Innovation
4. Juli 2020 6:00  Uhr

Aus der Not eine Tugend: Corona macht erfinderisch

Die erste pandemiebedingte Schockstarre beginnt, sich zu lösen. Nun zeigen Einzelhändler und Gastronomen, wie man mit pfiffigen virtuellen Serviceideen erfolgreich gegen die Folgen des Lockdown ankämpfen kann.

Abends online bestellt, morgens geliefert: Auch die Schwandorfer Biobäckerei Glaab hat sich für die besonderen Anforderungen des Lockdowns etwas einfallen lassen. | Foto: Benedikt Glaab – Schub.kraft

Von Theo Kurtz

OSTBAYERN. Verschlossene Geschäftstüren, keine Kunden, stumme Kassen. Die Coronakrise hat auch den Einzelhandel und die Gastronomie bis ins Mark getroffen. Nicht wenige Betriebe haben aus der Virusnot heraus das Internet und die Sozialen Medien als neue Absatzkanäle entdeckt und pfiffige Ideen entwickelt. Andere wiederum haben bereits in Vorpandemiezeiten auf das Digitalisierungspferd gesetzt und können jetzt agiler und flexibler auf den wirtschaftlichen Ausnahmezustand reagieren. „Websites wurden von Grund auf erneuert, es wurde in Social-Media-Kanäle und spezielle Konsumenten- und B2B-Plattformen investiert und im Tourismus- und Freizeitbereich wurden digitale und dynamisch anpassbare Ticketsysteme eingeführt“, beschreibt Thomas Raab, Referent Digitale Wirtschaft bei der IHK Regensburg, die Aktivitäten.

Vom „Masked Singer“ zum „Masked Mixer“

Als wegen der Pandemie auch im Lokal Das Eisenherz in Amberg die Rollos heruntergingen, war Inhaber Sebastian Apfel zum Nichtstun verdammt. „Nur auf der Couch rumsitzen, das konnte ich einfach nicht“, erzählt der engagierte und findige Gastronom. Und als er im Fernsehen die Musikshow „The Masked Singer“ verfolgte, macht es bei ihm „Klick“. „Ich fand das eine echt coole Sendung“, erzählt er. Also beschloss Apfel, die Cocktails, die seine Kunden bei ihm unter anderem auf Facebook und Instagram ordern konnten, nicht nur bis an die Haustüre zu liefern: Die Übergabe der in der Eisenherz-Bar geschüttelten und anschließend vakuumverpackten Getränke erfolgte in einem Koffer und – eben – mit Maske! Doch schon bald legte seine Tochter ihr Veto ein. Papa hatte sich nämlich für seine Hausbesuche immer ihre ausgeliehen. Natürlich konnte Apfel auch diese Klippe umschiffen und machte sich auf die Suche nach passenden Gesichtsbedeckungen. Zwölf Exemplare davon liegen mittlerweile griffbereit im Eisenherz.

Idee auch für Zeiten nach dem Lockdown

The Masked Mixer scheint ein Erfolgsrezept zu sein. Apfel musste sogar ein paar Kumpel einspannen, um die Nachfrage bewältigen zu können. Aus den verschiedensten Anlässen heraus wurde und wird Apfels Spezialservice angefordert. Ob als Überraschungsgeschenk oder einfach, um im kleinen, privaten Kreis ein bisschen zu feiern. „Wer unsere Cocktails ordert, braucht schließlich nicht flaschenweise die verschiedensten Spirituosen nach Hause zu schleppen“, erzählt der Gastronom. Auch wenn die Coronabeschränkungen irgendwann wieder fallen werden – Apfel will an seiner originellen Idee festhalten, ja sie sogar ausbauen. Er denkt daran, einen alten Dodge-Truck zu kaufen, mit dem er dann live, aber maskiert vor den Augen der Kunden die Cocktails zubereiten kann.

Corona bringt Serviceideen zum Blühen

Zwei Jahre dauerten die Programmierungsarbeiten. Heuer im April wurde der virtuelle Einrichtungsplaner des Floristikfachgeschäfts Lebensgrün in Schwandorf scharf geschaltet. Neben den Klassikern wie Schnittblumen sowie Trauer- und Hochzeitsfloristik bietet Inhaberin Tanja Duscher auch einen speziellen Service an: Sie begrünt Privat- und Firmenräume. Dazu gehören nicht nur Pflanzen, sondern auch Gefäße, die es bis zu einer stattlichen Höhe von 1,20 Metern schaffen. „Es war schon recht aufwendig, die Behälter zwischen den Kunden und unserem Laden hin- und herzufahren“, sagt die Geschäftsfrau. Zumindest der Planungsteil dieser Arbeit kann jetzt kräfte- und zeitschonend am Computerbildschirm erledigt werden. Eine Win-win-Situation, denn nicht nur Tanja Duscher und ihr Team profitieren davon. Auch die Kunden können, unabhängig von starren Öffnungs- und Lieferzeiten, ihren Raum zumindest schon mal virtuell dekorieren.

Virtuell geplante Bürobegrünung

Das funktioniert, vereinfacht gesagt, so: Man deponiert an der Stelle, an der eine Bodenvase aufgestellt werden soll, als Platzhalter ein weißes DIN A4-Papier, schießt ein Foto von dem Raum und lädt es dann auf der Lebensgrün-Homepage hoch. Danach kann man aus dem Gefäße-Shop munter auswählen, ausprobieren und entscheiden, welches Exemplar am besten zur Geltung kommt. Dieser virtuelle Service war zwar schon vor Corona angestoßen worden, aber in Lockdown-Zeiten mit ihren Hygienevorschriften und den verschlossenen Geschäftstüren entfaltet er erst seine volle Wirkung. „Die Kunden, die es bereits getestet haben, sind begeistert. Es macht ihnen richtig Spaß, damit zu arbeiten“, freut sich Tanja Duscher.

Biobrot im Briefkasten

Frisch gebackenes Brot mit der Post verschicken – in der Schwandorfer Biobäckerei Glaab hatte man sich vor ein paar Jahren schon entschlossen, neben dem stationären Handel die duftenden Laibe auch online als Brotbox zu vertreiben. Eine ungewöhnliche Idee, die nicht nur Monatssieger beim Innovationspreis der Wirtschaftszeitung war, sondern eben auch entsprechend gut bei den Kunden ankommt. „Ich denke, 12.000 Pakete haben wir in den letzten Jahren schon auf die Reise geschickt“, erzählt Juniorchef Benedikt Glaab. Nicht wenige Packerl haben ihren Weg ins europäische Ausland und sogar bis nach Übersee angetreten. Bei Glaab gibt es nämlich Spezialsorten wie das Bio-Kamut- oder das Emmer-Brot. „Viele Kunden vertragen nur diese“, weiß Glaab. Und da sind ihnen auch keine Versandkosten zu hoch, die sich je nach Zielland und mit Expresszustellung locker um die 35 Euro bewegen.

Abends bestellt, morgens frisch auf dem Tisch

Online kann man bis 21 Uhr bestellen. Das in der Nacht gebackene Brot wird in ein doppelbeschichtetes Spezialpapier eingewickelt, verpackt und dann zur Post gebracht. Einen Tag später kann sich der Brotfreund zum Beispiel in den Niederlanden schon eine Stulle schmieren. Doch Corona hat die Lieferkette unterbrochen. Das liegt nicht etwa an der Familienbäckerei, sondern an den Zustellern, die aufgrund der Paketflut das frische Brot nicht mehr rechtzeitig an den Mann beziehungsweise die Frau ausliefern können. Und so backt man jetzt bei der Familienbäckerei notgedrungen, aber erfolgversprechend kleinere Brötchen. „Wir beliefern jetzt die Kunden im Schwandorfer Stadtgebiet selber“, erzählt Glaab. Bestellt wird nach wie vor online. Neben Brot können auch Semmeln und Gebäck geordert werden. „Vor allen Dingen auch ältere Leute, die Angst vor Corona haben, sind für diesen Service dankbar“, sagt Benedikt Glaab. Die große Nachfrage hat ihn zum Nachdenken gebracht. Nicht nur, dass man diese Dienstleistung auch in Nachpandemiezeiten weiter anbieten will. „Vielleicht lässt sich dieser Service sogar auf andere Regionen ausweiten“, überlegt der Juniorchef.