Interview
27. Juni 2020 6:00  Uhr

Ausholen zum großen Befreiungsschlag

Der Verbrennungsmotor steht unter Druck und mit ihm eine ganze Branche. Gleichzeitig wächst der Markt für elektrifizierte Antriebe. Vitesco-Technologies-Chef Andreas Wolf sieht hier enormes Potenzial.

Andreas Wolf, CEO Vitesco Technologies, sieht die Entwicklung in Richtung elektrifizierte Mobilität als unumkehrbar an. | Fotos: Vitesco Technologies

Von Robert Torunsky und Thorsten Retta

REGENSBURG. So leger dürfte Andreas Wolf unter normalen Umständen bei einem Interviewtermin nicht anzutreffen sein, aber was ist dieser Tage schon normal? Wolf sitzt im Homeoffice vor seinem Rechner, er trägt ein helles Hemd, keine Krawatte, die Ärmel hat er hochgekrempelt, im Hintergrund ist viel weiße Wand und Holzdecke zu sehen. Für das Gespräch mit der Wirtschaftszeitung hat sich der Vitesco-Technologies-Chef an diesem Freitagmorgen viel Zeit genommen. Über Videochat erklärt er, wie er die Mobilität der Zukunft sieht und welche Rolle die ehemalige Antriebssparte von Continental dabei spiel en könnte, die ausgegliedert inzwischen Vitesco Technologies heißt und dessen CEO Wolf seit 2019 ist. Eines vorweg: Eine Renaissance des Verbrennungsmotors sieht er nicht.

Herr Wolf, könnten Sie sich an das Arbeiten von zu Hause aus gewöhnen – zumindest am Freitag?

Andreas Wolf: Das Thema Homeoffice ist für mich und viele unserer Mitarbeiter nichts Neues. Wir praktizierten das mobile Arbeiten bereits zuvor, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Ich habe in dieser Zeit erfahren, dass man ein Unternehmen auch über digitale Kommunikationswege führen kann. Was etwas auf der Strecke bleibt, ist der persönliche Austausch, der ist auf Dauer aber wichtig. Persönlich empfand ich es als bereichernd, im Kreis der Familie arbeiten zu können.

Welche Auswirkungen erwarten Sie nach der Krise für Ihre Branche?

Das wirtschaftliche Umfeld ist aufgrund der Covid19-Pandemie von hoher Unsicherheit geprägt. Um in der Autobranche das „Vor-Corona-Niveau“ zu erreichen, werden wir wohl einige Jahre benötigen. Aber die Auswirkungen der Coronapandemie haben den Markt nur vorübergehend angehalten, die Grundlagen des künftigen Marktwachstums haben sich nicht verändert. In China ist die Erholung schon im Gange, auch wenn noch unklar ist, wie das Gesamtjahr ausfallen wird. Und es ist klar, dass es kein Zurück gibt: Elektrifizierte Antriebe sind zwingend erforderlich, um den Anforderungen an weniger CO2- und anderen Emissionen gerecht zu werden.

Was macht Sie da – neben der angesprochenen Entwicklung in China – so sicher?

Als Vorbereitung auf unsere unternehmerische Selbstständigkeit haben wir eingehend analysiert, wohin sich der weltweite Mobilitätsmarkt entwickelt. Das Ergebnis: klar in Richtung Elektrifizierung. Das heißt, im Bereich der individuellen Mobilität liegt die Lösung in der Elektrifizierung des Automobilantriebs. Sie ist der wichtigste technologische Wegbereiter für eine saubere, lokal emissionsfreie und hochgradig effiziente Mobilität. Diese Entwicklung wird weltweit durch die Klimaziele und entsprechende Regulierungen gepusht. Der zweite Impuls kommt aus der Gesellschaft, die einen schonenderen Umgang mit Ressourcen fordert und auch selbst dazu beitragen will.

Und wie groß wird das Kuchenstück für Vitesco Technologies sein?

Wir haben für uns als Unternehmen die Kennzahl „Content per Vehicle“ abgeleitet, also wie viele Komponenten wir für ein Fahrzeug liefern können. Setzt man den Verbrennungsmotor mit einer Eins gleich, dann wird der Umsatz – je nach Grad der Elektrifizierung – bei milden Hybriden verdoppelt, bei Plug-in-Hybriden verdreifacht und bei batterieelektrischen Fahrzeugen sogar vervierfacht. Bei Vitesco Technologies haben wir alles an Bord, um erfolgreich in die elektrische Zukunft zu gehen: Technologien, Produkte und Know-how.

Für mich ist es eineindeutig, dass der Verbrenner keine Renaissance erleben wird.

Corona hat neben vielen anderen Dingen, auch zu mehr Vorsicht in puncto Prognosen geführt. Wie schätzen sie die Chancen für Vitesco Technologies im Markt ein?

Wir sind in dem Markt der Fahrzeug-Elektrifizierung einer der Pioniere und haben schon mehr als zwei Milliarden Euro investiert. Wir haben beispielsweise die ersten Hybridsysteme und die ersten 48-Volt-Systeme in Serie gebracht und bei den ersten reinen Elektrofahrzeugen haben wir die Leistungselektronik geliefert. Es macht sich bezahlt, dass wir früh die Weichen gestellt haben. Wir haben alles im Gepäck, um in der Zukunft damit erfolgreich zu sein. Wir kommen von der Elektronik- und Softwareseite und verfügen weltweit über 7.000 Ingenieure, davon über 4.000 Software- und System-Ingenieure.

Angesichts dieser Entwicklungspläne glauben Sie also nicht an die häufig zitierte Renaissance des Verbrennungsmotors?

Richtig. Wir sind der einzige Zulieferer in diesem Umfeld, der sich früh so klar positioniert hat. Das heißt nicht, dass wir in diesem Bereich nicht mehr aktiv sind. Wir optimieren die Einspritzung, wir senken den Verbrauch und arbeiten am elektrifizierten Verbrenner. Beispiele sind Innovationen wie der beheizbare Katalysator, der auf der Kurzstrecke eine schnelle und effiziente Reinigung der Abgase ermöglicht. Aber am Ende geht es um die Frage: Wo stehen wir 2020 und was glauben wir, wird 2030 oder später sein?

Ihre Antwort darauf?

Für mich ist es eineindeutig, dass der Verbrenner keine Renaissance erleben wird. Es gibt verschiedene Marktdaten und Studien, auf die wir unsere Planung stützen. Ich halte es für wahrscheinlich, dass 2030 rund 50 Prozent aller Fahrzeuge einen elektrifizierten Antriebsstrang besitzen. Der Anteil rein batterieelektrisch angetriebener Fahrzeuge dürfte, wenn auch mit regionalen Unterschieden, bei 10 bis 15 Prozent liegen. Das bedeutet, dass es auch noch den reinen Verbrennungsantrieb geben wird, aber eben nicht wie im Moment in 90 oder 95 Prozent der Fahrzeuge.

Deckt sich das mit den Planungen der Kunden?

Mehrere große Automobilhersteller haben sich zur Zukunft ihrer Verbrennungsmotoren-Entwicklung geäußert: In diesem Jahrzehnt sollen die letzten neu entwickelten Verbrennungsmotoren-Generationen in Serie gehen. Wenn wie in einem Fall 2025 genannt wird und man von den durchschnittlichen zehn Jahren Laufzeit einer Motorengeneration ausgeht, ist absehbar, wann das letzte Stündlein für die Motorentwicklung geschlagen hat, wie wir sie heute kennen. Bei Vitesco Technologies gehen wir derzeit davon aus, dass es ab 2035, vielleicht auch 2040 für den Verbrenner eng wird.

Verzögert sich diese Entwicklung durch die Coronakrise?

Nein, wir sehen sogar eher eine Beschleunigung. Die statistischen Daten – die Zulassungszahlen von Elektrofahrzeugen weltweit und in bestimmten Regionen – sind sehr robust. Teilweise hat sich die Anzahl in Bezug auf den Gesamtmarkt verdoppelt. Diese Entwicklung war auch für unsere strategische Marschrichtung eine wichtige Bestätigung. Die enorme Anzahl an Hybriden und Elektrofahrzeugen, die die Hersteller ab jetzt auf den Markt bringen werden, wird der Entwicklung einen weiteren Schub verleihen.

Die Zulassungszahlen von Elektrofahrzeugen weltweit und in bestimmten Regionen sind sehr robust. Teilweise hat sich die Anzahl in Bezug auf den Gesamtmarkt verdoppelt.

Sollten die Hersteller hierzulande nicht zuerst das Image der Elektrifizierung ändern, um mehr Käufer zu finden?

Die Hersteller haben bereits einige Hebel in Bewegung gesetzt. Bestes Beispiel ist der gemeinsame Aufbau europaweiter Ladepunkte entlang der Schnellstraßen und Autobahnen. Mehr Kommunikation in der Öffentlichkeit brauchen wir aber trotzdem, aus vielen Gründen. Viele wissen nicht, dass ein moderner Diesel keinerlei Emissionsprobleme mehr hat; dass neue Motoren teilelektrifiziert sind; dass laut aktuellster Studien selbst bei sehr ungünstigen Annahmen zu Reichweite und Lademöglichkeiten zwischen 82 und 92 Prozent der täglichen Fahrten auch mit E-Autos bewältigt werden können. Wir, die Industrie, müssen viel mehr kommunizieren. Dass ein Elektroauto lokal emissionsfrei ist und ohne Verzögerung das volle Drehmoment hat, wenn man aufs Pedal drückt, wissen die Leute mittlerweile. Mein Tipp: Probefahren und selbst vom Fahrspaß eines E-Autos überzeugen.

Wie bewerten Sie die im Rahmen des Konjunkturpaketes der Bundesregierung beschlossen Kaufprämien für Elektrofahrzeuge und die Entscheidung, Verbrenner auszunehmen?

Aus unserer Sicht müssen Kaufanreize ein Signal zur Einhaltung der Pariser Klimaziele geben, das heißt eine mögliche Förderung muss emissionsarme Neufahrzeuge beziehungsweise elektrifizierte Fahrzeuge im Fokus haben, sodass CO2- und weitere Emissionsvorgaben schneller erreicht werden. Aus meiner Sicht kommt zu kurz, dass ein neuer Verbrennungsmotor, der teilelektrifiziert und sehr emissionsarm ist, gar nicht berücksichtigt wird. Denn nicht für jeden in Deutschland wird das batterieelektrische Auto auf absehbare Zeit die passende Lösung sein.

Zur Person

Andreas Wolf

Andreas Wolf leitet die Antriebssparte von Continental seit Oktober 2018. Nach deren Neuaufstellung ist er seit Oktober 2019 CEO von Vitesco Technologies. Der Diplom-Kaufmann mit langjähriger Erfahrung in der Automobilelektronikbranche startete seine Laufbahn 1989 bei Siemens in Regensburg und übernahm dort 1996, nach einer Zwischenstation in Toulouse, die logistische und kaufmännische Leitung des Elektronikwerks. Es folgten Stationen als Finanzchef der Geschäftsbereiche Diesel Systems und Interior & Infotainment. Nach der Übernahme von Siemens VDO durch Continental war Wolf von 2007 bis 2018 Leiter des Geschäftsbereichs Body & Security, der unter seiner Führung den Umsatz verdreifachte.