Interview
30. Juni 2020 6:00  Uhr

Alexa, verdopple die Rendite!

Jan Berger, CEO des Business Think Tanks 2b Ahead, und der Forscher James Hoefnagels sind Autoren der Studie „Financial Services 2030“. Im Interview verraten sie, wie die Zukunft der Finanzbranche aussieht.

Computer sind in der Finanzwelt schon heute nicht mehr wegzudenken. In Zukunft könnte künstliche Intelligenz diesen Bereich noch tiefgreifender durchdringen – und bestimmen. | Foto: Phongphan Supphakank – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

Herr Berger, Herr Hoefnagels, wie werden wir im Jahr 2030 bezahlen?

James Hoefnagels: Die Menschen werden mit den Geräten bezahlen, die für sie am bequemsten sind. Das können auch noch Karten oder sogar Bargeld sein. Aber in zehn Jahren ist sichere Bezahlung in vielfältiger Weise möglich. Wenn ich über meine Iris oder Stimme eindeutig identifiziert werden kann, kann ich damit auch bezahlen. Sicher werden Systeme wie in den Amazon-Go-Märkten breit zur Anwendung kommen, wo Menschen das Bezahlen nicht mehr wahrnehmen. Sie werden mit Betreten des Marktes registriert und beim Verlassen wird der Betrag der Produkte abgebucht.

Was bedeutet das für den Euro? Wird er auch 2030 noch die Währung sein, in der wir denken, rechnen und bezahlen?

Jan Berger: Den Euro wird es auch 2030 geben, also werden die meisten Menschen in Euro denken und rechnen. Ob die Transaktion dann tatsächlich in Euro stattfindet, ist eine andere Frage. Zahlungsverkehr wird dann großteils in diversen Kryptowährungen abgewickelt. Das können community-basierte Währungen wie Bitcoin oder Ether sein oder private Währungen wie Facebooks Libra. Auch Nationalbanken werden nationale Kryptowährungen in Umlauf bringen. Wir gehen davon aus, dass in zehn Jahren ein Drittel aller Transaktionen in Krypto vollzogen wird. Aber die wenigsten Endnutzer werden das bewusst wahrnehmen.

Wie verwalten Menschen ihr Geld in zehn Jahren?

Jan Berger: Wo es geht, lassen wir es verwalten. Zeit ist heute schon das knappste Gut. Alles, was uns hilft, Zeit zu sparen, nehmen wir dankbar an. Wenn es um Vertragsverwaltung geht, gibt es heute schon Anbieter wie Mint oder Wechselgott. Sie geben diesen Plattformen Zugriff auf Ihre Konten und Verträge. Und diese vollziehen dann Vertragswechsel Ihrer Versicherung, Ihres Stromtarifs, Ihrer Darlehen und so weiter. Irgendwann wissen Sie gar nicht mehr, wer Ihr Stromanbieter ist. Sie wissen aber, dass Sie den günstigsten oder ökologischsten Tarif haben. Sie wissen vielleicht auch nicht mehr, wo Ihr Geld liegt, weil Sie sich mit Ihrer Plattform identifizieren und nicht mit Ihrer Hausbank. Wenn diese Plattformen dann auch Dienste wie Vermögensverwaltung anbieten, haben Sie keinen Grund, zu wechseln oder ergänzend einen weiteren Plattformdienst zu buchen.

Wenn Finanzdienstleistungen für die Verbraucher unsichtbar werden, beeinflusst das auch unser Kaufverhalten und unsere Vermögensplanung?

Jan Berger: Natürlich! Ich möchte ja nicht wirklich einen ETF, ein Depot oder eine Riesterrente. Ich möchte, dass meine Kinder eine gute Ausbildung genießen, ich möchte in einer schönen Wohnung oder einem Haus leben und würdevoll den Ruhestand genießen. Idealerweise erfasst meine Alexa diese Wünsche und kümmert sich – nicht nur um die Kapitalanlage. Sie wird mir auch sagen, wie ich einen besser bezahlten Job bekommen kann. Und sie wird auf meine Gesundheit achten.

Künstliche Intelligenz, kurz KI, und digitale Finanzassistenten spielen dabei eine zentrale Rolle. Welche Auswirkungen hat das auf die Finanzdienstleistungsbranche, wie wir sie heute kennen?

James Hoefnagels: Wenn Finanzdienstleister im Primärgeschäft bestehen wollen, müssen sie ganz schnell daran arbeiten, bequem bedienbare Services auf den Markt zu bringen. Es gibt keinen Grund mehr, für eine Immobilienfinanzierung in die Bankfiliale zu gehen und einem Sachbearbeiter dabei zuzusehen, wie er Daten von Papier in eine Maske überträgt und dann ein Angebot erstellt. Das wollen Paare lieber gemeinsam am Sonntag von der Couch aus tun. Wer so etwas im Jahr 2020 noch für guten Service hält, wird bald nicht mehr am Markt sein. Denn all diese händischen Arbeitsschritte können Algorithmen schneller und genauer und vor allem rund um die Uhr vollziehen.

Nach welchen Prinzipien arbeiten und lernen KI-basierte Finanzassistenten?

James Hoefnagels: Stark vereinfacht gibt dabei ein Entwickler einem Algorithmus ein Ziel vor, zum Beispiel: „Erreiche eine Kapitalvermehrung um X Prozent jährlich!“ Dann wird der Algorithmus mit Daten aus erfolgreichen Anlagestrategien trainiert. In Simulationen wird getestet, ob die KI zum gewünschten Ergebnis kommt. Sobald sie das schafft, hat sie Marktreife. Und sie kann über beliebige Schnittstellen wie Siri, OK Google oder auch die Homepage der Hausbank eingebunden werden.

Zur Person

James Hoefnagels

James Hoefnagels, Forscher und Strategist bei 2b Ahead, nimmt als ein in Deutschland lebender Kanadier bei Zukunftsforschungen gerne außereuropäische Perspektiven ein. Sein thematischer Schwerpunkt liegt im Bereich der Finanzbranche.

Foto: Jeremy Beckers

Wenn mir ein digitaler und kluger Assistent in Sekundenschnelle Prognosen ausspuckt – bedeutet das nicht auch, dass wirklich jeder sein Geld über die richtige Kapitalanlage oder Investition vermehren kann?

Jan Berger: Ja! Vermögensberater tun häufig immer das Gleiche. Das kann man automatisieren und so auch das Private Banking demokratisieren. Auch Haushalte mit fünfstelligen Jahreseinkommen sind in der Lage, Geld zur Seite zu legen. Bündelt man dieses Kapital, ist man ganz schnell bei Größenordnungen angelangt, wo sich ein heutiger Vermögensberater warmläuft.

Können KI-basierte Finanzassistenten einen Vermögensberater also einfach ersetzen?

Jan Berger: Jein. Die immer wiederkehrenden Tätigkeiten von Recherche, Beantragungen oder Strukturierungen kann eine KI dem Vermögensberater abnehmen. Dieser muss im Gegenzug die KI verstehen, auf Anomalien prüfen, gegebenenfalls die KI neu trainieren oder auch trainieren lassen, um auf Veränderungen bei ihren Kunden zu reagieren. Hat sich der Zeitgeist verändert? Legen Kunden plötzlich mehr Wert auf Nachhaltigkeit, Gesundheit oder Fairness? Diese „Ethik“ lernt ein Algorithmus nur von Menschen. Der Vermögensberater dolmetscht also sein Kundenverständnis in eine von Maschinen verständliche Logik.

Inwieweit kommen solche Assistenten schon heute zum Einsatz?

James Hoefnagels: In den Bereichen Analytics, Produktportfolio, Kundenmanagement und Governance sehen wir heute schon viele Anbieter, auf die Vermögensberater zurückgreifen. Vermögensverwaltung für Endnutzer ist im Kommen. Anbieter wie Moneyfarm, Vaamo oder Betterment greifen das klassische Private Banking an. Deren Dienstleistungen wurden zwar auf die Generation Y ausgelegt, aber sie erfreuen sich zunehmender Popularität bei über 50-Jährigen.

Es drängen immer mehr Plattformunternehmen wie Google oder Apple in den Finanzmarkt. Macht das Banken auf Dauer überflüssig? Wie müssen sie reagieren, um nicht wegrationalisiert zu werden und sichtbar zu bleiben?

Jan Berger: Retail-Banken, deren einziger Zweck darin besteht, einem Kunden ein Konto bereitzustellen und darauf zu hoffen, dass er irgendwann ein Darlehen beantragt, werden in der Tat von schnellen und einfachen Technologien verdrängt. Manche Analysten erwarten, dass 40 Prozent des Retail-Banken-Geschäfts an Tech-Unternehmen verloren geht. Banken können versuchen, genauso nutzerfreundlich zu sein wie diese Unternehmen. Sie können mit ihnen kooperieren. Regionalbanken haben den großen Vorteil, die Besonderheiten der Wirtschaft, Gesellschaft und Mentalität einer Region besser zu verstehen als globale Giganten. Wenn sie diese Nische konsequent bespielen, können sie auch noch auf Jahre hinaus profitabel wirtschaften.

Im Gegensatz zu Onlineplattformen genießen Finanzinstitute aber großes Vertrauen. Besteht hierin ihre größte Chance?

Jan Berger: Ja, insbesondere bei Menschen über 50, die ja fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Doch auch diese Gruppe wird von ihren Kindern und Dienstleistern gezwungen, vernetzter zu handeln. Auch sie schätzt Einfachheit und verabscheut Zeitverschwendung. Das Potenzial, Vertrauen zu verspielen, weil die Services schlecht sind, ist hoch. Und Tech-Unternehmen werden mit der Zeit mehr Vertrauen gewinnen.

Wie sicher ist mein Geld in Ihrem Zukunftsszenario?

James Hoefnagels: Cybersecurity ist ein Wettrüsten zwischen Angreifern mit schlechten Absichten und Verteidigern mit guten. IT-Manager von Finanzdienstleistern leisten dann gute Arbeit, wenn sie sich mit den Bedrohungen der Zukunft auseinandersetzen und heute schon gegensteuern. Da gibt es in Deutschland Nachholbedarf – und das nicht nur in der Finanzindustrie.

Zur Person

Jan Berger

Jan Berger ist CEO des 2b Ahead Think Tanks, Redner und Berater von Topmanagern. Er hat auf vier Kontinenten gelebt und gearbeitet, bekleidete Führungspositionen in Konzernen und Start-ups. Dabei erwarb er sich ein tiefes Verständnis der Finanz-, Mobilitäts-, Energie-, IT- und Nahrungsmittelwirtschaft.

Foto: Andreas Wünschirs