Interview
29. Oktober 2021 9:50  Uhr

Aufmerksamkeit macht den Kopf frei für Wesentliches

Prof. Dr. med. Volker Busch spricht im Interview über den Umgang mit der täglichen Informationsflut, wie man den „Kopf frei!“ bekommt – und warum jeder im Unternehmen regelmäßig eine „tiefe Stunde“ haben sollte.

Prof. Dr. med. Volker Busch, Mediziner und Hirnforscher, plädiert dafür, der Aufmerksamkeit wieder mehr Beachtung zu schenken. | Foto: Petra Hohmeier

Von Rebecca Sollfrank

Herr Professor Busch, Sie sprechen in Ihrem Buch von der Bedeutung der Aufmerksamkeit Tätigkeiten, Dingen und Personen gegenüber. Sollte Aufmerksamkeit eine größere Rolle bei der Unternehmens- und Personalführung spielen?

Prof. Dr. med. Volker Busch: Aufmerksamkeit müssen wir uns als eine geistige Ressource vorstellen, die uns die Tür zu vielen anderen Ressourcen öffnet. Deshalb ist sie so wichtig. Wir sprechen selten konkret über Aufmerksamkeit, sondern immer nur darüber, was sie bewirkt. Das wäre zum Beispiel die Fähigkeit, logisch zu denken, ein gutes Gedächtnis, eine gute Orientierung oder Einfühlungsvermögen. Aufmerksamkeit ist die Basis für alle diese Fähigkeiten. Wer Menschen motivieren möchte, auch im unternehmerischen Kontext oder im Personalwesen, wer ihnen zu besseren Leistungen verhelfen möchte, sollte sich daher zuerst anschauen, ob man nicht der Aufmerksamkeit mehr Bedeutung beimessen muss.

Eine gute Führung ist also eine aufmerksame Führung?

Ja, denn wir wissen, dass eine gute Führung sich dadurch auszeichnet, die Bedürfnisse der Mitarbeiter, ihre Schwächen, aber auch ihre Stärken zu kennen. Hinter einer schwachen Führungskraft steckt nicht automatisch ein schlechter Mensch. Oft haben diese Führungskräfte so viel auf dem Schirm, dass sie aus dem Blick verlieren, wer da für sie arbeitet. Und wie sollte man Leistung honorieren, die man gar nicht wahrnimmt? Aber spürbare Wertschätzung ist eine hohe Währung im Motivationsgeschäft. Wer als Unternehmer seinen Leuten genauso viel Aufmerksamkeit schenkt wie den Marktbedingungen und den Kundenwünschen, führt in der Regel besser. Generell sollten wir alle im Alltag lernen, den Aufgaben oder Personen Aufmerksamkeit zu schenken, die sie gerade verdienen. Dann wird die echte, momentane Aufmerksamkeit einer Führungsperson zum Zusatzverdienst des Mitarbeitenden.

Sie sprechen immer wieder von Aufmerksamkeitsdieben, die uns von konzentriertem Arbeiten abhalten. Das kann neben E-Mail, Whatsapp und Co. der Kollege sein, der einem zur Unzeit ein privates Gespräch aufdrängt. Konnten, abgesehen von homeschoolinggestressten berufstätigen Eltern, die Mitarbeitenden im Corona-Homeoffice ungestörter arbeiten?

Nein, das glaube ich definitiv nicht, obwohl es dazu wohl bis jetzt keine umfassenden wissenschaftlichen Untersuchungen geben dürfte. In der Coronazeit mussten die Menschen ihren Tagesablauf plötzlich viel selbständiger strukturieren. Aber diese Form der Selbststeuerung kann man trainieren. Viele Beschäftigte, die jahrelang im Präsenzbüro feste Rahmenbedingungen hatten, haben unter der neuen Freiheit im Homeoffice eher gelitten, weil bei der Arbeit zu Hause häufig die Struktur fehlte. Sich im Zuhause, das man ja eher mit Freizeit verbindet, auf berufliche Aufgaben zu konzentrieren, hat Vorteile des Homeoffice wie etwa den fehlenden Pendlerstress bei vielen aufgewogen. Eine Steigerung der Produktivität allein durch Homeoffice ist daher nach wie vor umstritten. Der Erfolg steht und fällt hier mit der Fähigkeit, seine Arbeitsabläufe und -orte so zu strukturieren, dass eine Fokussierung möglich ist. Ein ständiges Verteilen oder Wechseln der Aufmerksamkeit macht geistig schlechter. In der Folge steigt die Fehlerrate und die Bearbeitung der Aufgaben dauert länger.

Die Digitalisierung könnte uns im Idealfall mehr Zeit verschaffen, uns auf wichtige Aufgaben zu konzentrieren. Aber was macht die Auslagerung von Wissen in die Cloud mit unserem Gedächtnis und unseren Kompetenzen?

Durch die digitale Speicherung von Daten Informationen zu sichern und kollektiv nutzbar zu machen, ist prinzipiell etwas Gutes und durchaus nicht neu. Was heute die Clouds sind, waren früher die Bibliotheken; Menschen haben durch Archive schon immer ihr Gedächtnis entlastet. Das eigentliche Problem ist: Wenn wir handlungsnötiges Wissen nicht mehr im Kopf haben, sondern nur situativ über eine App abrufen, kann es nicht mehr zu echter Erfahrung werden und das kostet uns Kompetenz im sogenannten „Real Life“. Nehmen Sie Erfahrung hier mal wörtlich. Wer mit dem Auto immer nur den Anweisungen eines Navigationsgerätes hinterherfährt, entwickelt keine Raumorientierung. Das Sich-Verlassen auf digital generierte Information kann sich so weit pervertieren, dass wir auf der Couch im Tablet nach der aktuellen Temperatur schauen, statt nach draußen zu gehen und sie selbst zu fühlen. Wenn wir ohne echte Erfahrung versuchen, im Bayerischen Wald mit einer App Pilze zu sammeln, kann es lebensgefährlich werden, wenn das Netz einmal weg ist, denn offline ist das Wissen über Gestalt und Aussehen der Pilze nicht mehr vorhanden. Wir können Expertise nicht bei Google herunterladen, sondern nur im realen Leben selbst entwickeln. Das merkt sich unser Gehirn dann auch wirklich.

Gilt das auch im Beruf?

Absolut. Große Datenmengen, die wir für Prozesse brauchen, wie Kundennummern, in ein digitales Gedächtnis zu übertragen, ist nicht nur bequem, sondern sinnvoll, um im Kopf Platz für wichtige akute Vorgänge zu schaffen. Auch lernende Algorithmen, die auf Basis gesammelter Daten Prozesse optimieren und steuern, sind zunächst einmal nichts Negatives. Problematisch für unsere mentale Autonomie werden solche Dinge erst, wenn wir verlernen, Schlüsse zu hinterfragen, die ein Algorithmus für uns aus Daten zieht. Wir werden heute im Alltag mit so vielen Informationen in so hoher Frequenz bombardiert, dass uns keine Zeit mehr bleibt, uns zu fragen: Woher kommt diese Information, ist sie stichhaltig, macht sie in diesem und jenem Zusammenhang einen Sinn? Informationen alleine generieren kein Wissen. Erst Informationen, über deren Wert wir nachdenken, die wir untereinander austauschen und mit anderen Erfahrungen verknüpfen, werden zu Wissen. Diese Verknüpfungskompetenz haben wir übrigens immer noch jeder künstlichen Intelligenz voraus. Und diesen Vorsprung sollten wir unserem Gehirn nicht aus Bequemlichkeit abtrainieren!

Apropos trainieren: Auch wenn das auf Dauer nicht gut für uns ist, gehören Informationsflut und Multitasking zu unserer modernen Arbeitswelt. Welches Ausgleichstraining empfehlen Sie, um den Kopf wieder freizubekommen?

Es kommt auf die individuelle Konstitution und die Dosis an, mit Informationsflut und Gleichzeitigkeit kommen die Menschen unterschiedlich gut zurecht. Eine Grundregel für alle könnte aber „regelmäßiger Wechsel“ heißen. Da gibt es noch einiges zu verbessern. Der Worst Case aus meiner Sicht wäre, wenn ich permanent unter Stress und Gleichzeitigkeit arbeite, mich abends nur mit Fernsehen ablenke und dann glaube, einmal im Jahr in drei Wochen Urlaub genug für die nächsten elf Monate abschalten zu können. Als biologische Lebewesen brauchen wir einen ständigen Wechsel zwischen Anstrengung und Erholung, Anspannung und Entspannung, Leistung und Loslassen. Das gilt für alle Arbeits- und Lebensbereiche. Optimal wären 15 Minuten Pause nach 60 bis 90 Minuten geistiger Anstrengung. Wichtig ist die Qualität der Pause: Sie sollte eine Informationspause, also Konsumpause sein, und verliert ihren Wert, wenn man sich mit einem schnellen Computerspiel digital ablenkt. Lieber sollte man vor die Tür gehen, einfach mal einen schönen Anblick genießen und nichts tun. Kurze und häufige Pausen sind besser als seltene und lange, hier bringt die Regelmäßigkeit den Effekt. Das gilt genauso für Digital Detox: Wer elf Monate am Stück am Smartphone hängt und dann ein zweiwöchiges Digital-Retreat macht, wird weder seine Konzentration wiederherstellen noch seine Kreativität steigern. Wer dagegen jeden Tag ein paar konsumfreie Digitalpausen einlegt, schon eher.

Könnte man neben diesen regelmäßigen Pausen vor allem im New-Work-Modell nicht auch die von Ihnen propagierte „tiefe Stunde“ einbinden?

Die tiefe Stunde schätze ich für mich selbst enorm und kann sie als Praxis wärmstens weiterempfehlen. Sie bedeutet, dass man sich über einen bestimmten Zeitraum hinweg voll und ganz einer einzigen Aufgabe widmet, ohne Ablenkung von Informationskanälen oder anderen Menschen, die an dieser Aufgabe nicht originär beteiligt sein müssen. Dafür müsste man im Unternehmen, ob Großraumbüro oder Werkshalle, Rückzugsräume schaffen, die sämtliche Ablenkungen sicher ausschalten. Darauf, wie wertvoll solche tiefen Stunden sind, müssten sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer aufmerksam gemacht werden. Wir alle kennen dieses beglückende Gefühl, wenn wir es schaffen, uns so richtig in eine Sache zu vertiefen. Das kann das Erstellen einer anspruchsvollen Präsentation oder der Bau eines schönen Werkstückes sein. Wer diesen Flow und das Erfolgsgefühl danach schon einmal erlebt hat, weiß, dass er nicht nur mental guttut, sondern uns insgesamt leistungsfähiger macht. Die tiefe Stunde kann sich übrigens auch auf Teams beziehen. Wir hatten mal für ein Unternehmen einen regelmäßigen „tiefen Korridor“ eingerichtet. In diesen zwei Stunden am Vormittag gab es keine interne Kommunikation oder Meetings. Jeder konnte sich ungestört in dieser Zeit um die wichtigste Aufgabe des Tages kümmern. Nach einiger Zeit wollten die betroffenen Kolleginnen und Kollegen nicht mehr anders arbeiten. Vielleicht wäre das generell ein Ansatz, mehr Stellen im Unternehmen mit Menschen zu besetzen, die Informationen vorselektieren, kanalisieren und auch aussortieren. Dann entstehen Freiräume, in denen Menschen konzentriert arbeiten oder kreativ Ideen entwickeln können. Vielleicht wird es eine der anspruchsvollsten Aufgaben in einer immer digitaleren Welt sein, zu wissen, auf welche Informationen man bewusst verzichten kann. Dann muss das Gehirn nicht ständig konsumieren, sondern hat wieder Freiräume für das Denken und das Assoziieren.

Volker Busch

Professor Dr. med. Volker Busch ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Regensburg. Der Mediziner und Hirnforscher ist außerdem als Autor, Speaker und Trainer tätig und verrät Mitarbeitern und Führungskräften in Unternehmen den Weg zu mehr Leistung, Motivation und Gehirngesundheit in digitalen Arbeitswelten. Sein im September erschienenes Buch „Kopf frei!“ wurde bereits nach einer Woche zum Spiegel-Bestseller.