Mobilität
10. Mai 2021 6:03  Uhr

Beginnt eine neue Ära der Mobilität?

Mobilitätsstrategien werden durch die Corona-Pandemie verändert. Ein genereller Richtungswechsel findet nicht statt, jedoch eine deutliche Beschleunigung in Teilbereichen.

Das Konzept „Road Diet“ setzt auf mehr Raum für Menschen in der Stadt. | Foto: Michele Ursi – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

OSTBAYERN. „Digitalisierungsschub“ war eines der ersten Signalwörter im Zuge der Coronakrise. Doch auch die Mobilität wurde von der Pandemie in den vergangenen Monaten massiv beeinflusst. Während einige Aspekte der Mobilität der Zukunft beschleunigt wurden, bremsten die Pandemiefolgen andere Mobilitätsmodelle zumindest vorübergehend aus. Der Stadtgeograf und Mobilitätsforscher Dr. Stefan Carsten spricht in seinem „Mobility Report 2021“ für das Frankfurter Zukunftsinstitut von dem Beginn einer neuen Epoche der Mobilität. Der „Corona Mobility Shift“ verändert Mobilitätspraktiken vom motorisierten Individualverkehr über den ÖPNV und Shared-Mobility-Konzepte bis hin zum Fahrradverkehr nachhaltig und dauerhaft.

Oft vermisst man eine Sache erst, wenn sie weg ist. In der Coronakrise trifft das auf die Möglichkeit zu, sich frei und individuell zu bewegen. Mobilität ist institutionell wie emotional eingeschränkt – durch offizielle Ausgangsbeschränkungen, aber auch durch Angst vor Ansteckung. Dabei hat die Pandemie das bisherige Mobilitätsverhalten qualitativ wie quantitativ grundsätzlich infrage gestellt, nicht nur was Homeoffice und Pendlerverkehr angeht – mit spürbaren Folgen. München erlebte mit 20 Prozent mehr Fahrradverkehr im Vergleich von Mai 2019 zu Mai 2020 ebenso wie andere Metropolen einen Fahrradboom, der im Frühjahr 2021 ungebrochen scheint. Der Landkreis Regensburg hat seit dem 1. April eine neue Klimaschutzmanagerin für den Radverkehr. Dem gegenüber stehen massive Einbrüche bei den Fahrgastzahlen im ÖPNV, die das Stadtwerk Mobilität auch für Regensburg bestätigt. Die Nutzerzahlen bei Carsharing-Diensten sind deutlich gefallen, dafür stieg der Anteil des motorisierten Individualverkehrs wieder.

Mehr Straßenraum für Menschen

Dass die Pandemie die Gesellschaft dauerhaft ins individualverkehrgeprägte Mobilitätsmittelalter zurückwirft, glaubt der Mobilitätsforscher Carsten nicht, im Gegenteil. „Das Coronavirus führte uns vor Augen, wie stark die Lebensqualität der Städte mit ihrer Mobilität verbunden ist“, erklärt er im „Mobility Report 2021“ und fordert einen Systemwechsel hin zu einer postfossilen Mobilität mit mehr aktiver Bewegung. Elektromobilität sei hier nur ein erster Schritt. Der Trend „Road Diet“ setzt auf mehr Straßenraum für Menschen und die Priorisierung von multimodalem und öffentlichem Verkehr. Die erhöhte Sensibilität in Sachen Gesundheit wird dabei berührungslose Systeme wie Smarttickets oder die „All-Inclusive-Mobility“ mit persönlichem Guthaben genauso fördern wie innovative Oberflächenhygiene.

Egal wie Mobilität künftig aussieht, die Wahl des Antriebs wird auf jeden Fall bei allen motorisierten Mobilitätsarten eine wichtige Rolle spielen. Weltweit haben mobile Lockdowns für schon vergessen geglaubte Luftqualität gesorgt – und für ein Umdenken in der Politik. Ende 2020 vereinbarten 22 EU-Staaten und Norwegen eine europäische Wertschöpfungskette für grünen Wasserstoff. Hersteller und Entwickler aus der Automobil- und Zuliefererbranche streben innerhalb eines Jahrzehnts die CO2-neutrale Produktion von Elektromobilitätstechnik und massiv verbesserte Recyclingraten nach dem Ende des Produktlebenszyklus an.

Der Umbau der Automobilbranche ist dabei nicht nur technologisch getrieben, wie Dr. Katharina Helten betont. Sie ist bei Vitesco Technologies verantwortlich für die Produktgruppe Thermal Management Actuation in der Business Unit Sensing & Actuation. Laut Helten muss die Automobilbranche ihre Belegschaft auch emotional und kompetenzbasiert in die postfossile Ära führen. „Wir brauchen nicht nur ein ,Digital Mindset‘, sondern ein ,Electric Mobile Mindset‘.“

Neues „Mindset“ auch eine Generationenfrage

Die postfossile Mobilitätsmentalität will die Regierung bekanntlich auch beim Endverbraucher mit Prämien für den Kauf von Elektroautos fördern. Seit 2020 wird der geldwerte Vorteil von privat genutzten Dienstwägen nur noch mit 0,25 Prozent versteuert. Ein noch effektiverer Impuls für das neue „Mobile Mindset“ von Pendlern könnten Mobilitätsgutscheine statt Dienstwagen sein. Die wird man wohl der mobilen Generation Z nicht mehr extra schmackhaft machen müssen, wie die „Mobility Zeitgeist Studie“ von Ford und dem Zukunftsinstitut zeigt. Nur noch 42 Prozent der Generation Z, worunter in der Studie die 18- bis 23-Jährigen verstanden werden, besitzen überhaupt ein eigenes Auto. 47 Prozent benutzen hauptsächlich den ÖPNV für ihre täglichen Wege, 27 Prozent das Fahrrad. Wenn schon Automobil, dann werden fossile Antriebe von der Mehrheit abgelehnt. Viel wichtiger für die Mobilität der Zukunft sind den jungen Erwachsenen Flexibilität (64 Prozent), Verkehrssicherheit (55 Prozent), Highspeed-Internet im ÖPNV (47 Prozent) und autonome Systeme, die das Verkehrsgeschehen insgesamt stressfreier machen (39 Prozent).