Krisenmanagement
13. Mai 2020 18:00  Uhr

Der Kampf gegen Corona: teuer, aber nicht ruinös

Die Lage ist komplex und unübersichtlich, die Kosten der Covid-19-Pandemie und ihrer Bekämpfung gehen in die Milliarden. Ökonomen halten die zusätzliche Schuldenlast jedoch für tragbar.

Die Wirtschaft schrittweise hochfahren und dabei die Ansteckungsgefahr minimieren – dieser schwierige Balanceakt wird die nächste Zeit prägen. Deutschland hat aber die Ressourcen, um die Krise zu meistern. Illustration: AdobeStock_leowolfert

Von Stephanie Burger

ERLANGEN/REGENSBURG/MÜNCHEN. „Die Lösung auf der einen Seite ist das Problem auf der anderen Seite“, stellt der Münchner Soziologe Armin Nassehi mit Blick auf die ersten Lockerungen der Coronamaßnahmen fest. Nassehi hat als Mitglied der 26-köpfigen Arbeitsgruppe der Nationalakademie Leopoldina an den Lockerungsempfehlungen mitgeschrieben, an denen sich die Bundesregierung orientiert hat. Nassehi macht damit deutlich, dass sich in der komplexen Gemenge- und unklaren Datenlage, wie sie die Coronakrise und der Shut-down produzieren, Positionen widerstreiten – und dabei alle richtig sein können. Die vielfach bemühte Gegenüberstellung von durch Corona gefährdeten Menschenleben einerseits und den wirtschaftlichen Interessen andererseits greife zu kurz. Es müsse beides zusammengedacht werden, betonte Nassehi im Wissenschafts-Talk „Scobel“. Und das erfordert nicht weniger als die Quadratur der Kreises.

„Jede wissenschaftliche Disziplin bewertet aus ihrer Perspektive. Und jedes Teilsystem ist gleichberechtigt und argumentiert sachlich richtig. Die Politik muss dazwischen abwägen“, sagt auch Prof. Dr. Matthias Fifka, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Strategisches und Werteorientiertes Management an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Insofern seien die bisher getroffenen Entscheidungen der Politik nachvollziehbar. Allerdings sollten sie besser kommuniziert werden, wünscht sich Fifka und nennt als Beispiel die 800-Quadratmeter-Regel. Tatsache ist: Es werden Jahre vergehen, bis das ganze Ausmaß der Pandemie und ihre langfristigen Auswirkungen absehbar und analysiert sind. Aktuell bemühen sich die Wirtschaftsforschungsinstitute um Szenarienrechnungen der Kosten des Corona-Shut-downs. Das Münchner Ifo-Institut, dessen Prognose pessimistischer ausfällt als beispielsweise die des Sachverständigenrats Wirtschaft, auch „Wirtschaftsweise“ genannt, beziffert die Shut-down-Kosten je nach Szenario auf 255 bis 495 Milliarden Euro. Im Bundesdurchschnitt wird 2020 nach Angaben der Münchner Forscher das Bruttoinlandsprodukt um 16,3 Prozent einbrechen, in Bayern aufgrund seiner ausgeprägten Exportindustrie sogar um 17,3 Prozent.

Der Tourismus hofft auf Reisen in Deutschland

Besonders schlimm hat Corona die Reiseindustrie getroffen. Im positivsten Szenario erwartet Dr. Michael Braun, Vorstand des Tourismusverbandes Ostbayern e. V., dass innerhalb Deutschlands ab Juni wieder gereist werden kann und die Sommersaison nicht komplett ausfällt. „Trotzdem rechnen wir damit, dass 10 bis 20 Prozent des Gastgewerbes ihren Betrieb einstellen“, so Braun. Ein Totalausfall der Sommersaison bedeute den Todesstoß für rund 80 Prozent der Betriebe. Die Branche ist aber auch im Shut-down aktiv. So hat der Tourismusverband eine Aktion gestartet, um seine Betriebe fit zu machen für die Zeit nach der Krise, zum Beispiel in Sachen digitaler Buchung. Auch Kathrin Fuchshuber vom Regensburger Hotel-Verein berichtet, dass sie und ihre Kollegen bereits Konzepte erarbeiten, um unter Einhaltung der Abstands- und Hygienregeln ihre Betriebe wieder öffnen zu können. Sie ist optimistisch und hofft ebenso wie Braun auf viele Deutschlandtouristen bereits im Sommer. „Aber schon Pfingsten muss es losgehen“, sagt sie. Siegfried Putz vom Tourismus-Marketing Bayrischer Wald fordert eine massive Ausweitung von Coronatests für den Tourismussektor. „Ein verpflichtender Test vor jeder Reise wäre das Ziel“, sagt er. So ließe sich die Ansteckungsgefahr eindämmen. Komme es dennoch zu einer Infektion, müsse der Infektionsweg nachvollzogen werden, um Kontaktpersonen testen und gegebenenfalls isolieren zu können. Das sei im Hotelgewerbe gut möglich, man kenne die Kunden namentlich.

Beispiellos ist jedoch nicht nur der Absturz, sondern auch das Hilfspaket, das die Regierung zur Unterstützung von Familien, Mietern, Beschäftigten, Selbstständigen und Unternehmen geschnürt hat. Doch woher kommt eigentlich das Geld und wie wird sich diese enorme und ungeplante finanzielle Intervention auf die Entwicklung der Volkswirtschaft auswirken? Prof. Dr. Matthias Fifka erläutert die Zusammenhänge: Der Staat beschafft das Geld auf die gleiche Art und Weise wie für seinen Haushalt und andere Projekte auch – über Staatsanleihen von privaten und institutionellen Investoren wie Banken oder anderen Staaten. Auf verschiedene Arten reicht dann der Staat das zusätzlich am Kapitalmarkt aufgenomme Geld an krisenbetroffene Unternehmen weiter, beispielsweise in Form von Sofortzahlungen oder Corona-Krediten, für die er eine Bürgschaftsquote von bis zu 80 Prozent übernommen hat. „Die Politik hofft, dass Unternehmen das Geld investieren. Aber es kann auch sein, dass diese nicht im Sinne des Erfinders entscheiden und in der Krise keine neue Halle bauen, sondern lieber Aktien kaufen. Dann bleibt das Geld in der Finanzwirtschaft und kommt nicht in der Realwirtschaft an.“

Elektroindustrie sorgt sich um Lieferketten

Gestörte Lieferketten, Einbrüche bei den Bestellungen und die Abhängigkeit von Vorerzeugnissen aus dem In- und Ausland machen den Unternehmen der Elektrotechnik und Elektroindustrie zu schaffen. Nach Angaben von Dr. Peter Thelen, Geschäftsführer des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e. V. (ZVEI), erwartet die Branche laut einer Umfrage vor Ostern einen Umsatzrückgang von durchschnittlich 14 Prozent. „Die Elektroindustrie ist aufgrund ihrer Vielfältigkeit allerdings unterschiedlich stark betroffen. Wir haben beispielsweise einen Hersteller von Schutzschaltern für Beatmungsgeräte in unserem Verband, der nun seinen Aufträgen gar nicht mehr hinterherkommt“, sagt Thelen. Zwei Drittel der Unternehmen hätten Kurzabeitergeld beantragt. Wichtig sei nun eine wohlüberlegte Exitstrategie vonseiten der Politik, betont Thelen. Aufgrund der weltweiten Vernetzung der Branche werde es im weiteren Verlauf auch entscheidend sein, wie schnell und umfassend die Erholung in anderen Ländern vonstatten gehe.


Dennoch, so betont Fifka, habe der Staat mit dem Hilfspaket getan, was er tun könne. Das sieht auch Prof. Dr. Andreas Roider, Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre IV an der Universität Regensburg, ähnlich. „In der aktuellen Situation ist das Hilfspaket zwingend“, sagt er. Denn nur so könne eine schwere Wirtschaftskrise vermieden werden. „Der wirtschaftliche Schock durch die Coronapandemie war ja in seiner Heftigkeit und in seinem Zeitpunkt nicht vorherzusehen. Deshalb gilt es nun, Unternehmen, deren Geschäftsmodell im Grunde solide ist, zu erhalten und die Kaufkraft der Konsumenten zu stärken. Um dies zu erreichen, wird die Staatsverschuldung in der Tat nun deutlich ansteigen müssen“, stellt Roider fest. Beide Ökonomen sind jedoch der Ansicht, dass die zusätzliche Schuldenlast volkswirtschaftlich bewältigt werden kann. Fifka stellt sie in Relation zur gesamten deutschen Staatsverschuldung: Diese lag Ende 2019 bei knapp 1,9 Billionen Euro. Krisenbedingt sind nun bislang zusätzliche Schulden von 125 Milliarden Euro aufgenommen worden. Hinzu kommen weitere rund 35 Milliarden Euro aufgrund sinkender Steuereinnahmen. „Durch Corona haben wir also rund 8 Prozent Schulden on top.“ Der „Wirtschaftsweise“ Prof. Lars P. Feld hält sogar zusätzliche Schulden von einer Billion Euro für verkraftbar, wie er in einem Interview auf Fokus online erklärte. Auch ein Blick auf die Schuldentilgung hilft bei der Einordnung: In den konjunkturell sehr guten Jahren von 2012 bis 2018 konnte der Staat Fifka zufolge 150 Milliarden Euro Schulden abbauen. Diese Tilgung erweise sich jetzt als Vorteil, sagt auch Roider. Um die Wirtschaft nach der Pandemie anzukurbeln, braucht es seiner Ansicht nach ein staatliches Konjunkturpaket, das idealerweise die Infrastruktur verbessert oder auf Maßnahmen mit Effekten für das Klimaschutzziel abstellt.

Maschinenbau büßt zunehmend Aufträge ein

Laut einer Umfrage des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V. (VDMA) vom 17. April leiden 89 Prozent der Mitgliedsunternehmen unter nennenswerten Beeinträchtigungen ihres Betriebsablaufs in Folge der Krise. Auftragseinbußen, Stornierungen und gestörte Lieferketten bereiten den Maschinen- und Anlagenbauern die größten Sorgen. In Bayern fordern die Betriebe aktuell vor allem Nachbesserungen bei den Ein- und Rückreisebestimmungen von Montage- und Servicekräften. Die bayerische Quarantänebestimmung behindere den grenzüberschreitenden Service- und Wartungsbetrieb erheblich, da fast jeder Monteur nach seiner Rückreise für 14 Tage ausfalle, erklärt Elgar Straub, Geschäftsführer des VDMA-Landesverbands Bayern. Eine weitere Herausforderung sei, dass den Betrieben derzeit eine erhebliche Zahl an Mitarbeitern fehle, die ihre Kinder betreuen müssten. Deshalb sei es wichtig, dass die Politik nun einen Zeithorizont sowie Regelungen für die stufenweise Wiederöffnung von Schulen und Kindergärten vorgebe. „Seriöse Schätzungen, wie sich die Maschinenbaukonjunktur weiter entwickeln wird, sind noch nicht möglich. Sicher ist, dass eine schwierige Wegstrecke vor uns liegt“, sagt Straub.

Auf die Frage, welche Lehre aus dieser Krise zu ziehen sei, nennen beide Ökonomen an erster Stelle die Behebung des Digitalisierungsdefizits. „Die Versäumnisse bei der Digitalisierung und der digitalen Infrastruktur treten in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen, Betriebsschließungen und Home Office deutlich zu Tage. Die Krise ist ein Weckruf“, sagt Roider. Unternehmen seien nun gezwungen, sich mit der Digitalisierung verstärkt auseinanderzusetzen, meint Fifka. „Die Krise ist eine Art Konfrontationstherapie.“ An eine generelle Umgestaltung des Wirtschaftssystems nach ökologisch-nachhaltigen Kriterien glauben die Professoren indes nicht.

Schrittweiser Hochlauf der Autoproduktion

Von einem Einbruch des Pkw-Markts 2020 um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geht der Verband der Automobilindustrie (VDA) aus. VDA-Präsidentin Hildegard Müller hält konjunkturelle Stützungsmaßnahmen für unbedingt erforderlich: „Entscheidend für uns ist, dass nun die Autohäuser wieder im stationären Handel verkaufen können. Der Kfz-Handel ist – neben funktionierenden Lieferketten – die Basis dafür, um die Produktion wieder hochzufahren.“ Wichtig sei es nun, dass die Zulassungsstellen rasch wieder flächendeckend voll arbeitsfähig seien. Der Hochlauf der Produktion werde schrittweise erfolgen, abhängig von der Situation der Lieferketten und der Nachfrageentwicklung. In Sachen Infektionsschutz für die Mitarbeiter seien die Unternehmen für den Hochlauf vorbereitet, so Müller. Kritik übt sie an der mangelnden Abstimmung unter den EU-Mitgliedern. „Die deutsche Automobilindustrie produziert in nahezu allen EU-Ländern und ist auf funktionierende Lieferketten angewiesen.“ Auch was die Lösung zur Behebung der Finanzfragen betrifft, vor allem im Hinblick auf die südeuropäischen Mitgliedsstaaten, fordert Müller mehr Tatkraft von der EU-Kommission. Bleibe hier eine Einigung aus, werde die EU insgesamt und die europäische Idee weiteren Schaden nehmen.