Karriere
15. Mai 2020 13:31  Uhr

Bis Mami Karriere macht, ist es noch ein weiter Weg

Muttertag, Weltfrauentag – ein Tag zu Ehren der Frau bringt nicht viel. Denn an den restlichen 364 Tagen ist besonders im Berufsleben von Geschlechtergerechtigkeit keine Rede.

Gleichberechtigung steht im Grundgesetz – doch zumindest in der Arbeitswelt ist sie noch lange nicht erreicht. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn

Von Lucia Pirkl

Blumen für die Lehrerin, die Mama oder die Partnerin – in (ehemals) sozialistischen Ländern ist das schon seit Jahrzehnten zum Weltfrauentag am 8. März Usus. Auch bei uns ist der Tag seit den 1990er-Jahren ein fester Termin, an dem an die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann erinnert wird.

Viele Frauen jedoch dürften im Gedenktag wie in den Blumen nichts als Augenwischerei sehen. Gleichberechtigung ist in vielen Teilen der Welt ein Fremdwort und auch in den aufgeklärten Industrieländern zeigt der berufliche Alltag, dass der Weg noch weit ist. Die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern sind immens und auf der Karriereleiter ist für die meisten Frauen bei  den letzten Sprossen Schluss.

80 Prozent sehen Gleichheit noch nicht hergestellt

Sicherlich hat sich in den vergangenen Jahren vieles getan: Auch Väter gehen in Elternzeit und kümmern sich mit um den Sprössling, damit Mama in den Beruf zurückkehren kann. Doch wer von Geschlechtergleichheit im Berufsleben spricht, verkennt die Realität. Das belegen auch Studien und Umfragen immer wieder, wie etwa die Studie von Yoopies, einer Internetplattform im Bereich Kinderbetreuung, die in 20 Ländern weltweit operiert. In seiner Umfrage wollte das Unternehmen wissen, wie es um die Gleichheit im Berufsleben steht. Von den mehr als 1000 Teilnehmern sehen fast 80 Prozent die Gleichheit zwischen Frau und Mann im Job noch nicht hergestellt. Die Hälfte der Befragten ist zwar der Ansicht, dass in den vergangenen fünf Jahren zumindest die Richtung stimmte. Die knappe andere Hälfte sieht aber akuten Nachholbedarf, vor allem bei den Gehältern und dem Zugang zu Führungspositionen.

So sind beispielsweise 63 Prozent der befragten Frauen der Ansicht, dass sie beim Erreichen ihrer Karriereziele nur aufgrund ihres Geschlechts Steine in den Weg gelegt bekommen. 59 Prozent geben an, dass ihre Entscheidungen nicht so sehr respektiert oder ihre Autorität weniger angenommen würden als die ihrer männlichen Kollegen. 68 Prozent der Befragten sahen sich sogar schon als Opfer sexistischer Bemerkungen.

Noch größer sind die Diskrepanzen, wenn es darum geht, Berufs- und Privatleben zu vereinbaren. 81 Prozent der befragten Frauen empfinden dies als schwierig, während nur 64 Prozent der Männer mit dem Problem zu kämpfen haben.  Fast 60 Prozent der von Yoopies befragten Frauen haben aus diesem Grund mindestens einmal ihre Arbeitszeiten verändert, bei den Männern waren es nur  17 Prozent. 23 Prozent der Frauen haben deshalb sogar schon ein Jobangebot abgelehnt. Frauen haben offenbar bei der beruflichen Entwicklung häufig das Nachsehen. Unterbrechungen wegen Schwangerschaft, Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen: All das sind Faktoren, die Frauen öfter in Teilzeit zwingen als Männer – und damit später in die Altersarmut.

Kinderkriegen als Karrierekiller

Mutterschaft stellt sich auch in der Yoopies-Umfrage für 83 Prozent als Hemmschwelle für die berufliche Entwicklung heraus. Ohne die Möglichkeit zur Kinderbetreuung wären 76 Prozent der Arbeitsstunden nicht realisierbar, so die Befragten. Vor allem in der Coronakrise wird noch deutlicher: Viele jetzt als systemrelevant eingestufte und zudem oft schlecht bezahlte Berufe sind von Frauen besetzt, die häufig auch für die Kindererziehung zuständig sind. Ohne eine hochwertige, verfügbare und bezahlbare Kinderbetreuung geht es also nicht.

Frauen haben in der Arbeitswelt immer noch das Nachsehen. Doch wer oder was kann helfen? 98 Prozent der von Yoopies Befragten sehen hier vor allem die Unternehmen in der Pflicht. Möglichkeiten gäbe es zuhauf, sie werden nur zu selten genutzt. So würden beispielsweise die gesetzlichen Möglichkeiten, die eine steuerfreie Übernahme der Betreuungskosten durch das Unternehmen beinhalten, nur selten ausgeschöpft, zeigt die Yoopies-Studie.

Anreize schaffen kann auch die Politik: Im Landkreis Regensburg  will man mit der Initiative „Beruf und Familie. Geht gut bei uns!“ seit 2015 eine frauen- und familienbewusste Personalpolitik fördern. Im jährlichen Wechsel mit dem Margarethe-Runtinger-Preis der Stadt werden Betriebe für ihre vorbildlichen familienfreundlichen Maßnahmen ausgezeichnet. Zahlreiche Unternehmen aller Branchen und Größen haben sich schon an der Initiative beteiligt und sich für Lohntransparenz, Kinderbetreuung und Frauen in Führungspositionen eingesetzt. Jungen Frauen hilft vor allem auch die Möglichkeit, die betriebliche Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren. Auch das wird für Firmen im Landkreis zunehmend attraktiver.

Corona zeigt Schwachstellen noch stärker auf

Noch ein weiterer Aspekt der Ungleichheit der Geschlechter wird jetzt in der Coronakrise besonders deutlich: Kita- und Schulschließungen stellen Frauen vor die Herausforderung, den Spagat zwischen Homeschooling und vernünftigem Arbeiten zu meistern. Erste Regierungsmaßnahmen haben diese Doppelbelastungen für Familien und damit meistens für Frauen zwar berücksichtig, aber längst nicht in ausreichendem Maße. Statt Entgeltersatzleistungen für all jene auf den Weg zu bringen, die durch die Schließung von Einrichtungen finanzielle Einbußen erwarten, wurde mit dem Entschädigungsanspruch lediglich ein Art Härtefallregelung geschaffen. Die vielen Anspruchsvoraussetzungen werden nur wenige Mütter nachweisen können.

Ein Gutes mag die Coronakrise dennoch haben. Betriebe und Firmen, die mobiles Arbeiten bisher nur wenig gefördert haben, müssen umdenken. Vieles ist jetzt selbstverständlich, was früher oft indiskutabel war. Homeoffice ist die neue Normalität geworden und bietet zumindest einen kleinen Lösungsansatz, um Familie und Beruf vereinbaren zu können und damit ein Stück mehr Gleichberechtigung zu erreichen.