Automotive
13. April 2021 6:06  Uhr

Automobilbranche fühlt sich von der EU ausgebremst

Ende 2021 will die EU-Kommission einen Vorschlag für die Abgasnorm Euro 7 vorlegen. Die Automobilbranche beklagt angesichts verschärfter Abgaswerte ein Verbrennerverbot für Pkw durch die Hintertür.

Zur Diskussion um die Mobilität der Zukunft gehören auch umweltschädliche Subventionen. Das Umweltbundesamt beziffert sie in Deutschland auf 57 Milliarden Euro. Die Wirtschaftsweise Professorin Dr. Veronika Grimm plädiert für die CO2-Bepreisung als Leitinstrument der Klimapolitik und will mittelfristig das Steuersystem etwa durch Abschaffung des Dienstwagenprivilegs entschlacken. | Foto:SZ-Designs – stock.adobe

Von Thomas Tjiang

BERLIN/OSTBAYERN. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) schlägt angesichts der geplanten Abgasnorm Euro 7 mit verschärften Messverfahren Alarm. „Wenn ein neues Fahrzeug auch im Winter beim Start oder beim Ziehen eines Anhängers am Berg die gleichen Grenzwerte einhalten muss wie bei Tempo 50 auf gerader Strecke, dann kommt das faktisch einem Verbot des Kolbenmotors gleich“, beklagte die VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Aus Müllers Sicht haben die Kfz-Hersteller ihre Hausaufgaben gemacht. Im Zeitraum von 1990 bis 2020 ist in Deutschland die Summe von Personen- und Tonnenkilometern um 71 Prozent gestiegen. Die CO2-Emissionen sind dagegen zeitgleich nach vorläufigen Berechnungen um 8 Prozent zurückgegangen.

Verschärfte CO2-Flottengrenzwerte

Die diskutierten Eckdaten der Abgasnorm Euro 7 haben es allerdings in sich. Ab voraussichtlich 2025 dürfte ein Neuwagen nur noch 30 Milligramm Stickoxid (NOx) pro Kilometer ausstoßen. Andere Szenarien sehen sogar nur noch 10 mg/km vor. Beim Ausstoß von Kohlenmonoxid (CO) könnten die Werte bei Benzinern zusätzlich halbiert und bei Dieselautos sogar gedrittelt werden. Außerdem ist beim derzeitigen Real-Driving-Emissions(RDE)-Test von Verschärfungen die Rede. Die Automobilhersteller stehen bereits seit vergangenem Jahr wegen verschärfter CO2-Flottengrenzwerte unter Druck. Erlaubt ist über alle neu zugelassenen Typen eines Herstellers hinweg ein Flottenverbrauch von durchschnittlich 95 g CO2/km. Liegt er zu hoch, drohen Milliardenstrafen der EU: Sie fordert pauschal 95 Euro Strafe pro Gramm CO2-Überschreitung und pro Auto.

Ausnahmen als Entgegenkommen für Hersteller

Die Flottenemissionen berücksichtigen die durchschnittlichen CO2-Emissionen aller tatsächlich neu zugelassenen Pkw in der EU sowie dem Europäischen Wirtschaftsraum. Allerdings werden bei der Berechnung als Entgegenkommen nur 95 Prozent der Flottenfahrzeuge der Hersteller berücksichtigt. Die 5 Prozent Neuwagen mit den höchsten Emissionen fallen aus der Flottenemission heraus. Außerdem hängt der 95-Gramm-Grenzwert zusätzlich vom durchschnittlichen Leergewicht der verkauften Autos ab. Dadurch dürfen Konzerne mit einem höheren Durchschnittsgewicht etwas mehr emittieren. Zusätzlich entlastet die EU durch sogenannte „Supercredits“ Kfz-Hersteller, die auch Null- und Niedrigemissionsfahrzeuge mit CO2-Emissionen unter 50 g auf die Straße gebracht haben. Auch Ökoinnovationen lassen sich auf Flottengrenzwerte anrechnen. Dazu zählen beispielsweise LED-Scheinwerfer, die weniger Energie als Halogenscheinwerfer verbrauchen, aber im Prüfverfahren nicht berücksichtigt werden.

Alternative Antriebe nehmen Fahrt auf

Der Trend zur Elektromobilität zeichnet sich 2020 in den Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamtes ab. Das Segment „Alternative Antriebe“ kam auf rund ein Viertel aller Neuzulassungen. Das entsprach knapp 395.000 Neuwagen mit elektrischem Antrieb. Insgesamt liegt der Bestandsanteil der Pkw mit alternativen Antrieben nun bei 3,6 Prozent. Weil trotz der inzwischen mehrjährigen Förderprogramme der Aufbau der E-Ladeinfrastruktur nicht richtig vorankommt, hat das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf zur Bereitstellung flächendeckender Schnellladeinfrastruktur für reine Batterieelektrofahrzeuge auf den Weg gebracht. Bundesweit sollen bis 2023 über 1000 Schnellladehubs entstehen. Ebenfalls auf den Weg gebracht ist das Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetz (GEIG), das zur Leitungsinfrastruktur bei mehr als fünf Stellplätzen in Wohngebäuden und bei mehr als sechs Stellplätzen in Nichtwohngebäuden verpflichtet.

Der Lobbyverband VDA befürchtet zu wenig Technologieoffenheit. Auch der Einsatz von nachhaltigen Kraftstoffen wie Wasserstoff oder Biokraftstoffen müsse vorangetrieben werden. Mit den sogenannten E-Fuels lassen sich Verbrennungsmotoren mit sauberen Kraftstoffen betanken. Der VDA fordert deshalb mindestens einen Anteil von 23 Prozent erneuerbarer Kraftstoffe und eine Mindestquote von 5 Prozent Wasserstoff und E-Fuels.