Rohstoffpreise
22. November 2021 5:58  Uhr

Bremseffekte trotz voller Auftragsbücher

Rohstoffmangel, unterbrochene Lieferketten und ungebremste Preissteigerungen belasten die Wirtschaft weltweit. Auch Unternehmen in Ostbayern sind betroffen.

Stromintensive Betriebe sind von steigenden Energiekosten hart betroffen. | Foto: creativenature.nl – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

OSTBAYERN. Dass die derzeitigen Lieferengpässe im verarbeitenden Gewerbe zu einem preistreibenden Effekt geführt haben, der durch die Verteuerung von Rohstoffen noch verstärkt wurde und die Nachfrage gedämpft hat – diese Beobachtung der renommierten Institute DIW, Ifo, Leibniz Halle, Weltwirtschaft Kiel sowie RWI wird in der Region Ostbayern durchaus bestätigt.

„Papier ist das neue Gold“, sagt Johannes Helmberger. Damit beschreibt der Geschäftsführer der Franz Anton Niedermayr GmbH & Co. KG als einer besonders traditionsreichen grafischen Kunstanstalt in Regensburg nicht nur die Situation in der Druckindustrie. Schließlich könne derzeit der Bedarf wohl auch deshalb nicht befriedigt werden, weil hierzulande zuvor eine Produktionskapazität von nicht weniger als fünf Millionen Tonnen stillgelegt worden sei. Zu zusätzlichen Preissteigerungen führe speziell in dieser Branche aber auch die Tatsache, dass der Preis für Altpapier, die Basis des weitgehend eingesetzten Recyclingpapiers, zuletzt um 150 Euro pro Tonne angestiegen war, ganz zu schweigen von der dramatischen Verteuerung anderer zur Papierherstellung erforderlichen Stoffe.

Preissteigerungen bis zu 400 Prozent

Große Aufträge, darauf verweist Helmberger in seiner Funktion als Oberpfälzer Bezirksvorsitzender in der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) ebenfalls, könnten zur Zeit nur noch mit langen Vorlaufzeiten umgesetzt werden, da kurzfristig kein Papier verfügbar sei. Seit Mitte 2021 werden in der Branche Preissteigerungen von bis zu 70 Prozent einkalkuliert, bei Betriebsmitteln und Hilfsstoffen nennt Helmberger Steigerungsraten von bis zu 400 Prozent. Zudem sei die Versorgung mit Zusatzstoffen aus China völlig unkalkulierbar.

Ein Kapitel für sich sind natürlich die Energiepreise, was Andreas Insinger, Inhaber und Geschäftsführer der Anka-Draht KG in Neunburg vorm Wald, stellvertretend für alle stromintensiven Unternehmen nur bestätigen kann. Die Preissteigerungen auf dem Energiesektor würden jedenfalls das Geschäft im internationalen Wettbewerb erheblich erschweren. Wie sich dieses Problem in Zukunft rund um den grünen Strom entwickeln wird, bleibe abzuwarten. Angesichts des geplanten Kohleausstiegs und der Abschaltung der Kernenergie fragt sich Insinger aber auch ganz grundsätzlich, woher künftig die erforderlichen Stromkapazitäten kommen sollen.

Rohstoffe und Vormaterialien fehlen

Über diese und weitere Risiken für die künftige wirtschaftliche Entwicklung wurde kürzlich auch im Ausschuss Industrie, Umwelt, Energie und Technologie der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim diskutiert. Als Gäste der IHK erläuterten Dr. Ralph Solveen, stellvertretender Chefvolkswirt bei der Commerzbank AG, und Carsten Fritsch, Rohstoffexperte bei der Commerzbank AG, wie die Materialengpässe die Industrieproduktion ausbremsen. Als Grund für die Engpässe sei vor allem ein weltweites Ungleichgewicht aufgrund der Coronapandemie zu beobachten, so die Experten. Die weltweite Nachfrage steige aktuell schneller, als Produktionskapazitäten in vielen Ländern hochgefahren werden könnten. Dadurch sei das Paradoxon entstanden, dass viele Unternehmen trotz voller Auftragsbücher gezwungen seien, ihre Produktion zu bremsen oder sogar auszusetzen, weil Rohstoffe und Vormaterialien fehlen.

Aber auch die Handwerksbetriebe in Ostbayern, gerade kleinere oder von der Pandemie und deren Folgen geschwächte Unternehmen, spüren die Auswirkungen der Einkaufspreissteigerungen erheblich. Wie der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz Jürgen Kilger betont, leiden im ostbayerischen Handwerk aktuell über zwei Drittel aller Betriebe unter weiter steigenden Preisen im Einkauf. Insbesondere das Bauhauptgewerbe, Ausbaugewerbe sowie die Handwerke für den gewerblichen Bedarf seien davon betroffen. Hier müssten zum Teil über drei Viertel aller Betriebe höhere Preise im Einkauf verkraften. Es sei aber davon auszugehen, dass sich in bestimmten Bereichen die Teuerung wieder verlangsamen werde.

Preise für Endkunden noch fast unberührt

Mittelfristig werde es einen gewissen Inflationsdruck geben, gerade mit steigenden Energiekosten werde die deutsche Wirtschaft weiter zu kämpfen haben. Vor diesem Hintergrund würden Betriebe einen Teil ihrer gestiegenen Kosten an den Verbraucher weitergeben müssen. Dies sei aber nicht allen möglich: „Während über zwei Drittel unserer Betriebe zuletzt mit steigenden Kosten kämpften, erhöhte lediglich rund ein Drittel seine Verkaufspreise.“