Interview
6. März 2021 6:00  Uhr

Bestens verpackt für die Gesundheit

Manfred Baumann, Geschäftsführer der Gerresheimer Regensburg GmbH, ist überzeugt, dass digitale Medizinprodukte und Big Data für das Gesundheitssystem immer wichtiger werden. Im Interview erklärt er, warum.

Manfred Baumann, Global Executive Vice President der Gerresheimer Regensburg GmbH | Foto: Gerresheimer

Von Stephanie Burger und Thorsten Retta

REGENSBURG. Es ist ein Glasfläschchen, das derzeit den Menschen weltweit als Verheißung gilt, bewahrt es doch etwas sehr Wertvolles sicher auf: den Covid-19-Impfstoff. Ungefähr ein Drittel des weltweiten Bedarfs dieser Impfstofffläschchen liefert die Gerresheimer AG. Der internationale Primärverpackungshersteller betreibt auch drei Standorte in der Oberpfalz in Regensburg, Wackersdorf und Pfreimd. Davon, dass man bei Gerresheimer krisenbedingt auf Sicht fährt, kann allerdings keine Rede sein. Wie der Geschäftsführer der Gerresheimer Regensburg GmbH Manfred Baumann im Interview via Zoom verrät, plant er den Beitrag seines Unternehmens zur Pandemiebekämpfung bereits bis ins Jahr 2024 voraus. Denn spätestens bis dahin werden diverse Impfstoffe auf dem Markt sein, die jährlich verabreicht werden müssen und jeweils spezifische Produkte für Verpackung und Verabreichung benötigen. So intensiv, wie Baumann sich mit den Folgen der Pandemie beschäftigt, analysiert er auch alle anderen Zukunftsthemen des globalen Pharmamarktes. Und diese sind spannend, schlagen sie doch bis auf die Ebene jedes einzelnen durch.

Herr Baumann, wie hat man bei Gerresheimer Anfang 2020 auf das Jahr geblickt und wie bewerten Sie es jetzt in der Rückschau?

Manfred Baumann: Hinter unseren Kurz- und Langfristplanungen stand aufgrund von Corona plötzlich ein großes Fragezeichen. Wir wussten nicht, wie unsere Kunden reagieren würden. Am wichtigsten für uns war es, die Produktion am Laufen zu halten. Denn unsere Kunden, die größtenteils in den Bereichen Diabetes, Asthma und Impfung tätig sind, nicht beliefern zu können – dieses Szenario galt es unbedingt zu verhindern. Das ist uns auch das ganz Jahr über gelungen, wir konnten liefern, was verlangt wurde.

Wie haben Sie auf die Veränderung des Marktes durch den weltweiten Fokus auf die Impfstoffentwicklung reagiert?

Gerresheimer hat sich für beide Impfstoffvarianten aufgestellt, also sowohl für die mRNA-Impfstoffe als auch für die Vektor-Impfstoffe. Denn diese unterscheiden sich in den Abfüllwegen. Für beide produzieren wir die Injektionsfläschchen und für die herkömmlichen Impfstoffe bereiten wir zudem die Produktion von Spritzenprodukten vor, denn bei diesen geht man typischerweise mittelfristig dazu über, sie direkt in Spritzen abzufüllen. Mit unseren Injektionsfläschchen werden wir ein Drittel des weltweiten Bedarfs abdecken, das entspricht einer Menge von rund einer Milliarde Stück. Mit ihnen und mit unseren Spritzen, die in unseren großen Werken in den USA, Mexiko, Europa und Asien hergestellt werden, sind wir also bestens darauf vorbereitet, die weltweite Marktnachfrage nach potenziellen Covid-19-Impfstoffen zu bedienen.

Gerresheimer hat sich für beide Impfstoffvarianten aufgestellt, also sowohl für die mRNA-Impfstoffe als auch für die Vektor-Impfstoffe.

Wo findet dieser Auf- und Ausbau statt und welchen Part haben dabei die Niederlassungen in Ostbayern?

Unser Spritzenwerk in Ostwestfalen wird um mehrere Linien erweitert. Der Aufbau einer Linie dauert bis zu ihrer Validierung eineinhalb Jahre, da bei der Abfüllung steriler Pharmazieprodukte höchste Standards gelten. Aber wir expandieren auch international, insbesondere in den USA, in Osteuropa und in Asien. Für uns ist es wichtig, relativ nah bei den Kunden zu sein. Wackersdorf ist die „Mutter“ unserer technischen Kompetenzzentren, kurz TCC. Hier entstand das erste TCC der Gerresheimer-Werke, weitere sitzen heute in China, in den USA sowie in Bünde und Olten in der Schweiz. Damit spielt das TCC in Wackersdorf eine wichtige Rolle für Innovationen und technisches Know-how im Konzernverbund. Als Entwicklungs-Hub strahlt Wackersdorf auf unsere Standorte weltweit aus. Pfreimd ist eines der wichtigsten Werke für komplexe Diagnostiksysteme. Da die Bevölkerung immer älter wird, wird der Bedarf nach solchen Systemen und Geräten zunehmen. Darauf bereiten wird das Werk vor. Mit unseren Mitarbeitern und Kompetenzen in Wackersdorf und Pfreimd gestalten wir gerade auch gemeinsam mit dem lokalen Team das komplett neue Werk in Skopje in Nordmazedonien. Der Bau ist weitgehend abgeschlossen, jetzt installieren wir Produktionslinien, trainieren unsere Mitarbeiter und starten dann Schritt für Schritt. Hier stehen viele Kollegen aus Wackersdorf und Pfreimd den Kollegen in Skopje als Paten zur Seite.

Welche Folgen hat das für Ihre Belegschaft?

Das wird natürlich Auswirkungen haben, aber nicht in Form eines Personalabbaus. Wir sind auf einem Wachstumsmarkt, das heißt, wir werden unsere Kollegen weiter beschäftigen und zusätzliche Mitarbeiter einstellen können. Die Digitalisierung rettet ja nicht vor der Zukunft. Sie verändert Produkte und Prozesse, ersetzt aber nicht die Menschen. Natürlich wird der Produktionsmitarbeiter von heute nicht mehr der von morgen sein. Aber er wird die Chance bekommen, sich weiterzuentwickeln.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei Ihren Produkten und Ihrer Produktion?

In beiden Bereichen eine sehr große. Um die Digitalisierung von Produkten voranzutreiben, haben wir 2018 die Schweizer Medizintechnikfirma Sensile Medical gekauft. Damit sind wir nun in der Lage, vernetzte Medizinprodukte zu entwickeln. Diese Systeme können Daten in ein Datenökosystem liefern, aus dem abgeleitet werden kann, welche Medikation in welcher Dosierung welche Wirksamkeit hat, und auch, ob der Patient seinem Therapieplan folgt, das heißt, seine Medikamente richtig dosiert und zum richtigen Zeitpunkt nimmt. Weltweit befindet sich der Markt vernetzter Medizinprodukte noch auf einem niedrigen Niveau, aber es ist ein Wachstumsmarkt. Denn das Ziel solcher Systeme ist es, Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte zu reduzieren – durch Therapiebeobachtung auf digitalem Wege. Wir haben beispielsweise auch das Start-up Respimetrix übernommen, das Techniken bietet, um bei Inhalatoren für Asthmatiker und Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung den Lungenluftstrom zu messen. Diese Daten zeigen, wie Patienten den Inhalator benutzen. Denn Studien zufolge werden diese Geräte von fast der Hälfte der Patienten nicht richtig angewandt. Später lassen sich aus den gesammelten Daten sogar Vorhersagen über den weiteren Krankheitsverlauf machen. Neben der Produktdigitalisierung ist für uns auch die Digitalisierung von Prozessen sehr wichtig. Denn die gesamte Gesundheitswirtschaft unterliegt einem immensen Kostendruck.

Bei der jüngeren Bevölkerung ist (…) ein Trend zur Selbstmedikation zu beobachten. Dabei spielen Smart Devices eine wichtige Rolle.

Mit der Digitalisierung geht auch der Trend zu einer individualisierten Medizin einher. Was bedeutet dieser Trend für Ihre Produkte?

Wie bereits angesprochen, tragen wir mit unseren vernetzten Medizinprodukten zu einer besseren, individuelleren Patientenbegleitung bei. Und dann wird sich auch hierzulande eine Entwicklung vollziehen, die in den USA schon weit fortgeschritten ist: individualisierte Medizin auf Basis von persönlichen Gesundheitsdaten. Mithilfe dieser Daten, die vom Patienten zurück an Krankenhäuser, Ärzte und Krankenversicherungen gespielt werden, können Therapien geplant und Behandlungen zu Hause, ohne Klinikaufenthalte, durchgeführt werden. Wir glauben, dass künftig nicht mehr pro Tablette, sondern je nach Therapieerfolg bezahlt werden wird. All diesen Themen müssen wir uns auch deshalb stellen, weil der Kostendruck im Gesundheitssystem in den nächsten zehn Jahren stark zunehmen wird. Zusätzlich vorantreiben werden diese Entwicklungen auch die jüngeren Generationen, die aufgrund ihrer Sozialisation einen anderen Umgang mit Daten pflegen. Bei der jüngeren Bevölkerung ist auch ein Trend zur Selbstmedikation zu beobachten. Dabei spielen Smart Devices eine wichtige Rolle, für die wir in Olten ein eigenes Expertenteam aufgebaut haben. Es gibt hier noch viele Möglichkeiten, etwa Spritzen oder Injektionsfläschchen, auf denen Daten gespeichert sind, auf die der Patient zugreifen und seine individuellen Anweisungen abrufen kann; oder smarte Verpackungen, die darüber informieren, welche und wie viele Tabletten wann zu nehmen sind.

Welche weiteren Trends auf dem globalen Pharmamarkt sind für Gerresheimer relevant?

Zum einen sind für uns die aufstrebenden Märkte in China und Indien von großer Bedeutung. Mit steigendem Wohlstand nehmen in diesen Ländern auch die bekannten chronischen Krankheiten zu, die Bevölkerungsgruppen dort brauchen Zugang zum Gesundheitssystem. Zum anderen profitieren wir vom Wechsel von klassischen, molekular strukturierten Arzneistoffen zu sogenannten Biologica, also mithilfe von biotechnologischen Verfahren hergestellten Stoffen. Denn dieser Trend wird den Markt für Spritzen, Injektionsfläschchen, Pens und Autoinjektoren enorm beflügeln.

Wir glauben, dass künftig nicht mehr pro Tablette, sondern je nach Therapieerfolg bezahlt werden wird.

Sie haben kürzlich Ihren Strategieprozess für nachhaltiges Wachstum vorgestellt. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Wir haben fünf Handlungsfelder definiert: Wachstum, Innovation, Exzellenz, Leadership und Nachhaltigkeit. Wachsen möchten wir in unserem Kerngeschäft, mit neuen Produkten, aber auch in neuen Märkten wie der Biotechnologie sowie in den Schwellenländern. Aber ganz wichtig ist für uns dabei auch die Frage: Wie wollen wir wachsen? Und dabei spielen die anderen genannten Handlungsfelder eine Rolle. So betrachten wir die Innovationskultur als wesentlichen Ansatzpunkt für nachhaltiges Wachstum. Unser Ziel ist es, eine Innovationskultur zu schaffen, die Neuerungen von innen begünstigt. Konkret werden wir ein Innovationsrennen starten, an dem sich unsere Mitarbeiter weltweit beteiligen können. Wir sind der Ansicht, dass die besten Ideen von den eigenen Kollegen kommen. Innovationen sollen künftig ein Drittel zum Umsatz beitragen. Und eine solche Innovationskultur und eine entsprechende Führungskultur haben ja noch einen anderen Aspekt: Sie verhindern, dass die Mitarbeiter Opfer der Digitalisierung werden. Und dann ist für uns natürlich auch die ökologische Nachhaltigkeit ein Wachstumsziel. Wir haben uns neun konkrete Nachhaltigkeitsziele gesetzt, wie zum Beispiel die Reduzierung unserer CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent oder die Rückführung unserer Kunststoffverpackungen in einen Recyclingkreislauf.

Sie sagen, die besten Innovationen kommen von innen, haben aber ein Start-up zugekauft. Wie passt das zusammen?

Im Bereich der Kernkompetenzen eines Unternehmens kommen die Innovationen von den Mitarbeitern. Will man allerdings als Unternehmen in einen neuen Bereich hinein, dann kann das durch ein passendes Start-up enorm beschleunigt werden. Ein Start-up bringt zudem auch eine andere Kultur und ein höheres Maß an Agilität mit. So entsteht ein fruchtbarer, innovationsfördernder Mix aus Erfahrung und neuem Forschungswissen.

Im Bereich der Kernkompetenzen eines Unternehmens kommen die Innovationen von den Mitarbeitern.

In kleinerem Umfang ist Gerresheimer auch auf dem globalen Kosmetikmarkt tätig. Wie stellt sich dieser Markt aktuell für Sie dar?

Er spielt zwar für uns keine Hauptrolle, ist aber gerade sehr interessant. Denn er wird von der Digitalisierung stark vorangetrieben. Beispielsweise entstehen Smartphone-Apps, die es ermöglichen, auf Basis eines Scans der Haut die optimale Creme zusammenzustellen. Hier möchten wir mit unseren Produkten einen Beitrag leisten. Von Herstellern höherwertiger Kosmetiklinien werden zunehmend auch wiederverwertbare Verpackungen nachgefragt. Wir haben bereits ein von vielen Kunden sehr geschätztes System entwickelt, Glasverpackungen zurückzunehmen, um sie einzuschmelzen und wiederzuverwerten.

Gelingt es Ihnen, ausreichend Fachkräfte für Ihr Unternehmen zu gewinnen?

Ja, das gelingt uns sehr gut. Zum einen haben wir eine sehr geringe Fluktuation. Gerade die Kollegen aus der Oberpfalz sind sehr treu, häufig arbeiten mehrere Mitglieder und Generationen einer Familie bei uns. Und dann tragen natürlich unsere zum Teil schon seit 20 Jahren bestehenden Kooperationen mit Hochschulen wie der RWTH Aachen, den Ostbayerischen Technischen Hochschulen Regensburg und Amberg-Weiden sowie mit Hochschulen aus Nürnberg und Hannover zur Fachkräftesicherung bei. Die Etablierung des Homeoffice wird sicherlich dazu führen, dass unsere Belegschaft noch internationaler wird. Zudem haben wir den Vorteil, dass wir in der Pharmabranche im Vergleich zu anderen Industrien sehr sichere Arbeitsplätze bieten können.

Manfred Baumann

Manfred Baumann ist Maschinenbau-Ingenieur und seit 2007 Global Executive Vice President der Gerresheimer Regensburg GmbH, die zum Geschäftsbereich Plastic & Devices der Gerresheimer AG gehört. Zuvor war Baumann viele Jahre lang in verschiedenen Positionen für die Wilden AG tätig, aus der die heutige Gerresheimer Regensburg GmbH hervorging. Baumann leitete bei Wilden auch das technische Kompetenzzentrum (TCC) in Wackersdorf, von dem aus auch heute noch viele technologische Innovationen in den Konzernverbund eingebracht werden. Vor der Übernahme durch Gerresheimer war der heute 59-Jährige Technischer Vorstand der Wilden AG.