substanzwerte und Alternative Anlagen wie zum Beispiel Gold. Generell sei es für den langfristigen Anlageerfolg wichtig, nicht zu einseitig zu agieren und seine Anlagen breit zu streuen.

Ein „windschiefes W“

Von einer spürbaren wirtschaftlichen Erholung für 2021 geht der Chefanlagestratege der Hypovereinsbank Dr. Philip Gisdakis aus. Er verweist auf ein „windschiefes W“ als Wachstumslinie, die er so beschreibt: „Ein noch gestauchter Konjunkturverlauf im ersten und zweiten Quartal, gefolgt von starker Erholung im dritten und nochmals einer leichten Schwäche im vierten Quartal.“ An den europäischen Aktienmärkten könnte es 2021 insgesamt zu einer starken Performance kommen, mit einem Zuwachs bis zu 15 Prozent. Für europäische Aktien sieht die HVB ein größeres Erholungspotenzial als für US-Werte. Besonders profitieren dürften dabei, so die Erkenntnis aus der Pandemie, Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsprofilen. Nachhaltigkeitsaspekte dürften laut Gisdakis sowohl für Anleger als auch mit Blick auf die Vermögensverwaltung der eigenen Bank an Bedeutung gewinnen.

DAX dürfte weiter steigen

Optimistischer als die meisten Wirtschaftsinstitute geht der Chefvolkswirt der Commerzbank Dr. Jörg Krämer davon aus, dass die deutsche Wirtschaft wie auch die der meisten Länder des Euroraums spätestens Ende 2021 wieder ihr Vorkrisenniveau erreichen werden, mit einem Wachstum von 4,5 Prozent in Deutschland und 5 Prozent im Euroraum. Für den DAX wird ein weiterer Anstieg vorhergesagt, und zwar mit dem Jahresendziel von 14.200 Punkten. Der bisher höchste Schlussstand lag am 23. Januar 2020 bei 13.559,60 Punkten.

Die Rolle des Staates bei der Pandemiebekämpfung hat nach Auffassung der Commerzbank-Experten zu einer gestiegenen Akzeptanz wirtschaftspolitischer Maßnahmen geführt. Deshalb werde die EU-Finanzpolitik den Staaten des Euroraums wohl noch lange nach dem Abklingen der Krise gestatten, Haushaltsdefizite von über 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) einzugehen. Auch den ab 2021 geplanten Corona-Wiederaufbaufonds in Höhe von 750 Milliarden Euro bezeichnet Dr. Krämer als „Zeitenwende“.

Breite Streuung ist wichtig

Durch die Coronapandemie keineswegs verändert hat sich nach Auffassung der Finanzökonomin Doris Biersack-Press die allgemein gültige Prämisse für die Anleger. Zum einen müsste von ihnen stets eine ausreichende Liquiditätsreserve gehalten werden, zum anderen sollten alle anderen Vermögenswerte entsprechend der eigenen Risikotragfähigkeit breit gestreut sein. Die mehrfach als Vermögensverwalterin ausgezeichnete Chefin der Mando Finanz erwartet für 2021 durchwegs volatile, also von starken Kursschwankungen geprägte Märkte. „Dabei müssen die Erwartungen der Märkte seitens der Wirtschaft auch bestätigt werden, um weiter Luft nach oben zu haben“, erklärt sie. Dass an den Aktien gerade langfristig kein Weg vorbeigehen dürfte, begründet Doris Biersack-Press mit den wohl noch lange anhaltenden Niedrigzinsen und der weiterhin gültigen Beobachtung: „Viel Geld sucht nach Anlage.“