Interview
28. Februar 2022 15:24  Uhr

Aufschieben ist menschlich, aber klimaschädlich

Anita Habel, Kommunikationspsychologin, Sozialwissenschaftlerin und Sprecherin bei Psychologists for Future, erklärt im Interview, warum es so schwierig ist, wichtige Dinge zu erledigen – solange es noch vermeintlich dringendere gibt.

„Verschiebe niemals auf morgen, was auch noch bis übermorgen Zeit hat“: Dieses Motto scheint allzu menschlich. Wenn es um den Klimaschutz geht, sind seine Auswirkungen jedoch fatal. | Foto: Christian Horz – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

Frau Habel, seit Jahrzehnten ist die Tragweite der Klimakrise bekannt. Nun werden die Probleme immer drängender. Liegt das vielleicht daran, dass der Mensch nur bedingt fähig ist, zukunftsgerichtet zu handeln?

Anita Habel: Jein. Wir Menschen sind durchaus in der Lage, langfristig zu denken und unser Handeln danach auszurichten. Wir verprassen unseren Lohn ja auch nicht zu Monatsbeginn, weil wir ganz genau wissen, dass wir auch in den kommenden Wochen Geld benötigen. Aber je langfristiger der Zeithorizont wird, desto schwieriger wird es, vorausschauend zu handeln. Unsere Gehirne sind darauf ausgerichtet, im Hier und Jetzt zu denken: Was liegt gerade an? Worum muss ich mich jetzt kümmern? Das braucht die meiste Aufmerksamkeit und Energie. Und je mehr im Hier und Jetzt los ist, desto weniger Platz bleibt für die Zukunft. Jede Form von Knappheit – Zeit, Geld oder Ruhe – führt zu einem verengten Denken. Meistens realisiert man das gar nicht. Wir sind durchgehend damit beschäftigt, im Hier und Jetzt die Feuer zu löschen.

Feuer wie Coronakrise und Ukrainekrieg?

Genau. Solche Krisen verdrängen andere Brandherde – nicht nur die Nachhaltigkeitskrise, beispielsweise auch Fragen sozialer Gerechtigkeit. Das ist total verständlich und menschlich, weil die aktuellen Krisen schnelle Antworten und unmittelbares Handeln brauchen. Das Problem ist nur: Wenn wir die anderen Krisen aus dem Blick verlieren, stehen wir da irgendwann auch vor akuten Problemen. Das ist ein schwieriger Balanceakt, gerade auch auf gesellschaftlicher Ebene, wo so viele Faktoren zusammenspielen.

Also sind wir gefangen in einem Teufelskreis?

Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir viel besser reagieren und Strukturen etablieren, um dem Aufschieben entgegenzuwirken. Deshalb ist Arbeitsteilung auf politischer Ebene so wichtig. Aber auch die scheinbar nicht dringenden Dinge müssen eine entsprechende Gewichtung bekommen. Denn: Nur weil Themen nicht derart dringend wie Corona oder Ukraine sind, heißt es nicht, dass sie nicht wichtig sind. Je mehr wir wichtige Dinge hinausschieben, umso dringender werden sie irgendwann. Dann sind wir wirklich in einem Teufelskreis.

Lässt sich der menschliche Umgang mit der Klimakrise mit einem Studenten vergleichen, der das ganze Halbjahr über Serien schaut und zwei Wochen vor Semesterschluss vor einer Mammutaufgabe steht?

Durchaus. Daher sollten wir eigentlich wissen, wie sehr einem das auf die Füße fallen kann. Wichtig ist dabei: Wir Menschen neigen dazu, nicht nur im Hier und Jetzt zu denken, sondern auch Vorteile, die wir jetzt haben, stärker zu gewichten als mögliche Vorteile, die wir in der Zukunft haben könnten. Selbst wenn die künftigen Vorteile größer sind, ziehen wir die aktuellen vor: jetzt noch eine Serie schauen, anstatt die Studienarbeit zu schreiben. Der Punkt ist ja, dass man für künftige Vorteile jetzt einen Aufwand ohne direkte Belohnung in Kauf nehmen muss. Das ist schwierig, aber durchaus möglich.

Ein weiteres Beispiel wäre der Raucher, der die absehbaren Folgen für seine Gesundheit ignoriert.

In diesem Beispiel steckt eine wichtige Komponente. Jahrzehntelang hat sich eine sehr starke Lobby gegen Preissteigerungen, Rauch- und Werbeverbote für Zigaretten eingesetzt. Inzwischen weiß man aus veröffentlichten Dokumenten, dass diese Lobby sehr viele Falschinformationen gestreut und ihnen einen wissenschaftlichen Anstrich verpasst hat. Dasselbe passiert beim Klima. Da wird ganz gezielt mit Falschinformationen gearbeitet, um die Menschen zu verunsichern. Das macht es den Menschen sehr schwierig, nachhaltig zu handeln. Sobald Unsicherheit besteht, tut sich im menschlichen Gehirn eine große Hürde auf. Lobbygruppen sind ein großer Faktor der Klimakrise. Seit Jahrzehnten wirken sie einer nachhaltigen Zukunft entgegen, um ihren Vorteil im Hier und Jetzt zu sichern: Profit.

Foto: Habel

Wir sind durchgehend damit beschäftigt, im Hier und Jetzt die Feuer zu löschen.

Apropos Verunsicherung: Welche Gefühle löst die Klimakrise bei Menschen aus?

Das dominante Gefühl ist Hilflosigkeit. Das belegen mehrere Studien. Wut, Enttäuschung und Angst sind weitere Gefühle. Bei vielen Menschen besteht der Eindruck, dass für eines der zentralsten Themen unserer Zeit von der Politik viel zu wenig getan wird und viel zu viel auf das Individuum abgewälzt wird. Die Gefühlslage ist: „Wir sollen uns ändern und nachhaltig konsumieren, aber was ist denn eigentlich mit den wirklich entscheidenden Akteuren?“ Tatsächlich müssten Wirtschaft und Politik die Rahmenbedingungen dafür setzen, damit sich etwas im großen Stil ändert.

Und welche Gefühle löst die Klimakrise bei Ihnen persönlich aus?

Traurigkeit, Betroffenheit, Wut. Angesichts der Dimensionen und des massiven Zeitdrucks habe ich oft auch ein Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühl.

Haben Sie die Hoffnung aufgegeben?

Die Hoffnungsfrage stelle ich mir gar nicht. Sie ist nicht hilfreich. Gesellschaftliche Veränderung braucht Zeit und wir sind auf einem Weg dorthin. Selbst wenn ich gar keine Hoffnung mehr hätte, würde ich weiter dranbleiben. Das persönliche Engagement hilft gegen Hilflosigkeitsgefühle.

Wie kann man sich das Wissen um die psychologischen Effekte der Klimakrise zunutze machen?

Um langfristig zu denken und zu handeln, brauchen wir Ressourcen. Die müssen wir uns aktiv schaffen. Das kommt nicht von allein. Wir brauchen neue Strukturen, die Verhaltensänderungen ermöglichen. Ideelle Gründe stehen dabei nicht unbedingt im Vordergrund. Kopenhagen, eine der größten Fahrradstädte der Welt, ist das beste Beispiel dafür. Umfragen zeigen, dass die Menschen dort nicht unbedingt aus Nachhaltigkeitsgründen so viel Fahrrad fahren, sondern weil es die einfachste, schnellste und bequemste Form der Fortbewegung ist. Je einfacher etwas wird, desto öfter wird es getan. Wir können nicht ständig über alles logisch nachdenken und reflektieren. Das würde viel zu viel Ressourcen benötigen. Das Wissen darum müssen wir nutzen und Abkürzungsmechanismen etablieren.

Im Hier und Jetzt müsste also mehr passieren. Seit ein paar Jahren ist das doch der Fall. Die Klimakrise ist präsenter denn je. Reicht das noch nicht?

Es tut sich was. Aber nein, das reicht nicht. Die unterschiedlichsten Wissenschaftler, Studien und nicht zuletzt das Bundesverfassungsgericht sagen unisono, dass auf politischer Ebene zu wenig getan wird. Aber immerhin passiert mehr als vorher. Das Herantasten, Abwägen und ständige Nachbessern ist normal, auch wenn es angesichts des Zeitdrucks schwer auszuhalten ist. Und dennoch braucht es mehr Tempo und wirksamere Maßnahmen, denn mir der Natur, mit unseren Lebensgrundlagen, lässt sich nicht verhandeln.

Fazit

Je weiter Dinge in der Zukunft liegen, desto schwieriger ist es für das menschliche Gehirn, damit umzugehen. Dem Hier und Jetzt schenken wir die meiste Aufmerksamkeit. Insbesondere Krisenzeiten führen zu einem verengten Denken. Langfristiges und vorausschauendes Handeln gerät dabei aus dem Blick. Dieser natürliche Mechanismus ist seit jeher ein Problem der Klimapolitik. Die Bestrebungen, Treibhausgase einzusparen, werden täglich auf die Probe gestellt, im privaten wie im öffentlichen Bereich. Auf politischer Ebene erfordern immer wieder neue Krisen die volle Aufmerksamkeit und rücken die Klimapolitik in den Hintergrund. In der Gesellschaft löst das ständige Aufschieben ein Hilflosigkeitsgefühl aus. Lobbyarbeit verstärkt die Unsicherheit zudem. Das macht es dem Gehirn noch schwerer, zukunftsgerichtet zu denken, als es ohnehin ist. Das Wissen darum kann helfen, dem entgegenzuwirken und neue Strukturen zu etablieren, die es dem Gehirn so einfach wie möglich machen, nachhaltige Entscheidungen zu treffen.