Interview
1. Mai 2020 13:40  Uhr

Bildung kann inhumane Zustände beseitigen

Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Guido Pollak, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Pädagogik an der Universität Passau, plädiert für einen universellen Bildungsbegriff.

In den „neuen Zwanzigern“ wird sich aufgrund der Digitalisierung die hiesige (Aus-)Bildungslandschaft stark verändern. Foto: Gerhard Seybert – stock.adobe.com

Von Hubertus Stumpf und Stefan Ahrens

Herr Professor Pollak, welche Herausforderungen werden Ihrer Ansicht nach in den „Neuen Zwanzigern“ auf die hiesige Bildungs- beziehungsweise Ausbildungslandschaft zukommen?

Prof. Dr. Guido Pollak: Ich sehe drei Herausforderungen als zentral an. Erstens die ökologische Dimension der Erhaltung der Lebensbedingungen menschlicher Zivilisation: Klimawandel, Ressourcenerschöpfung und Bevölkerungswachstum bedingen Nachhaltigkeit als Bildungsziel. Zweitens ist die technologische Dimension der Veränderung aller politischen, ökonomischen, kulturellen und privaten Lebensbereiche durch die Digitalisierung und Algorithmisierung zu nennen: Das heißt, der alte Homo sapiens, der mit seinen fünf Sinnen die Welt analog erlebte und erkundete, läuft Gefahr, zum Homo digitalis transformiert zu werden. Dies macht eine umfassende digitale Bildung, die mehr ist als Medienkompetenz, zur Verhinderung eines technoiden Transhumanismus notwendig. Und drittens die politische Dimension des Umgangs mit globaler Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Verteilung von Reichtum und Armut, Arbeit, Bildung, Gesundheit, also schlicht von Lebenschancen. Dies erfordert eine an Menschenwürde, Menschenrechten und einer „gerechten Gesellschaft“ Maß nehmende politische Bildung.

Wie würden Sie als erfahrener Erziehungswissenschaftler Bildung definieren?

Wer im deutschsprachigen Kulturraum über Bildung spricht, kommt an Wilhelm von Humboldts kanonischer Definition nicht vorbei. Sie lautet: „Der wahre Zweck des Menschen, nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt – ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ Damit ist Bildung als innere Persönlichkeitsbildung definiert, die alle naturhaft gegebenen Bildungskräfte anregen, entwickeln und vervollkommnen soll. Diese wären: die kognitiven Verstandeskräfte, die sittlich-moralischen Urteilskräfte, die emotional-affektiven Gefühlskräfte, die ästhetischen und pragmatischen Urteilskräfte einer schönen und gelingenden Lebensführung. Keiner dieser Bildungsaspekte darf fehlen, denn dann verfehlt Bildung ihre Aufgabe und ihr Ziel, nämlich Emporbildung zur Humanität.

Welches Ziel sollte Bildung Ihrer Meinung nach haben?

Hier würde ich an Immanuel Kant anschließen: Sie sollte zur Bereitschaft führen, sich seines Verstandes in allen privaten und öffentlichen Dingen ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Nimmt man die nach PISA verbindliche Kompetenzorientierung des Bildungswesens hinzu, dann würde ich zusätzlich versuchsweise definieren: Bildung besteht im lebenslangen Erwerb von kognitiven, motivationalen, affektiv-emotionalen, psychomotorischen und ästhetisch-pragmatischen Fähigkeiten, die das Individuum in die Lage versetzen, die komplexen kulturellen, politischen, ökonomischen und sozialen Anforderungen globalisierter Gesellschaften mündig mitzugestalten und darin mit sich und anderen ein gutes Leben zu führen.

Das ,Bürgerrecht auf Bildung‘ harrt immer noch seiner chancengerechten Einlösung.

Kann die digitale Entwicklung dabei helfen, Bildungs- beziehungsweise Ausbildungsmöglichkeiten zu vereinfachen ?

Zweifellos. Digitale und hybride Lehr-Lern-Szenarien und -Umgebungen unter Einsatz von Open Educational Resources und Big-Data-Analysen können Lehr- und Lernprozesse in bestimmten Lerndomänen und Kompetenzbereichen, etwa im Bereich der Berufsausbildung, effizienter machen. Allerdings muss zum einen vor technologischen Optimierungsträumen gewarnt wie zugleich die Frage im Auge behalten werden, welche Aspekte ganzheitlicher Bildung sich digitaler Bildung verweigern. Das gilt vor allem für ethisch-moralische, kulturell-ästhetische, aber auch politische Bildung.

Ist das in der Arbeitswelt immer wichtiger werdende lebenslange Lernen Ihrer Meinung nach so ohne Weiteres „machbar“ für Jung und Alt?

Lebenslanges Lernen ist erstmal eine menschliche Notwendigkeit: Zwischen Geburt und Sterben lernen wir ein Leben lang die Kunst des Lebens. Die zwei entscheidenden Fragen sind meines Erachtens: Wer bestimmt über die Ziele, Inhalte, Formen und Orte all der Lernprozesse, die an Individuen als vorgeblich notwendige Erwartung herangetragen wird? Das heißt: Wieviel Freiheit wird den Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Alten in den und außerhalb der pädagogischen Institutionen für die Mit- und Selbstbestimmung eines lebenslangen Lernens gewährt? Und zum anderen: Nicht alle verfügen über die gleichen Ressourcen zur Erfüllung – oder auch zur Verweigerung – der fremdgesetzten Erwartungen und Anforderungen. Die in Deutschland skandalöse Bildungsungerechtigkeit gilt über die gesamte Bildungsbiografie hinweg. Das „Bürgerrecht auf Bildung“ harrt immer noch seiner chancengerechten Einlösung.

Professor Pollak, was für eine Bildungslandschaft erhoffen Sie sich bis zum Jahr 2030?

Ich würde darauf gerne mit Theodor W. Adorno antworten. In seinem Rundfunkvortrag „Erziehung nach Auschwitz“ von 1966 sagt er: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Ohne Auschwitz irgend zu relativieren, genügt ein Blick in die gegenwärtige Welt, um zu sehen, wie barbarisch sie weiterhin ist: völkischer Rechtsradikalismus, chauvinistischer Nationalismus, menschenverachtende Migrationspolitik, Natur- und Zivilisationsvernichtung. Ich würde mir deshalb eine Bildungslandschaft wünschen, deren Umwelt nicht durch solche inhumanen Zustände gekennzeichnet ist.

 

 

Der gebürtige Münchner Prof. Dr. Guido Pollak studierte Pädagogik in München und Regensburg. An der Universität Regensburg promovierte er 1983 zum Thema „Fortschritt und Kritik. Die Bedeutung metatheoretischer Programmatiken für den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt im Spiegel der erziehungswissenschaftlichen Rezeption“. 1993 folgte ebenfalls in Regensburg seine Habilitation unter dem Titel „Pädagogisierung. Exemplarische Untersuchung zur Semantik und Pragmatik der Erziehungswissenschaft“. Nach einem Jahr an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main war Pollak ab 1994 an der Universität Passau tätig. Foto: Vincent Pollak

Fazit

Auch in Zukunft wird sich Bildung über verschiedene Aspekte definieren: Sie muss neben dem Abfragen reinen Faktenwissens auch kognitive Verstandeskräfte, die Empathiefähigkeit, aber auch ästhetisches und sittlich-moralisches Urteilsvermögen im Menschen gleichermaßen ausbilden. Dies ist ein lebenslanger Prozess, den die Bildungsinstitutionen allein nicht leisten können und der durch permanente Begegnung mit der Welt und ihren sich wandelnden Bedingungen erfolgen muss.
Bildung muss so beschaffen sein, dass sie die Menschen dazu befähigt, sich den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft in puncto Klimawandel, Ressourcenerschöpfung, Digitalisierung, aber auch der Stärkung von Menschenwürde und Menschenrechten zu stellen und sie zu bewältigen. Die Digitalisierung kann ein wertvolles Hilfsmittel zur Umsetzung von Bildungszielen sein – sie kann aber nicht allen Erfordernissen ganzheitlicher Persönlichkeitsbildung gerecht werden, insbesondere nicht der ethisch-moralischen, kulturell-ästhetischen und politischen Bildung. Neben Ausbildung zum Erwerb des Lebensunterhalts und der Befähigung zu einem Leben als mündiger Bürger in einer freien Gesellschaft verfolgt Bildung immer auch das Ziel, ein friedliches Miteinander zu sichern.