Interview
21. April 2021 6:03  Uhr

Börsenerfolgsgeschichten sind oft wie Jägerlatein

Börsenexperte Robert Halver wirbt für langfristige Aktieninvestments. Das vor allem bei jungen Leuten in Mode gekommene riskante Spekulieren ohne entsprechendes Know-how sieht er kritisch.

Robert Halver
Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG | Foto: Baader Bank

Von Robert Torunsky

Herr Halver, 2020 hat es in Deutschland deutlich mehr Neuaktionäre gegeben. Worin liegt das plötzliche Interesse begründet?

Robert Halver: Durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben die Leute mehr Zeit und auch Kaufkraft gehabt, die sie nicht loswerden konnten und haben sich dadurch mehr mit Aktien beschäftigt – leider aber vielfach mit Zombie-Werten.

Auf welche Aktien zielen Sie hier ab?

Durch amerikanische Konsumschecks und eine Geldsintflut der Notenbanken ist einiges aus den Fugen geraten. Viele Aktien werden hypemäßig nach oben gespült, obwohl die Geschäftsmodelle der dahinter stehenden Firmen so brüchig sind wie altes Holz im Wald. Da haben es selbst Hedgefonds schwer, die bei aller Kritik auch die wichtige Aufgabe haben, schwache Aktien zu entsorgen. Man kann das mit Löwen vergleichen, die sich um angeschlagene Antilopen „kümmern“. Diese ungesunde Entwicklung des Zockens an der Börse, des vermeintlich schnellen Reichwerdens macht sich leider auch in Deutschland breit. Ich würde mich zwar gerne bei jedem Jugendlichen in Deutschland, der in Aktien investiert, mit Handschlag für das Interesse am Aktienmarkt bedanken. Aber es geht um stabile Aktien, nicht um Zocken mit Titeln aus dem Spielcasino, deren Überleben am seidenen Faden hängt.

Was ist Ihrer Ansicht nach die bessere Alternative?

Grundsätzlich gilt: Wer jahrelang Geld auf dem Sparbuch lässt, verschenkt nicht nur Rendite; spätestens nach der Inflation macht man Verluste. Wenn man stattdessen die zinslose Zeit genutzt hat, um regelmäßig in Aktiensparpläne – selbst wenn diese in den Augen vieler junger Leute banal und langweilig erscheinen – zu investieren, lässt sich längerfristig ein solides Vermögen aufbauen. Das ist, gerade auch im Sinne der Altersvorsorge, eine sehr solide Anlagestrategie. Man spielt mit seinem Geld nicht Roulette.

Wenn ich etwas kaufe, das nicht Hand und Fuß hat, und ich mich mit den Geschäftsmodellen nicht auseinandersetze, dann ist das Spielcasino.

Das billige Geld wird uns wohl auch noch eine ganze Zeit begleiten, oder?

So ist es. Wenn man die Aussagen der Europäische Zentralbank und der US-Notenbank hört, dann ist nicht zu erkennen, dass das billige Geld ein Verfallsdatum hat. Diese für Zocker paradiesischen Zustände, bei denen jede Ordnung und Finanzmarktstabilität verloren geht, werden weiter existieren. Selbstdisziplin im Sinne der eigenen Anlagestrategie tut Not.

Befeuern Apps, die mit wenigen Klicks den Aktienkauf ermöglichen, die von Ihnen angesprochene ungesunde Entwicklung?

Auf der operativen Ebene Aktien einfach und sehr günstig kaufen zu können – auch durch den Kauf gesplitteter Aktien – ist hervorragend. Alles, was die Menschen weg von der unattraktiven Anlageform Zinspapiere entfernt, ist positiv. Es geht aber um die konkrete Nutzung. Wenn ich etwas kaufe, das nicht Hand und Fuß hat, und ich mich mit den Geschäftsmodellen nicht auseinandersetze, dann ist das Spielcasino. Es ist auch heutzutage wichtig, dass Aktienwerte Substanz haben. Denn viele hochgetriebene Aktien wirken zwar verlockend. Gier ist ein menschlicher Charakterzug. Und da bin auch ich menschlich. Aber wenn die großen Investoren sich wie Heuschrecken der nächsten grünen Aktien-Wiese zuwenden, fallen Titel ohne Qualität zusammen wie ein Soufflé, das Kälte abbekommt. Aktien dagegen, die stabil sind, teilweise Dividende zahlen, eine überzeugende Story verkaufen und auch Gewinnpotenzial haben, sind bei Börsenturbulenzen viel widerstandsfähiger. Ich habe meinem eigenen Nachwuchs immer eingebläut, dass man zunächst mit regelmäßigen Aktiensparplänen für einen stabilen Unterbau sorgen muss. Wie beim Hausbau gilt auch für Aktien: Man fängt mit dem Keller an, nicht mit dem Dach.

Kryptowährungen sind sicherlich aus der Schmuddelecke heraus. Aber es sind nach wie vor Paradiesvögel oder Blackboxes.

Gerade das Spekulieren bietet speziell für die jüngeren Neuaktionäre den Reiz.

Wenn man sich mit Aktien auskennt, kann man gerne auch mal spekulieren. Das gehört ja auch zum Lustgewinn dazu. Es sollte aber ein Add-on, ein Added Value, also eine Zugabe sein, die oben draufkommt, und nicht der Hauptzweck. Ich werde häufig privat auf heiße Tipps angesprochen – da merkt man gleich, dass man es mit keinem Profi zu tun hat. Ganz ehrlich: Warum sollte ich heiße Tipps ausplaudern und nicht ausschließlich selbst davon profitieren? Und an heißen Tipps kann man sich ja auch die Finger verbrennen. Man muss sich wie beim Kauf eines neuen Autos oder eines Smart-TV mit der Materie ordentlich beschäftigen. Dann ist das Risiko eher einschätzbar und kann sich lohnen. Natürlich gibt es die Glücksgriffe: Wenn jemand erfolgreich auf Bitcoins gesetzt hat, kann ich ihm nur meinen Glückwunsch aussprechen. Aber so etwas lässt sich nicht seriös prognostizieren, dabei ist man wie vor Gericht und auf hoher See in Gottes Hand. Kryptowährungen sind sicherlich aus der Schmuddelecke heraus. Aber es sind nach wie vor Paradiesvögel oder Blackboxes. Sie können aufsteigen, aber auch massiv abstürzen. Kryptowährungen sind für Spekulanten, die Risiko aushalten. Bitcoins sind kein Ersatz für den langfristigen Vermögensaufbau mit soliden Aktien. Ich verweise noch einmal auf den Hausbau.

Die Aussicht auf das schnelle Geld wirkt aber verführerisch und wird mit Erfolgsgeschichten auch entsprechend befeuert.

Bei diesen Erfolgsgeschichten muss man sehr vorsichtig sein. Es ist wie mit Jägerlatein: Da behauptet jemand, er habe einen kapitalen Hirsch erlegt, obwohl es tatsächlich nur ein lahmendes Kaninchen war. Man sollte den schwierigeren Weg wählen, der aber längerfristig der erfolgversprechende ist. Man kann nicht verhindern, langfristig vermögend zu werden, wenn man schon in jungen Jahren auf regelmäßige Ansparpläne setzt, diese kontinuierlich durchzieht und vielleicht auch hin und wieder eine Aktie mit Substanz kauft. So ist das Risiko über die Zeit beherrschbar und die Renditechancen sind hoch. Spekulieren sollte man mit zusätzlichem Kapital, nennen wir es mal Spielgeld. Aber dann habe ich mich mit den Aktien auseinandergesetzt, weiß, warum ich investiere und freue mich, wenn es klappt.

Politiker sollten sich nicht nur als Friedensnobelpreisträger verstehen. Sie sollten den Wirtschaftsnobelpreis anstreben.

Sie haben das kontinuierliche Ansparen angesprochen. In Schweden werden 2,5 Prozent von jedem Monatslohn automatisch abgezogen und in Aktienfonds investiert. Wäre dies auch in Deutschland sinnvoll? Und falls ja, sind bei der Umsetzung Staat oder Unternehmen gefordert?

Das wäre großartig! Hier ist vor allem Vater Staat gefordert. Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern zwar durchaus Altersvorsorgemodelle an. Wichtig sind aber die Anreize. Sie müssen steuerlich gefördert werden. Wenn Politiker fehlerfrei bis drei zählen können, legen sie ihre ideologischen Scheuklappen in puncto Aktien ab. Eine vorausschauende Politik, die die Aktienkultur mit staatlich geförderten Sparplänen dynamisiert, sorgt dafür, dass bei dann verbesserter Altersvorsorge sogar weniger Sozialleistungen gezahlt werden müssen. Wir müssen aus der Zinsfalle raus. Es sollten Bürger nicht weiter bestraft werden, die sich Geld vom Mund absparen, in ihre Vorsorge investieren und später auf ihre Aktiengewinne auch noch Steuern zahlen müssen. Man sollte sich an den Schweden ein Beispiel nehmen, die ja nicht für Turbokapitalismus bekannt sind. Unsere Politiker müssen nicht jeden Tag hypermoralische, politische korrekte Politik machen, um jedem Shitstorm auszuweichen. Man hat niemanden gezwungen, Politiker zu werden. Wenn man die Hitze der Küche nicht aushält, wird man ja auch kein Koch. Wenn man aber Politiker ist, hat man ordentliche Politik, auch ordentliche Anlagepolitik für seine Bürger zu machen. Wenn Politiker aus Mutlosigkeit oder um des lieben Friedens willen immer nur den einfachen Zinsweg gehen, werden sie der pensionierten Bevölkerung am Ende einen deutlich schwereren Weg aufgezwungen haben. Politiker sollten sich nicht nur als Friedensnobelpreisträger verstehen. Sie sollten den Wirtschaftsnobelpreis anstreben.

Wie sollte die Bundesregierung reagieren?

Das Thema Altersvorsorge mit Aktien muss nach der nächsten Bundestagswahl dringend und konsequent angegangen anzugehen. Aber ich befürchte, dass mir eher ein zweiter Kopf wächst, bevor ich das erlebe.

Robert Halver

Seit 2008 ist Robert Halver bei der Baader Bank AG in Frankfurt tätig. Als Leiter Kapitalmarktanalyse ist er für die Einschätzung der internationalen Finanzmärkte zuständig. In dieser Funktion ist er ebenso für die Außendarstellung der Baader Bank tätig. Robert Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie Fachpublikationen und als Kolumnist einem breiten Anlegerpublikum bekannt.


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