Finanzen
1. Juni 2022 6:05  Uhr

Bargeld ist ein wichtiger Teil des Krisenmanagements

Die Vorliebe der Deutschen für Bargeld ist bekanntermaßen groß. Trotzdem ist die Einführung des digitalen Euro in aller Munde und wird auch von Experten durchaus kontrovers diskutiert.

Ist der digitale Euro Fortschritt, einfach nur überflüssig – oder vielleicht sogar eine Gefahr für die individuelle Privatsphäre? Foto: Maksim Kabakou – stock.adobe.com

Von Robert Torunsky

BERLIN/WEIDEN. Mit „Nur Bares ist Wahres“ beschreiben und rechtfertigen die Deutschen ihre Liebe zu Scheinen und Münzen. Aus Hygienegründen hat das „Volk der Barzahler“ während der Pandemie deutlich häufiger kontakt- und bargeldlos eingekauft. Laut Prof. Dr. Franz Seitz, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden, hat des Deutschen liebstes Kind dennoch nicht an Bedeutung eingebüßt – sogar ganz im Gegenteil. „Bargeld ist immer ein Krisengewinner, egal, um welche Krise es sich handelt. Wenn Bargeld von den Zentralbanken vollkommen elastisch zur Verfügung gestellt wird, beruhigt es die Situation, sowohl ökonomisch als auch psychologisch. Bargeld ist also Teil eines erfolgreichen Krisenmanagements“, erklärt der auch als Berater der Deutschen Bundesbank und Europäischen Zentralbank (EZB) tätige Wissenschaftler.

Nicht nur etwas für Omas und Kriminelle

Voraussetzung dafür sei allerdings, dass Bargeld auch in normalen Zeiten gut funktioniere, also die Bargeldinfrastruktur sowie die Akzeptanz von und der Zugang zu Bargeld gewährleistet sind. Diesbezüglich seien speziell das Bankensystem und die Einzelhändler gefragt. Seitz räumt auch mit einem Vorurteil auf: „Die Coronakrise hat 2020 auch gezeigt, dass der traditionelle Vorwurf an Bargeld, es würde nur für kriminelle Aktivitäten und Schwarzarbeit verwendet, der Märchenwelt angehört. Neben dem Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität war nämlich auch die Kriminalität 2020 auf einem historischen Tiefststand.“

Nachfrage nach Bargeld wächst weiter

Laut Angaben der Deutschen Bundesbank werden 60 Prozent der alltäglichen Transaktionen, die in Deutschland getätigt werden, immer noch mit Schein und Münze bezahlt. „Die Nachfrage nach Bargeld wächst also weiter, obwohl seine Bedeutung als Zahlungsmittel gesunken ist. Seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel erklärt dieses Paradoxon“, sagt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann der Deutschen Presseagentur (dpa). Im Jahr 2020 habe die Bundesbank über ihre Filialen Euro-Banknoten im Gesamtwert von 70 Milliarden Euro netto ausgegeben. „Bargeld wird auch in der absehbaren Zukunft eine wichtige Rolle spielen“, bekräftigte Weidmann. „Kein anderes Zahlungsmittel wird alle seine Eigenschaften nachbilden können. Auch nicht der digitale Euro.“ Europas Währungshüter prüfen bereits seit einer Weile die mögliche Einführung einer digitalen Variante der europäischen Gemeinschaftswährung. Mitte Juli 2021 beschloss die Europäische Zentralbank (EZB), die Vorarbeiten auf die nächste Stufe zu heben: In einer zweijährigen Untersuchungsphase geht es etwa um Technologie und Datenschutz.

Digitalbranchenverband fordert Digi-Euro

Während der Volkswirtschaftsprofessor Franz Seitz (siehe Interview) die Einführung des digitalen Euro lieber später als früher sehen möchte, warnt Bitkom davor, dass Europa bei der Diskussion über digitale Währungen international abgehängt wird. Der Branchenverband der Digitalwirtschaft fordert, das Tempo bei der Erprobung eines digitalen Euro auf der Blockchain deutlich zu erhöhen. Während weltweit Länder bereits mit digitalem Zentralbankgeld experimentierten, fehle hierfür in Deutschland und Europa oft noch das Grundverständnis. In dem Bitkom-Papier „Währungen auf der Blockchain“ heißt es: „Währungen können in einer digitalen und globalisierten Welt zu einem kompetitiven Wettbewerbsvorteil für Wirtschaftsstandorte führen. Und zwar einerseits durch das Heben von Prozesseffizienzen und andererseits durch neue Geschäftsmodelle, die ermöglicht werden.“ Die Chancen eines digitalen Euro dürften daher nicht bloß politisch, sondern müssten auch wirtschaftlich analysiert werden: „Der digitale Euro kann wesentlich zu einem innovationsfreundlichen Ökosystem in Europa beitragen“, schreiben die Autoren.

Digitalgeld kann Anonymität nicht bieten

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann mahnt hingegen zu Vorsicht: „Der digitale Euro wird nicht die Anonymität des Bargelds bieten können. Schließlich hinterlassen digitale Zahlungen immer Spuren.“ Angesichts der Risiken rät er, schrittweise vorzugehen. „Das heißt, den digitalen Euro zunächst mit einem bestimmten Bündel an Eigenschaften auszustatten, die wichtige Einsatzmöglichkeiten als Zahlungsmittel erlauben. Später könnten weitere Funktionen hinzugefügt werden.“

Interview

Digitaler Euro lieber später als früher

Prof. Dr. Franz Seitz, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden und Berater der Europäischen Zentralbank sowie der Deutschen Bundesbank, sieht den digitalen Euro kritisch. Seiner Meinung nach ist „digitales Zentralbankgeld die Lösung eines Problems, das erst noch gefunden werden muss“.

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