Arbeitswelt der Zukunft
9. März 2022 5:56  Uhr

Betriebliche Mitbestimmung ist wichtiger denn je

Mitarbeiterdatenschutz, KI im Personalbüro, lebenslanges Lernen: In Zeiten der digitalen Transformation der Arbeitswelt muss sich auch die Arbeitnehmervertretung neu erfinden – zumindest teilweise.

Durch die Digitalisierung wird die Arbeit des Betriebsrats vielleicht anders, aber sicher nicht weniger. | Foto: fizkes – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG/MÜNCHEN. 80 Prozent der Befragten in einer aktuellen Betriebs- und Personalrätebefragung durch den Bundesverband der Personalmanager (BPM) und den Ethikbeirat HR-Tech fordern konkrete Richtlinien für den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) in der Personalarbeit. Das berichtete das Handelsblatt Anfang Februar. 84 Prozent der Befragten halten es für wichtig, dass die finale Personalentscheidungsbefugnis beim Menschen bleibt. Ein vom früheren Bundesarbeitsministerium eingesetzter Beirat empfiehlt in diesem Zusammenhang sogar neue Gesetze. KI im Personalbüro ist aber nur eines von zahlreichen neuen Themen, mit denen sich die Arbeitnehmervertretung der Zukunft auseinandersetzen muss. Sie steht selbst vor einem umfangreichen Transformationsprozess.

„Unsere Führungskräfte kommunizieren viel und intensiv in wöchentlichen Coaching-Runden, Berichtsmeetings und einem monatlichen Führungszirkel“, sagt Larissa Willner, Senior Personalmarketingmanagerin bei der Regensburger Cip Soft GmbH. Der Austausch beschränke sich aber nicht auf die Chefetage. Alle wichtigen Informationen seien digital über Wiki- und Ticketsysteme für jeden Mitarbeitenden verfügbar. „Außerdem steht die Tür zur Geschäftsführung immer offen und jeder kann Vorschläge für die Unternehmensstrategie machen.“ Die Kommunikationswege zwischen Basis und Führung reichen vom analogen Vier-Augen-Gespräch über Videocalls bis zum Firmen-Newsticker. Cip Soft setzt nach eigenen Angaben zusätzlich auf anonyme Mitarbeiterbefragungen und Vertrauenspersonen. Alles richtig gemacht? Scheint so, denn das Forschungsinstitut „Greatplacetowork“ hat Cipsoft 2021 unter die 61 besten Arbeitgeber Bayerns gewählt.

Einen Betriebsrat hat die traditionsreiche Gamingschmiede übrigens nicht. Braucht Arbeit keine Betriebsratsarbeit mehr? „Bei aller Begeisterung für das Thema ‚New Work‘ dürfen wir nicht vergessen, dass Arbeit 4.0 nicht nur die Wissensarbeit betrifft, sondern genauso sogenannte ‚Nodesk- Jobs‘ wie die Produktion“, mahnt Dr. Imme Witzel, Coach für digitale Transformation und werteorientierte Organisationsentwicklung aus München. Es werde eine wichtige Aufgabe der Gewerkschaften bleiben, die Digitalisierung dieser Bereiche verträglich für die Arbeitnehmenden zu gestalten. Witzel betont nicht nur, dass zeitgemäße Themen wie lebenslange Weiterbildung und Empowerment der Mitarbeitenden im Zuge der digitalen Transformation längst bei den Arbeitnehmervertretungen angekommen seien. „Gerade in der Coronakrise haben sich die Errungenschaften starker Sozialpartnerschaften – nehmen Sie nur das Kurzarbeitergeld – einmal mehr bewährt.“ Kritischer sieht Witzel die Gefahr einer zunehmenden Vereinzelung im selbstorganisierten Arbeiten in wechselnden Teams innerhalb agiler Unternehmensformen. „Wir müssen den Wandel der Arbeitskultur und der Arbeitnehmervertretung so gestalten, dass er für die Beteiligten möglichst viele Chancen mit sich bringt und Risiken, etwa beim Umgang mit sensiblen Daten, entgegenwirkt.“

Clemens Suerbaum, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Nokia Deutschland und ehrenamtlicher Sprecher für die Mitarbeitendenvertretungen bei der ZD.B-Themenplattform Arbeitswelt 4.0, bestätigt: „Datenverarbeitungsthemen sind zum täglichen Geschäft der Betriebsräte geworden.“ Betriebsräte müssten heute vorausschauender vorgehen und nicht nur kurzfristig auf vom Unternehmen vorgelegte Änderungen reagieren. Suerbaum fordert dementsprechend eine offenere Kommunikation von Unternehmensstrategien. Beteiligungsformen mit New-Work-Label seien keinesfalls adäquater Ersatz klassischer Arbeitnehmervertretung. „Empowerment ohne gesetzlich verankerte Power ist ein Beteiligungsalmosen.“ Für eine gründliche Überarbeitung des Betriebsräteverfassungsgesetzes plädiert auch Witzel. Die Anpassungen im vergangenen Jahr seien ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Ich würde mir wünschen, dass ein politisch neutrales Expertengremium Vorschläge erarbeitet, wie die Gesetzesgrundlagen der Arbeitnehmervertretung in die digitale Arbeitswelt der Zukunft überführt werden können“, so Witzel. Zu einem Reformprozess gehöre dann auch die offene Diskussion aller Beteiligten, damit möglichst alle relevanten Perspektiven einfließen könnten.

Ein Blick in vier Zukunftsszenarien

Wie sieht betriebliche Mitbestimmung 2035 aus? Die Abteilung Mitbestimmungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung lädt zu einer Gedankenreise in vier verschiedene Zukunftsszenarien ein:

Szenario 1 – Wettbewerb: Wachstumsorientierung und Wettbewerb bei der Vermarktung persönlicher Qualifikationen prägen das Arbeitsleben. Gewerkschaftliche Organisation findet nur noch in großen Firmen oder einzelnen Branchen statt. Immer mehr Unternehmen arbeiten mit Freelancern. Die persönliche Verhandlungsmacht orientiert sich am eigenen Marktwert.

Szenario 2 – Verantwortung: Beschäftigung wird vielfältig individueller, Mitbestimmung dezentral. Betriebsräte moderieren und der Staat sichert Grundbedürfnisse. Gemeinnützige Auszeiten sind anerkannt. Persönliche Entfaltung steht im Mittelpunkt.

Szenario 3 – Fairness: Wachsende Ungleichheit fördert den Wunsch nach Wandel. Das Verbandsklagerecht steht für mehr Einfluss der Gewerkschaften. Solidarität auch außerhalb der Tarifwelt, prägt Arbeitnehmervertretung und Gesellschaft. Es gilt das Prinzip Elternzeit statt Dienstwagen.

Szenario 4 – Kampf: Arbeitsstandards und Mitbestimmung werden extrem flexibel, Sozialleistungen abgesenkt. Wettbewerbsdruck und Dauerkrisen unterhöhlen das Vertrauen in Institutionen. Digitalisierung baut historisch Arbeitsplätze ab. Aus Konflikten erwachsen Widerstand und schließlich völlig neue Modelle für kollektives Handeln und Solidarität.

Weitere Informationen gibt es auf: www.mitbestimmung.de/szenarien