Gesundheit
5. März 2021 12:31  Uhr

Bionorica lässt sich durch Corona-Effekte nicht beirren

Im Geschäftsjahr 2020 erleidet der weltweite Marktführer im Bereich pflanzlicher Arzneimittel einen Umsatzrückgang. Dennoch ist der Ausblick auf neue Märkte und Präparate positiv.

Prof. Dr. Michael A. Popp und Dr. Uwe Baumann bei der virtuellen Bilanzpressekonferenz 2021 | Foto: Sonja Wahler

Von Gerd Otto

NEUMARKT. Die Coronapandemie hat der Bionorica SE als dem weltweit führenden Hersteller von wissenschaftlich erforschten pflanzlichen Arzneimitteln mit Sitz in Neumarkt in der Oberpfalz nicht nur eine gehörige Delle in der seit Jahren anhaltenden Wachstumsentwicklung beigebracht. Vielmehr war dieses Virus auch Anlass für vorklinische In-vitro-Studien mit dem Ziel, das Wirkstoffpotenzial von Arzneimitteln aus dem Atemwegsportfolio von Bionorica für Coronapatienten zu untersuchen. Erste wissenschaftliche Erkenntnisse, so erklärte der Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Michael A. Popp bei der virtuellen Bilanzpressekonferenz, liegen bereits vor und werden schon bald begutachtet. Popp hob hier insbesondere die Zusammenarbeit mit den Universitätskliniken Regensburg und Freiburg hervor.

Übliche Atemwegserkrankungen blieben aus

Aktuell freilich, mit Blick auf das Geschäftsjahr 2020, haben die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie – von Abstands- und Hygienemaßnahmen bis zum Einsatz von Homeoffice – dazu geführt, dass die üblichen Atemwegserkrankungen nahezu komplett ausblieben. Die Folge: Bei Präparaten wie Sinupret oder Bronchipret brach der Umsatz spürbar ein. Die bis zu 75 Prozent geringere Zahl an Patienten in diesem Bereich ließ den Absatz um fünf Millionen auf 14 Millionen sinken. Dennoch konnte sich Bionorica mit Erfolg durch das Coronajahr 2020 „navigieren“. Zum einen schaffte man dies durch ein stark ausgebautes Angebot auf dem Gebiet gynäkologsicher Präparate sowie vor allem mit dem Harnwegsmedikament Canephron. Für Prof. Popp ist dies nicht zuletzt ein „Beitrag zur Eindämmung der weltweit zunehmenden Antibiotika-Resistenzen“, wie eine internationale Studie zum Thema Harnwegsinfektionen ermittelt habe.

Russland als wichtigster internationaler Markt

Michael Popp, sein für Global Business zuständiger Vorstandskollege Dr. Uwe Baumann, Dr. Hanke Wohlers, zuständig für Product Supply und Finanzvorstand Dr. Michael A. Rödel hoben noch einen zweiten Aspekt hervor, der die Bilanz 2020 für Bionorica rettete: die stabile Geschäftsentwicklung auf dem internationalen Hauptmarkt Russland. Dort wurden im vergangenen Jahr über 22 Millionen Packungen mit Bionorica-Präparaten abgesetzt. Auch die Ukraine und weitere osteuropäische Märkte halfen, die coronabedingte Umsatzschwäche in Deutschland und Österreich aufzufangen. Insgesamt sank der Umsatz um 13,4 Prozent auf 287,7 Millionen, was aber auch den Wechselkurseffekten rund um Rubel und dem ukrainischen Hrywnja geschuldet war. Ohne diese Währungseinflüsse hätte das Jahr 2020 mit einem Umsatz von über 304 Millionen Euro abgeschlossen.

Forschungsinstitut in Innsbruck

Allerdings wertet das Unternehmen diese Entwicklungen im Geschäftsjahr 2020 eher als Sonderfaktoren und macht sich keine grundsätzlichen Sorgen. Das zeigt sich nicht zuletzt in den im letzten Jahr erfolgten zukunftsgerichteten Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe, insbesondere in Forschung und Entwicklung. Dies geschieht etwa im Phytovalley Innsbruck, wo Bionorica eigene Forschungsstätten betreibt und 2020 gemeinsam mit dem Land Tirol das Michael-Popp-Forschungsinstitut für pflanzliche Wirkstoffforschung eröffnete. Hier geht es um neue pflanzliche Therapieansätze für Entzündungen und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes und Krebs.

Belegschaft wird stabil gehalten

Zuversicht spricht auch daraus, dass Bionorica seine Belegschaft stabil hält. Von den weltweit 1823 Mitarbeitern waren Ende des vergangenen Jahres mehr als 1000 am Standort Neumarkt tätig, wo gerade ein neues Verwaltungsgebäude entsteht. Angesichts der gerade auch durch den „Brandbeschleuniger Corona“ ausgelösten Diskussion um Homeoffice sei man aber gerade auch dabei, die Verwendung dieses Bürokomplexes noch einmal zu überdenken. Denken sei für Bionorica ohnehin eine permanente Aufgabe, etwa beim Klimaschutz. Zwar dürfe sich das Unternehmen seit 2020 hinsichtlich der eigenen Emissionen bereits klimaneutral nennen, etwa durch energieeffiziente Technik und den Bezug von Ökostrom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. Langfristig aber strebt Bionorica sogar das Prädikat „klimapositiv“ an.

Apotheken als Kooperationspartner

Optimistisch stimmt das Unternehmen zum einen die hohe Wertschätzung der Apotheken als Kooperationspartner hierzulande: So erhielt Bionorica auch 2020 den Titel „Apothekenfavorit“ in den Kategorien „OTC-Hersteller und „Pflanzliche Arzneimittelhersteller“. Aber auch der Blick auf neue Märkte stimmt Bionorica zuversichtlich. In der Türkei zum Beispiel sei in diesem Jahr die Markteinführung weiterer Präparate geplant und das positiv laufende Iran-Geschäft soll kontinuierlich ausgebaut werden, betont Prof. Popp. Auf der Basis der Zulassungen weiterer Präparate werde es 2021 auch in Frankreich und Spanien Marktaktivitäten geben. Außerdem wurde 2020 in Ägypten eine eigene Tochtergesellschaft gegründet, in Rumänien und in der Republik Moldau sei dies ebenfalls geplant.

Mit Drohnen Unkraut bekämpfen

Aber auch die digitale Transformation läuft bei Bionorica auf Hochtouren, und zwar, wie Dr. Uwe Baumann erläuterte, „mit einem Mehrwert für die Patienten, aber auch für die Apotheken selbst“. Unter dieser digitalen Weiterentwicklung versteht Baumann die erweiterte Onlinepräsenz jeder der inzwischen 1000 Phytotheken sowie die direkte Kundenansprache durch Videos oder Banner auf relevanten Social-Media-Kanälen. Sogar Drohnen werden künftig in dieses Digitalkonzept von Bionorica eingebunden, etwa um die Qualität des Anbaus von Heilpflanzen zu steigern. Jedes Unkraut aus der Luft zu erkennen und einzeln zu entfernen, hält Prof. Popp deshalb für durchaus machbar. Und womit würde sich der Pharmazeut Prof. Popp, Jahrgang 1959, vor dem Hintergrund von Covid-19 impfen lassen? Für ihn sei jeder Impfstoff besser als keiner: „Ich würde mich sogar mit Sputnik V impfen!“ Inzwischen prüft auch die EU die Zulassung des russischen Produkts.