Bauwirtschaft
8. Mai 2020 12:15  Uhr

Anleger stehen vor der Gretchenfrage

Das Coronavirus treibt auch die Bauzinsen vor sich her. Jetzt zuschlagen oder warten – für alle, die in Betongold investieren möchten, ist dies momentan die Eine-Million-Euro-Frage.

Niedriges Zinsniveau versus die Auswirkungen der Coronakrise: Immobilienkäufe bergen aktuell viele Chancen und Risiken. Foto: hanohiki – stock.adobe.com

Von Thomas Tjiang

FRANKFURT. Für Kapitalanleger ist das laufende Jahr eine aufreibende Zeit, Verluste in Rekordhöhe strapazieren die Nerven der Investoren. Mancher tröstet sich mit Börsenweisheiten. „Wer die Aktien nicht hat, wenn sie fallen, der hat sie auch nicht, wenn sie steigen“, soll der Börsenguru André Kostolany einmal zum Besten gegeben haben. Aber auch die privaten Anleger in Betongold, also in Häuser und Wohnungen, müssen auf der Hut sein.

Absoluter Tiefststand am 11. März

Wie sich der deutsche Wohnungsmarkt weiterentwickelt, ist für die Frankfurter FMH-Finanzberatung „der Blick in die berüchtigte Glaskugel“, wie Firmenchef Max Herbst konstatiert. „Mit Covid-19 scheint fast alles möglich.“ Der findige Zinsexperte entdeckte als erster eine Korrelation zwischen dem Coronavirus und den Bauzinsen. Eigentlich ging die Branche zum Jahresanfang davon aus, dass die Zeit der ganz niedrigen Bauzinsen in Deutschland vorbei ist. Dann postulierte er: „Die Angst vor dem Coronavirus senkt die Bauzinsen.“ Der Zusammenhang leitet sich aus der Tatsache ab, dass sich das Niveau der Bauzinsen traditionell an der Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe orientiert. Nach den ersten Coronafällen in Bayern Ende Januar entstand im weiteren Verlauf bei Anlegern eine Unsicherheit, die zu einer Flucht in die als besonders sicher geltende deutsche Bundesanleihe führte. Bei der Rendite der zehnjährigen deutschen Staatsanleihe setzte daraufhin ein Sinkflug ein. Herbst, der mit seinem Zinsportal vielfältige Vergleiche anstellt, beobachte die schwindende Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe „auf bis dahin noch nicht dagewesene minus 0,83 Prozent“ am 9. März. Entsprechend fielen die Zinsen für Darlehen am 11. März auf ihren absoluten Tiefststand von 0,62 Prozent – bei einer Zinsbindung von zehn Jahren. Den Immobilienkäufern riet Herbst allerdings nicht zum vorschnellen Kauf, der richtig ins Geld gehen kann. In einer Modellrechnung für ein Darlehen über 450 000 Euro mit 15 Jahren Zinsbindung und drei Prozent Tilgung pro Jahr kam er auf erhebliche Unterschiede zwischen dem günstigsten und teuersten Anbieter in der FMH-Datenbank. Demnach lag die Differenz bei der monatlichen Rate für Zins und Tilgung bei 281,25 Euro. Das führe zu einer Restschuld nach Ablauf der Zinsbindung, die statt bei 219 703 Euro bei 178 275 Euro liege.

Bauspar- und Hypothekenzinsen auf Rekordtief

Grafik Bauzins

Quelle: FMH-Finanzberatung Foto: peterschreiber.media – stock.adobe.com

 

Mittlerweile hat sich die Angst, die auf Rendite und Zinsen drückt, wieder reduziert. Entsprechend haben sich die Renditesätze der deutschen Bundesanleihe wieder etwas erholt. Herbst geht deshalb davon aus, dass es wegen des Virus in den kommenden Monaten moderat, aber stetig nach oben gehen werde. Ende März rangierte der FMH-Index-Wert für einen Hauskredit mit 20-jähriger Zinsbindung bei 1,17 Prozentpunkten. Selbst eine Zinssteigerung von 0,5 Prozent würde immer noch deutlich unter dem Mittelwert der vergangenen fünf Jahre von 1,94 Prozent liegen. Kunden einer Baufinanzierung, egal ob Neu- oder Anschlussfinanzierung, stelle sich nun die Gretchenfrage: Soll man jetzt zuschlagen oder noch abwarten? Ein Aspekt ist das Vertrauen der Investoren, das auf die deutschen Hilfspakete in Milliardenhöhe für die Wirtschaft „mit gleichbleibendem, fallendem oder gar verstärktem Vertrauen in den starken Staat“ reagieren kann.

Die Unsicherheit bleibt bestehen

Unklar ist auch, wie sich der bisherige Nachfragedruck auf die Immobilienpreise bei einem Exit des gesellschaftlichen Shutdowns entwickelt. „Die Unsicherheit bleibt“, konstatiert Herbst. Orakeln lässt sich in viele Richtungen. Denkbar wäre auch, dass Häuslekäufer plötzlich statt mit zwei Gehältern nun mit Kurzarbeitergeld zurechtkommen müssen. Je nach individueller Situation steht plötzlich auch eine unplanmäßige Trennung der Wunschimmobilie im Raum. Sollten die Immobilienpreise bei so einer Entwicklung sinken, könnte sich ein späterer Kauf trotz leicht steigender Zinsen lohnen. „Klare Empfehlungen kann hier leider niemand aussprechen“, konstatiert Herbst.