Interview
8. Oktober 2021 6:01  Uhr

Automobilbranche steht vor einer Mammutaufgabe

Helmut Matschi, Vorstandsmitglied der Continental AG, sieht die elektronische Architektur im Automobil als eine große Herausforderung an. Der ehemalige Siemensianer ist überzeugt, den radikalen Umbruch mitgestalten zu können.

Helmut Matschi ist Mitglied im Continental-Vorstand und ehemaliger Siemensianer mit starken Regensburger Wurzeln. Foto: Continental

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Die Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft ist ihm ein besonderes Anliegen, und nicht zuletzt legt der Viechtacher großen Wert auf Bodenständigkeit. Diese Eigenschaften mit der Internationalität eines Dax-Unternehmens zu verbinden, gehört zu den offenkundigen Stärken des Continental-Vorstandsmitglieds und OTH-Ehrensenators Helmut Matschi.

Herr Matschi, die Erfolgsgeschichte von Continental reicht bis 1871 zurück. Was kann der heutige Vorstand aus diesen 150 Jahren für die Rolle als weltweit zweitgrößter Automobilzulieferer lernen?

Helmut Matschi: Die vergangenen 150 Jahre in der Geschichte von Continental stecken voller Herausforderungen, Krisen, Erfolge, Wandel und Wachstum – und damit einem riesigen Erfahrungsschatz, aus dem wir bis heute schöpfen. Wir haben von Beginn an gelernt, auf stetige Veränderungen zu reagieren. Von diesem Wissen profitieren wir auch und vor allem in den aktuellen Zeiten. Innovative Lösungen sind und waren unser Schlüssel zum Erfolg.

Fahrerlose Fahrzeuge und E-Mobilität gelten heute als jene Felder, auf denen permanent Innovationen gefragt sind. Dabei war Continental bis vor zwei Jahrzehnten fast ausschließlich rund um die Reifentechnologie tätig. Wie hoch schätzen Sie die Synergien ein, die sich daraus für das heutige Unternehmen ergeben?

Ein Beispiel hierfür ist unser intelligenter Reifen. Dafür statten wir den Reifen mit verschiedenen Sensoren aus, integrieren ihn so in unsere Telematiksysteme und vernetzen ihn mit der Cloud. So können Flottenmanager Luftdruck- und Temperaturdaten live einsehen und auf Warnungen in Echtzeit reagieren. Natürlich hat sich auch abseits der Reifen eine Menge getan: Tiefgreifende Veränderungen der gesamten Automobilindustrie durch Digitalisierung und Vernetzung haben uns nicht erst einmal vor eine Mammutaufgabe gestellt. Aktuell beschäftigt uns vor allem die elektronische Architektur im Auto, deren radikalen Umbruch wir derzeit mitgestalten.

Sie selbst haben die am Standort Regensburg in den 80er-Jahren gestartete Sparte Automobiltechnik des Siemens-Konzerns von Anfang an mitgestaltet. Hätten Sie damals gedacht, dass sich hier tatsächlich solche Erfolge einstellen würden?

Eigentlich schon. Die Themen, mit denen ich mich heute im Geschäftsbereich Vehicle Networking and Information beschäftige, haben mich bereits in jungen Jahren fasziniert. Schon als Kind habe ich mit Elektronik gebastelt, später kamen Funktechnologie und die Amateurfunklizenz dazu. Diese Begeisterung hat zu meinem Studium an der Fachhochschule Regensburg, der heutigen OTH, geführt. Dazu, dass heute alle Bereiche so zusammengewachsen sind, von der Vernetzung innerhalb des Fahrzeugs bis zur Funkverbindung mit der Außenwelt, zählt zwar eine Menge Planung. Es war aber auch jede Menge Glück und Fügung mit dabei. Meine Leidenschaft für diese Themen ist bis heute ungebrochen.

Das digitale Fahrerlebnis wird zum stärksten Differenzierungsmerkmal moderner Autos. Diesem Trend können wir auch dank unserer Übernahme von Siemens VDO heute so gut entsprechen.

Wie beurteilen Sie den Erwerb von Siemens VDO Automotive durch Continental im Jahr 2007?

Mit der Übernahme konnten wir unsere Aktivitäten im schon damals wachsenden Markt für Fahrzeugelektronik verstärken. Gleichzeitig ist Continental zu den Spitzenreitern der Automobilzuliefererindustrie vorgerückt und konnte die Marktposition in Europa, Nordamerika und Asien maßgeblich ausbauen. Durch den Erwerb haben wir die Innovationskraft und das Know-how zweier traditionsreicher und leistungsfähiger Unternehmen gebündelt. Wichtige Produkte aus dieser Zeit haben wir bis heute im Portfolio und kontinuierlich weiterentwickelt. Das digitale Fahrerlebnis wird zum stärksten Differenzierungsmerkmal moderner Autos, diesem Trend können wir auch dank unserer Übernahme von Siemens VDO heute so gut entsprechen.

Womit beschäftigt sich Ihr Geschäftsfeld Vehicle Networking and Information, für den Sie im Konzernvorstand zuständig sind, wie sieht die strategische Entwicklung aus?

Bei Vehicle Networking and Information bieten wir Systeme, Software, Dienstleistungen und vollständige End-to-End-Lösungen für vernetzte Mobilität im Fahrzeug und darüber hinaus. Damit konzentrieren wir uns voll auf die aktuellen Branchentrends entlang unserer Strategie „Vernetzen. Informieren. Integrieren.“ Vernetzen bedeutet, dass wir Lösungen liefern, die Fahrer und Passagiere mit Fahrzeugen, der Cloud und der Infrastruktur vernetzen. Zum Bereich Informieren zählen all unsere Produkte, die eine Interaktion zwischen Fahrer und Fahrzeug ermöglichen. Integrieren schließlich beschreibt unser Know-how in der Entwicklung von Systemlösungen, in der wir verschiedenste Komponenten, Funktionen und Services wettbewerbsfähig zusammenführen.

Stichwort Nutzererlebnis: Was genau versteckt sich hinter diesem Begriff ?

Das Nutzererlebnis ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal für Produkte. Dem Fahrer und weiteren Passagieren ein freudebringendes Nutzererlebnis zu bereiten, wird zur neuen Pferdestärke und zum entscheidenden Faktor der Autokaufentscheidung. Das bedeutet, dass Kunden verstärkt Wert auf Anwendungen legen, deren Bedienung Spaß macht, leicht und komfortabel ist. Um für ein positives Nutzererlebnis zu sorgen, entwickeln wir vernetzte Lösungen und Möglichkeiten für eine nahtlose Integration des digitalen Lebensstils, den Fahrer und Passagiere bereits von ihren Smartphones gewohnt sind.

Ihr Konzern blickt auf 150 Jahre Continental zurück. Gleichzeitig wagt die ehemalige Division Powertrain als Vitesco Technologies AG den Börsengang. Was ergibt sich daraus für Regensburg?

Die gesamte Automobilindustrie befindet sich aufgrund technologischer Entwicklungen nach wie vor in der umfassendsten Transformation ihrer Geschichte. Zugleich haben sich die Anforderungen aufgrund der Elektrifizierung der Antriebstechnologien und der damit einhergehenden Transformation im Geschäftsfeld Vitesco Technologies und seiner Abspaltung grundlegend verändert. Continental sieht mit der fortschreitenden Digitalisierung sowie der damit verbundenen starken Zunahme von Softwareanteilen im Auto Potenzial, neue Aufgaben am Standort anzusiedeln. Passend dazu läuft am Standort Regensburg ein Zukunftsprojekt speziell für die Fertigung, mit dem die technologischen und marktspezifischen Trends ausgesteuert werden.

Bei alledem kommt es entscheidend auf die Kompetenz der Mitarbeiter an. Wie beurteilen Sie hier die Perspektiven in Ostbayern?

Aufgrund von Digitalisierung, technologischen Disruptionen und Pandemie droht vielen Beschäftigten der Verlust ihrer Arbeit. Gleichzeitig steuert eine Reihe von Branchen auf einen dauerhaften Fachkräftemangel zu. Qualifizierung ist der Schlüssel, um Fachkräftemangel und drohende Arbeitslosigkeit zu bewältigen. Deswegen haben wir bereits 2018 eine Qualifizierungsoffensive aufgesetzt. Ende 2018 wurde unsere eigene Software Academy gegründet, außerdem wirken wir dem Fachkräftemangel entgegen, indem wir unsere eigenen Softwareexperten passgenau ausbilden.

Und wie passt dazu, dass Continental gleich ein ganzes Werk schließt? Geht dabei nicht sehr viel Know-how verloren?

Wir befinden uns nicht nur in einer tiefgreifenden technischen Transformation, auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern sich grundlegend. Da können wir mit unserer Kostenstruktur in gewissen Bereichen nicht mithalten und müssen uns anpassen. Wir sind uns bewusst, was die Strukturmaßnahmen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeuten. Deswegen gehen wir so sozialverträglich wie möglich vor. Wir schaffen Bildungs- und Vermittlungsangebote, attraktive „Freiwilligenpakete“ und Altersteilzeitmodelle. Und wir stehen zu unserem Wort, dass betriebsbedingte Kündigungen das letzte Mittel sind.

Helmut Matschi

Helmut Matschi, 1963 in Viechtach geboren, absolvierte seine Ausbildung an der Fachhochschule Regensburg und beendete sein Studium der Nachrichtentechnik als Dipl.-Ing. (FH). 1986 begann Matschi als Entwicklungsingenieur bei Siemens Automobiltechnik in Regensburg, wo er bis 2003 in unterschiedlichen Funktionen tätig war. Zwei Jahre lang war Matschi Divisionsleiter im Bereich Body and Chassis Electronics bei Siemens VDO in Huntsville, Alabama, in den USA, anschließend übernahm er dieselbe Funktion in Seoul, Korea. Ehe er 2009 in den Vorstand der Continental AG berufen wurde, war er bei der Siemens VDO Automotive AG ebenfalls Vorstandsmitglied.