Maschinenbau
5. Mai 2021 5:58  Uhr

Big Data ist nicht die Antwort auf alle Fragen

Laufen Industrie 4.0, Big Data, künstliche Intelligenz und virtuelle Realität dem Maschinenbau bald den Rang ab? Wohl kaum, sagen Vertreter der Branche in Ostbayern: Aus ihrem Blickwinkel ist der Maschinenbau keineswegs von gestern.

Im Maschinenbau hat die Digitalisierung längst begonnen. Als Selbstzweck möchte man sie indes nicht begreifen. Foto: ipopba – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

PARKSTEIN/STRAUBING. Der klassische Maschinenbau galt über Jahrzehnte hinweg als Inbegriff für wirtschaftlichen Erfolg. Deutschlandweit ist der Maschinen- und Anlagenbau mit mehr als einer Million Beschäftigten der größte Arbeitgeber und beweist mit einer Exportquote von 80 Prozent seine hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit. Gerade auch in Ostbayern sind es Maschinenbauunternehmen, die diesen Wirtschaftsraum in den letzten Jahrzehnten zu einer Boomregion entwickelt haben. Ob die Branche inzwischen an Glanz verliert und welche Veränderungen etwa die Digitalisierung auch für Maschinenbau mit sich bringen dürfte – über diese Fragen haben wir uns mit Michael Ibarth, dem Marketing-Direktor der Sennebogen Maschinenfabrik GmbH in Straubing, sowie Dr. Stefan Klumpp, dem Vorstand der Hamm AG in Tirschenreuth, ausgetauscht.

Belastende politische Rahmenbedingungen

Nach Auffassung von Dr. Klumpp ist der Maschinenbau nach wie vor der Stützpfeiler der deutschen Wirtschaft: „Deutsche Maschinen und Anlagen haben in der Welt nach wie vor einen exzellenten Ruf“, ist er überzeugt. Die Digitalisierung stelle alle Branchen vor Herausforderungen, der deutsche Maschinenbau aber begegne ihnen mit neuen kreativen Lösungen. Dass der weltweit gute Ruf etwa der deutschen Wertarbeit derzeit belastet scheint, ergebe sich eher aus politischen Rahmenbedingungen wie etwa der „von der Politik zur Farce geführten“ Projekte Stuttgart 21 und Berliner Flughafen, erklärt der Technikvorstand des zur Wirtgen-Gruppe gehörenden Baumaschinenanbieters aus der Oberpfalz, der speziell für den Straßen- und Erdbau produziert.

Weiterhin ein Innovationstreiber

Beim Straubinger Familienunternehmen Sennebogen hält man von der These, dass der Maschinenbau an Glanz verloren habe, gar nichts. Wie Michael Ibarth, der auch die Sennebogen-Akademie leitet und für die Unternehmenskommunikation des niederbayerischen Unternehmens zuständig ist, erläutert, ist der Maschinenbau nach wie vor eine der wichtigsten Exportgüterbranchen und insbesondere auch ein Innovationstreiber für klassische wie für Zukunftsbereiche unserer Wirtschaft. Maschinen „made in Germany“ seien weiterhin weltweit gefragt, ihre Qualität setze weiterhin anerkannte Maßstäbe, betont Ibarth. Die Elektrifizierung von mobilen Maschinen mache durchaus Sinn, doch als generelle, unhinterfragte Zielvorgabe sieht Ibarth sie äußerst kritisch: „Das bedingungslose Bekämpfen eines sauberen Verbrennungsmotors ist die schon perverse Folge einer pseudoidealistischen Vorstellung von Batterietechnologien, die auch heute noch nicht ganzheitlich und fair betrachtet werden.“ Man dürfe nicht den Maschinenbau – hier als Beispiel die Dieselmotorenhersteller – wider alle Vernunft einer „populistischen Klimapolitik“ opfern.

Gegen einseitige Fixierung auf E-Mobilität

Durchaus als Herausforderung für den Maschinenbau betrachten beide Experten die Digitalisierung, die, wie Dr. Klumpp hervorhebt, auch neue Möglichkeiten eröffnet. Automatisierungen, die komplexe Mess- und Regelalgorithmen erfordern, werden mehr und mehr möglich. Mit der in Deutschland nach wie vor hervorragenden Ausbildung sowohl im betrieblichen als auch im universitären Bereich hätten die Unternehmen, so der Hamm-Vorstand, auch die qualifizierten Mitarbeiter, um diese Herausforderungen zu meistern. Auch Dr. Klumpp spricht mit Blick auf die Automobilbranche von einer Verteufelung des Verbrennungsmotors und warnt vor einer einseitigen Fixierung auf die Elektromobilität, die, so Klumpp, politisch motiviert sei und zu einer grundlegenden Transformation führe. Da Elektromobile kein klassisches Getriebe mehr benötigten, komme es tatsächlich zu erheblichen Verwerfungen: „Aber auch hier bin ich mir sicher, dass wir innovative Lösungen finden.“

Auf globale Märkte angewiesen

Michael Ibarth verweist im Übrigen darauf, dass sich Maschinenbauer selten als Digitalunternehmen verstünden. Es sei auch vielerorts nicht sinnvoll, jede Technologie überall auf der Welt einzusetzen. In hoch entwickelten Ländern möge Hochtechnologie bisweilen beherrschbar sein, doch die steigende Komplexität, die mit einer derartigen Technologie einhergehe, bereite vielen Anwendern durchaus Probleme, vor allem wenn es um Wartung und Service gehe. Der Maschinenbau sei angewiesen auf globale Märkte, erklärt Ibarth: „Wir liefern Produkte in die heißesten, staubigsten, kältesten und feuchtesten Gebiete der Welt.“ Dort brauche man robuste, widerstandsfähige und bewährte Technik, keine Reinraumtechnologie. Daher müsse differenziert werden, an welcher Stelle der Maschinenbau Elektronik in den Produkten am Markt realisiert. Dieser Wirtschaftszweig dürfe nicht den Fehler machen, den deutschen Anspruch in puncto Technologie, Langlebigkeit, Wertigkeit und Perfektion auf alle anderen Länder zu übertragen. Darüber hinaus dürfe ein Unternehmen, das sich als Technologieanbieter verstehe, nie vergessen, warum es erfolgreich wurde: „Und das beruht in vielen Fällen auf einem soliden Maschinenbau, der sich über Generationen stetig weiterentwickelt.“ Big Data sei nicht die Antwort auf alle Fragen.

Kommende Generationen besser vorbereiten

Und was kann, ja was sollte der Maschinenbau dennoch bei Industrie 4.0 oder künstlicher Intelligenz einbringen? Vor diesem Hintergrund erinnert Dr. Klumpp daran, dass der Maschinenbau mit seiner Wertschöpfung in Deutschland und der ganzen Welt auch weiterhin die Basis für Wohlstand bedeute. Nicht zuletzt brauche man etwa auch Maschinen, um einen Computer herzustellen: „Mit der guten Ausbildung in Maschinenbau, Mechatronik, Elektrotechnik und Informatik haben wir alles, um in Zukunft zu bestehen.“ Und Michael Ibarth ist davon überzeugt, dass es für jedes Unternehmen entscheidend sei, sich anzupassen, weiterzuentwickeln und neue Erkenntnisse in die nächsten Produktgenerationen einfließen zu lassen. Vor allem müsse der Mensch die Technik verstehen und beherrschen. Daraus folgert er: „Wir müssen schon in der Schule und der Ausbildung vieles verändern, um die kommenden Generationen auf den Technologiewandel besser vorzubereiten.“

Die Zukunft liegt in modularen Lösungen

Wie soll denn die jetzt heranwachsende Generation Z, also die Zehn- bis 25-Jährigen, so fragt Michael Ibarth, Lösungen mit künstlicher Intelligenz entwickeln, wenn in der aktuellen Pandemie noch nicht einmal das Homeschooling richtig funktioniere? Diese Beobachtung empfindet er als einen elementaren Widerspruch. Für den Maschinenbau allgemein werde es darum gehen müssen, modulare Lösungen zu bauen, die je nach Einsatzort auf der Welt unterschiedlich ausgeprägt sein können, automatisiert oder nicht, mit oder ohne Sensorik, mit oder ohne Fernüberwachung und -wartung. Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit werde die Reparierbarkeit von Maschinen wieder wichtiger, ebenso sollte der Fokus stärker auf die Recyclingtauglichkeit gelegt werden, um die Forderung nach CO2-Neutralität zumindest ansatzweise erfüllen zu können.