Interview
15. Oktober 2020 12:38  Uhr

Artensterben ist der große blinde Fleck unserer Zeit

Der Klimawandel ist derzeit das prominenteste ökologische Problemfeld – doch er ist nicht das einzige. Dr. Andreas Segerer, stellvertretender Leiter der Zoologischen Staatssammlung München, wirbt für einen generelleren Blick auf die Umwelt.

Alles im grünen Bereich? Die Ausbreitung landwirtschaftlicher Monokulturen ist einer der Gründe für die schwindende Biodiversität. | Foto: BuscheMedien – stock.adobe.com

Von Mechtild Nitzsche

Herr Doktor Segerer, in Ihrem Buch „Das große Insektensterben“ machen Sie die größten ökologischen Problemfelder unserer Zeit aus. Der derzeit medial sehr präsente Klimawandel rangiert hier erst auf Platz drei – hinter dem Artensterben und dem gestörten Stickstoffkreislauf. Warum?

Dr. Andreas Segerer: Ich beziehe mich hier auf das Konzept der planetaren Grenzen des Wissenschaftlers Johan Rockström vom Resilience Centre an der Uni Stockholm. Seit Ende der Eiszeit, also die letzten etwa 11.000 Jahre, waren die Umweltbedingungen mehr oder weniger konstant. Das verdankt sich dem Ineinandergreifen verschiedener natürlicher Prozesse, die gewisse Störungen durch den Menschen vertragen können, aber in Grenzen. Die Frage lautet: Wie viel Puffer hat der Planet gegen diese Eingriffe und wann werden jeweils die Kipppunkte erreicht, die Ökosysteme zerstören? Rockström identifizierte neun dieser Prozesse, darunter etwa auch den Süßwasserverbrauch, die Ozeanversauerung oder die Landnutzungsänderung und Abholzung, die mittlerweile den Klimawandel sogar von Platz drei auf vier verdrängt hat. Ins öffentliche Bewusstsein haben es davon nur Ozonloch und Klimawandel geschafft.

Hat Fridays For Future also Unrecht?

Nein, natürlich nicht, ich will die Gefahren durch den Klimawandel keineswegs relativieren. Ich sage nur: Die anderen Probleme sind noch schlimmer. Die CO2-Bilanz der Erde und die Temperaturzunahme sind dramatisch. Aber wir haben auch eine dramatisch steigende Nährstoffbilanz und bei der Aussterberate bewegen wir uns mittlerweile in einem Bereich, der nur noch vergleichbar ist mit dem Aussterben der Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren. Was der Meteorit in Tagen schaffte, schafft der Mensch in 200 Jahren – in erdgeschichtlichen Dimensionen ist auch das quasi nichts.

Warum sollten wir ein paar exotische Insekten schützen wollen, die keiner kennt?

Weil sie einen Job haben in den Ökosystemen: Bestäubung, die Beseitigung von Aas, als Nahrung für Milliarden anderer Tiere und vieles mehr. Fällt das weg, ist das wie ein fallender Dominostein, der eine ganze Kette zum Einsturz bringt. Es reicht nicht mehr ansatzweise, das Weltklima zu retten. Wir brauchen längst Weltökokonferenzen statt Weltklimakonferenzen. Übrigens: Es geht nicht darum, dass die Erde zerstört wird. Aber das menschliche Leben, die Zivilisation, der Zusammenhalt sind in Gefahr.

Es reicht nicht mehr ansatzweise, das Weltklima zu retten. Wir brauchen längst Weltökokonferenzen statt Weltklimakonferenzen.

Ist die Aufgabe des kommenden Jahrzehnts also vor allem Aufklärung?

Im Prinzip ja – auch. Das Hauptproblem ist dabei aber die Komplexität der Zusammenhänge. Ich beobachte einen zunehmenden Mangel an Bereitschaft, Komplexität als solche wahrzunehmen und anzuerkennen. Möglichst einfach, möglichst kurze Sätze, möglichst monokausal – nur solche Informationen kommen an. Und wenn die Masse nicht informiert ist und nichts verlangt, reagiert auch die Politik nicht. Zur Verbesserung der Information könnte man also strukturell ansetzen: zum Beispiel durch ein Nachjustieren der Biologielehrpläne, da waren wir schon mal weiter. Und bei der Besetzung der Lehrstühle: Hier setzen sich Forschungsschwerpunkte durch, die in sind, wie Molekularbiologie oder Krebsforschung. Das Thema Biodiversität steht da nicht so im Fokus, das könnte man ändern.

Dieser Ansatz könnte aber lange Zeit dauern. Haben wir die noch? Oder gibt es dazu auch noch „kleine Schritte“ für jeden?

Die Überstrapazierung der natürlichen Grenzen ist ein Resultat dessen, dass wir nicht nachhaltig leben. Daran könnte jeder etwas ändern. Doch die Erfahrung lehrt, dass eine Verhaltensänderung den Leidensdruck braucht. Beim Klima merken wir inzwischen, es passiert was. Beim Artensterben und bei der Überdüngung allerdings noch nicht. Gehen Sie in den Supermarkt, da ist noch alles da. Wenn nicht, heißt es, das sei der Klimawandel. Das Artensterben ist in der Wahrnehmung noch nicht angekommen.

Was schlagen Sie also vor?

Alle Beteiligten, also Politiker, Wissenschaftler, Wirtschaft und Bevölkerung, müssen sich zusammensetzen und konstruktiv an einer Verbesserung der Situation arbeiten. Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir uns in irgendeiner Form einschränken. Statt „Natur zum Nulltarif“ brauchen wir eine ökosoziale Marktwirtschaft. Das klingt wie eine Utopie, doch darauf muss es hinauslaufen. Und wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft: Der grenzenlose Nährstoff- und Gifteintrag ist ein Erbe, das die ganze Welt zu tragen hat, hier muss man endlich gegensteuern. Vielleicht gelingt das am ehesten, wenn man die ökologischen Schäden in Zahlen fasst: Laut der Food and Land Use Coalition FOLU verursacht die Lebensmittelerzeugung weltweit bei einem Gewinn von 10 Billionen Dollar versteckte Umwelt-, Gesundheits- und ökonomische Kosten von 12 Billionen. Das sind zwei Billionen Miese jährlich. Diese Ehrlichkeit bräuchten wir in der Preisgestaltung – dann wäre der Bioapfel auch wieder konkurrenzfähig zum eingeflogenen Billigprodukt.

Die Zeitskala, bis es wehtut, ist eine von Jahrzehnten. (…) Unsere Kinder und Enkel werden mit Sicherheit die Folgen zu spüren bekommen.

Gibt es auch positive Beispiele, die zeigen, dass es gelingen kann?

Ja, durchaus. Nehmen Sie „Das Wunder von Mals“, da hat ein Dorf in Südtirol beschlossen, beim Apfelanbau auf den Pestizideinsatz zu verzichten – und das mit Erfolg. Die Klage von 1200 Bauern und dem Südtiroler Landesrat für Landwirtschaft gegen das Buch, das darüber geschrieben wurde, ist allerdings bezeichnend. Sie zeigt, dass es neben allen Sachzwängen auch noch starke gegenläufige Interessen gibt, denen man sich stellen muss.

Die Situation scheint verfahren. Sehen Sie auch Lichtblicke?

Ja, ein Lichtblick ist zum Beispiel das bayerische Volksbegehren „Artenvielfalt“ gewesen, das hat viele aufgeweckt. Dieser Effekt ist vielleicht fast noch wichtiger als das, was letztendlich in der Umsetzung passiert ist: Das Volksbegehren hat hohe Wellen geschlagen, die bis nach Amerika reichten. Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema ist dadurch enorm gewachsen.

Wie Sie sagten, sind beim Klimawandel erste Effekte schon für alle sichtbar, beim Artensterben aber noch nicht. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass diese Katastrophe letztlich noch etwas auf sich warten lässt?

Nein, leider nicht. Die Zeitskala, bis es wehtut, ist eine von Jahrzehnten. Und so paradox es auch klingt: Das macht mir auch etwas Hoffnung. Die Gefahren sind immanent, unsere Kinder und Enkel werden mit Sicherheit die Folgen zu spüren bekommen. Das sollte Grund genug sein, zu handeln, um nicht als Gesellschaft so zu enden wie die Bewohner der Osterinsel: Die sind, nachdem sie etwa ab dem 14. Jahrhundert ihre natürlichen Lebensressourcen zerstört hatten, zwar nicht ausgestorben. Aber die Gesellschaft ist zerbrochen, es kam zu Stammeskriegen bis hin zum Kannibalismus. Und als im 18. Jahrhundert die Europäer auf der Insel ankamen, war die Bevölkerung um 80 Prozent eingebrochen.

Dr. Andreas Segerer ist gebürtiger Regensburger und promovierte nach dem Studium der Biologie an der Universität Regensburg im Fach Mikrobiologie. Von 1992 bis 1998 leitete Segerer das mikrobiologische Labor im Akademischen Lehrkrankenhaus der LMU in Traunstein, ehe er zu den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns wechselte. Dort ist er als Lepidopterologe (Schmetterlingsforscher) an der Zoologischen Staatssammlung tätig, der er auch als stellvertretender Direktor vorsteht. Dr. Andreas Segerer ist zudem Präsident der Münchner Entomologischen Gesellschaft e.V., der größten insektenkundlichen Vereinigung im deutschsprachigen Raum. Mit seinem im oekom-Verlag erschienenen Buch „Das große Insektensterben“ stellte er anschaulich das Ausmaß, die Auswirkungen sowie die Gefahren des weltweiten Artensterbens dar.

Fazit

Der Klimawandel ist nicht das einzige Ökologiethema, das die neuen Zwanziger bestimmen wird – es gibt noch eine Reihe weiterer: Neben der Überdüngung ist das Artensterben einer der Prozesse, die dem kritischen Kipppunkt bereits am nächsten sind. Es hat eine Dynamik erreicht, die nur mit dem Aussterben der Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren zu vergleichen ist. Und es lässt sich direkt und indirekt auf menschliches Handeln zurückführen.
Aus diesem Grund reicht es nicht aus, alle ökologischen Bemühungen auf die Vermeidung beziehungsweise Bewältigung des Klimawandels zu richten. Statt reinen Weltklimakonferenzen müssen Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft auf umfassenden Weltökokonferenzen Lösungsansätze für die komplexen ökologischen Themen des nächsten Jahrzehnts erarbeiten.
Diese Lösungsansätze müssen grundsätzlicher Art sein: In der Wirtschaft etwa könnte ein realistisches Einpreisen der tatsächlichen Umwelt- und Gesellschaftskosten in den Konsum zu einer ökosozialen Marktwirtschaft führen, die nicht mehr „Natur zum Nulltarif“ konsumiert. Auch in der Landwirtschaft ist ein Paradigmenwechsel notwendig – weg vom unregulierten Stickstoff- und Pestizideintrag hin zu ökologischer Landwirtschaft.