Mobilität
24. Juni 2022 6:08  Uhr

Charmante Lösung oder teure Spielerei?

Die Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg stellte ihre Seilbahnstudie öffentlich zur Diskussion. Die Stadt sieht darin keine vorübergehende Alternative zur Stadtbahn.

Koblenz hat es vorgemacht. 2011 wurde im Zuge der Bundesgartenschau eine Seilbahn gebaut, die sich zum ÖPNV-Baustein mauserte. Foto: Thomas Otto – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. „Die übliche Reaktion auf urbane Seilbahnen: Wo sind die Berge? Wo ist der Schnee?“ Mit diesem Zitat des Verkehrswissenschaftlers Professor Heiner Monheim stieg der Dekan der Fakultät Maschinenbau bei der Ostbayerischen Technischen Hochschule OTH Regensburg, Professor Dr. -Ing. Ulrich Briem, unlängst in eine öffentliche, virtuelle Diskussionsveranstaltung zur Frage „Braucht Regensburg eine Seilbahn?“ ein. Zusammen mit Studierenden hatte Briem ein Seilbahnkonzept für Regensburg entwickelt, das 2021 von der österreichischen Unternehmensgruppe List einen Anerkennungspreis bekam. „Auch bei der Stadt Regensburg erhielt die Idee einer Seilbahn viel positives Feedback“, so Briem.

Stadtbahn bleibt das Rückgrat der Verkehrszukunft

Im Wettrennen um die Gunst der Planer hat das alternative Verkehrsmittel in der Domstadt aber den kürzeren gezogen. Der Regensburger Stadtrat beschloss, das Projekt vorerst nicht weiter zu verfolgen. „Als Stadtwerk arbeiten wir derzeit intensiv gemeinsam mit der Stadt an der Einführung einer Stadtbahn und sehen diese als Rückgrat des ÖPNV der Zukunft“, sagt dazu Stadtwerk-Pressesprecher Martin Gottschalk auf Anfrage. Das bisher alleinstehende Bussystem werde dann die Ergänzung darstellen.
Gottschalk gesteht einer Seilbahn durchaus zu, „ein charmanter Ansatz“ zu sein. Die langwierige Planung eines weiteren Verkehrssystems sieht das Stadtwerk aber kritisch. Diese Einschätzung teilt auch die Stadtverwaltung. Dazu Verena Bengler von der Pressestelle: „Der Entscheidung für eine Stadtbahn ging eine umfassende Analyse voraus, bei der verschiedene Ansätze für ein höherwertiges System auf ihre Eignung geprüft wurden. Letztlich hat man sich mit der Stadtbahn für ein Verkehrssystem in der Nullebene entschieden, da hiermit nicht nur eine hohe Leistungsfähigkeit und Transportkapazität gegeben wäre, sondern auch ein hoher Grad an Zugänglichkeit für das Verkehrsmittel aus dem urbanen Umfeld heraus möglich ist.“

Die Infrastruktur einer Stadtbahn lasse sich im Weltkulturerbe Regensburg wesentlich besser integrieren. Ein wichtiges Argument ist für die Stadtregierung außerdem die potenzielle Förderwürdigkeit eines Stadtbahnbaus durch den Bund. Für die Beschaffung der Fahrzeuge rechnet man mit weiteren Fördergeldern. Voraussichtlich 2030 soll der erste Teilabschnitt der Stadtbahn in Betrieb gehen.

Ein Knackpunkt ist die Akzeptanz der Trassenwahl

Auch diese Zeitplanung stehe gegen eine Seilbahn. Dazu Bengler: „Die Planung, die Genehmigung und der Bau einer Seilbahntrasse würden mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Für den kurzen verbleibenden Zeitraum bis zur Inbetriebnahme der Stadtbahn wäre eine Seilbahn als Interimslösung wirtschaftlich nicht darstellbar.“ Ein Knackpunkt wäre laut Pressestelle zudem die Akzeptanz der Trassenwahl. „Neben den Vorteilen für die unmittelbaren Nutzer des Systems könnten Bewohner und Grundstückseigentümer, die von den Kabinen der Seilbahn überflogen werden oder in deren Nähe eine Stütze positioniert wird, das System kritisch sehen.“ Unter anderem liegt auch die Techbase an der angedachten Seilbahntrasse. Der Regensburger Wirtschaftsförderer Toni Lautenschläger ist sich mit Alexander Rupprecht, seinem Techbase-Geschäftsführerkollegen, einig, dass der Standort schon heute zukunftsfähig angebunden ist. Immerhin war die Techbase einer der ersten Standorte mit dem E-Carsharing EARL. Seit Kurzem gibt es die vollelektrische Linie 5.

Das „dritte Seilbahnzeitalter“

Briem sieht eine Seilbahn nicht als teure Spielerei, sondern verweist auf das „dritte Seilbahnzeitalter“, das nach der Materialbahn und der Bergseilbahn zunehmend urbane Räume erschließen werde. Ein mit Regensburg vergleichbares Beispiel steht seit 2011 in Koblenz. Im Interview mit der Wirtschaftszeitung erläutert Oberbürgermeister David Langner, wie aus einer provisorischen Idee für die Bundesgartenschau ein neues öffentliches Verkehrsmittel wurde, das die Koblenzer nicht mehr hergeben wollen.

Die Trasse im Seilbahnkonzept für Regensburg führt von Lappersdorf im Norden über Alex-Center und DEZ zum Hauptbahnhof, weiter über OTH, Universität, Biopark und Uniklinikum bis Leoprechting. Ein Seitenarm erschließt über Dörnberg und Prüfening bis Mariaort den Westen. Eines der Hauptargumente für eine Seilbahn sieht der OTH-Professor in den Investitionskosten pro Kilometer, die nach Erfahrungswerten von Seilbahnherstellern bei nur sechs Millionen statt für eine Stadtbahn bei zehn Millionen Euro lägen. Anders als die Stadtverwaltung rechnet Briem mit einer Realisierbarkeit innerhalb eines Jahres.

Bis ins wirtschaftliche Detail durchdachtes Planspiel

Im Vortrag wird schnell klar, dass sich die Studierenden sehr detaillierte Gedanken über Bau und Betrieb einer Seilbahn als staufreie Unterstützung des Busverkehrs gemacht haben. Am Ende hätte ihre Seilbahn 18 Stationen, 472 Kabinen und würde auf 14 Kilometern bis zu 7200 Personen pro Stunde transportieren. Schnellfahrweichen würden Richtungsänderungen und Überholen ermöglichen, die Anzahl der eingesetzten Gondeln wäre fahrgastabhängig steuerbar.

Die wissenschaftliche Untersuchung einer Regensburger Seilbahn ist übrigens nicht abgeschlossen. In Kooperation mit OTH-Professor Stefan Galka haben vier Studierende eine Simulationsstudie durchgeführt. Sie befasst sich detailliert mit Verhalten und Bedürfnissen unterschiedlicher Fahrgäste, Auslastungsprofilen und -grenzen sowie Warte- beziehungsweise Fahrtzeiten. Fazit: In Sachen Transporteffektivität, Ökobilanz und Betriebsaufwand schneidet die Seilbahn in der Simulation durchweg respektabel bis sehr gut ab. Eventuell hat man also nicht das letzte Mal etwas von der Idee des schwebenden Verkehrs gehört.

Interview

Lieb gewonnenes Provisorium für mobile Zukunft

Im Interview spricht der Oberbürgermeister der Stadt Koblenz David Langner über die Erfahrungen der Stadt mit ihrer Seilbahn.

Hier geht’s zum Interview …