Nachfolge
27. Januar 2021 6:10  Uhr

Chefsessel ist der Jugend zu unbequem

Flexibel, unabhängig – und lieber angestellt als selber Chef: Junge Menschen haben immer weniger Interesse an einer Firmenübernahme. Und so drohen in Deutschland bald viele Chefbüros zu verwaisen.

Nachfolger gesucht: Seit 2001 hat sich die Zahl derer, die ein Unternehmen übernehmen wollen, mehr als halbiert. | Foto: snowing12 – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

ARNSTORF. Der graue Herr im Chefsessel möchte gerne abgelöst werden: Seit 2001 hat sich die Zahl der Übernahmegründer in Deutschland mehr als halbiert. Die übergabewilligen Inhaber werden dagegen immer mehr – und älter. Die Gründe dafür sind schnell gefunden. Wie ein überdimensionaler Staubsauger sammelt der (bisher) boomende Arbeitsmarkt den qualifizierten Nachwuchs ein, der demografische Wandel tut sein Übriges. Vielleicht ist alles aber auch nur Einstellungssache. Vielleicht stimmen die Klagen über die faule Jugend ja doch, die so alt zu sein scheinen wie die Menschheit selbst. Wie tickt die Generation, die mit dem gemachten Nest scheinbar immer weniger anfangen kann?

„Junge Menschen wollen sich nicht langfristig binden, sie wollen flexibel sein“, sagt Albert Eckl, Vorstand der Hans Lindner Stiftung, der ostbayerische Unternehmen in Nachfolgefragen berät. „Sie sind es gewohnt, im Studium viel zu erleben und bekommen vermittelt, für die persönliche Weiterentwicklung immer wieder mal den Arbeitgeber wechseln zu müssen. Das steht natürlich im Gegensatz zu einer langfristigen Bindung an ein eigenes Unternehmen.“

Im Schnitt weniger als fünf Jahre bei derselben Firma

Eckls Eindruck lässt sich wissenschaftlich belegen. Arbeitsplatzwechsel werden in der Arbeitswelt tatsächlich immer häufiger. „Je jünger die Leute sind, desto kürzer bleiben sie im Schnitt bei einem Unternehmen“, erklärt Prof. Dr. Peter Fischer, Inhaber des Lehrstuhls für Sozial-, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg. „In Generation X waren es um die sieben Jahre. Bei Generation Y liegt der Wert schon unter fünf.“

Der Wunsch nach Flexibilität und Unabhängigkeit wirkt sich auf familieninterne wie -externe Übernahmen aus. Der Preis, den es für externe Übernahmen zu zahlen gilt, ist finanzieller Natur. „Betriebe mit einer guten Substanz haben einen Wert“, sagt Eckl. „Da reden wir schnell über mehrere hundertausend Euro – das ist für junge Menschen oft natürlich eine Hausnummer, vor allem, wenn sie dafür ihr geregeltes, meist sehr gutes Einkommen aufgeben müssen.“ Oft ist ein Verkauf an expansionswillige Mitbewerber der einzige Ausweg für Seniorunternehmer.

Weniger Geld, dafür mehr Lebensqualität

Erfolgt die Übergabe familienintern, ist der Preis, den der Nachwuchs zahlen soll, ein anderer: Zeit. Unternehmerkinder würden jahrzehntelang erleben, wie viel Zeit und Energie die Eltern für ihren Erfolg investieren mussten, sagt Eckl. Bei der Gewichtung von Themen wie Work-Life-Balance und damit verbundener Lebensqualität macht er einen gewissen Generationenunterschied aus. Peter Fischer erklärt diesen so: „Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass junge Menschen weniger motiviert wären als ihre Vorfahren. Zum Glück war in unserem Land schon lange nichts mehr kaputt, die junge Generation ist deshalb ziemlich reich. Und wenn man das Bedürfnis Geld befriedigt hat, wird es natürlich unwichtiger.“ Junge Menschen seien stattdessen vielmehr an einem sinnvollen, glücklichen und zufriedenen Leben interessiert – und insgesamt sensitiver, erklärt Fischer weiter. Deshalb würden sie sich auch viel mehr Gedanken über den Sinn von Arbeit machen. „Nur weil die Eltern eine Maschinenfabrik besitzen, heißt das nicht, dass die Kinder ihr Leben lang Schrauben fertigen wollen – selbst wenn das gut läuft“, sagt der Wirtschaftspsychologe. „Für die Vorgänger ist das natürlich schwer nachvollziehbar und frustrierend.“

Albert Eckl bestätigt das. Früher hätten sich die Leute erhofft, sich durch eine Existenzgründung oder Übernahme wirtschaftlich zu verbessern, heute gehe es vielen Angestellten finanziell so gut, dass sie diesen Drang nicht mehr verspürten. Eckl stellte eine Verschiebung der Ideale erst kürzlich im eigenen Betrieb fest. „Die Coronakrise hat bei dem einen oder anderen etwas ausgelöst. Als die Leute gesehen haben, dass es auch langsamer geht, haben manche Mitarbeiter ihre Stunden dauerhaft reduziert und für mehr Lebensqualität bewusst auf Geld verzichtet“, sagt er.

Der Gründergeist schwindet schon seit Jahren

Corona ist nicht die erste Krise, die die Welt erlebt hat. Der letzte große Wirtschaftseinbruch liegt gut ein Jahrzehnt zurück, so ganz verdaut scheint er immer noch nicht. „Der Gründergeist schwindet, (…) seit der Finanzkrise sogar deutlicher als zuvor“, schrieb Dr. Georg Metzger noch vor der Coronakrise im „Fokus Volkswirtschaft“ der KfW Research zum Thema Gründung und Übernahme. Laut KfW sank der Prozentsatz der Angestellten, die lieber selbstständig wären, in den ersten neun Jahren des Jahrhunderts von 45 auf 41, 2012 lag der Wert nur noch bei 30 Prozent, 2018 bei 25. Die Zäsur nach der Wirtschaftskrise erklärt Metzger mit der dadurch ausgelösten Angst vor dem Scheitern und vor finanziellen Problemen. „Das ist nur logisch. Dauernd von Pleiten zu lesen, löst alle möglichen Arten von Ängsten aus“, sagt Prof. Fischer. „Wenn ich nur noch Katastrophennachrichten lese, denke ich mir nur noch: Bleib weg mit deinem Unternehmen!“

Kurzes Berufsleben voller Horrormeldungen

Menschen im besten Übernahmealter haben es jetzt schon das zweite Mal innerhalb eines noch kurzen Berufslebens mit Horrormeldungen aus der Wirtschaft zu tun, der Digitalisierung sei Dank diesmal noch geballter und leichter zugänglich. Auch deshalb erwartet Albert Eckl für die Zeit nach Corona, dass potenzielle Nachfolger sich noch abwartender zeigen werden als ohnehin schon – zumindest bei familienexternen Übergaben: „Man kann einfach nicht mehr so solide planen wie früher. Solange ein Unternehmen aber in der Familie bleibt, spielt das eine untergeordnete Rolle. Da trägt die Familie das Risiko ohnehin schon. Die werden einen Weg finden.“ Am Ende bleiben all diese Überlegungen aber relativ, denn als Hauptverantwortliche für das deutsche Übernahmeproblem machen Eckl, Fischer und Metzger dann doch wieder ein altes Duo aus: den demografischen Wandel und den boomenden Arbeitsmarkt.