Handel
19. Oktober 2020 6:00  Uhr

Cocooning pusht den Möbelverkauf

Nicht nur Amazon, Netflix und Co. profitieren ökonomisch von der Coronapandemie: Der Rückzug in die eigenen vier Wände hat auch den Möbelhändlern geholfen, ihre Umsatzeinbußen in Grenzen zu halten.

Cocooning, Homeoffice, Urlaubsausfall: Wer sich öfter als sonst in den eigenen vier Wänden aufhalten muss, verspürt das starke Bedürfnis, es sich zu Hause möglichst schön zu machen. Die Nachfrage nach Möbeln, Küchen, Einrichtungsgegenständen, Gartenartikeln und Sportgeräten ist rasant angestiegen – online wie offline. Foto: Pixel-Shot – stock.adobe.com

Von Stefan Ahrens

KÖLN/TIRSCHENREUTH. Die Briten wissen es schon seit Längerem: „My home is my castle.“ Doch gerade in Coronazeiten wird der Wahrheitsgehalt dieses Sprichwortes immer deutlicher. Denn Einrichtungshäuser gehören, solange sie über einen gut funktionierenden Onlineshop verfügen, neben Streaminganbietern, Lieferdiensten und Videochat-Anbietern zu den Gewinnern der Coronapandemie.

Corona und der Verschönerungsdrang

„Im Juni hat es erstmals in diesem Jahr einen Umsatzanstieg gegenüber dem Vorjahresmonat gegeben, und zwar um 2,2 Prozent“, teilte der Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) Ende August in Köln mit. Zwar gingen die Umsätze der deutschen Möbelhersteller im ersten Halbjahr insgesamt um 9,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück, was insbesondere dem coronabedingten Einbruch in den Monaten April und Mai geschuldet ist. Da jedoch in den traditionell eher verkaufsschwachen Sommermonaten Juni und Juli die Auftragseingänge wieder deutlich zunahmen, blicken die Hersteller mittlerweile verhältnismäßig optimistisch auf die kommenden Monate. „Die Aufträge der vergangenen Wochen schlagen sich positiv auf die Umsätze des dritten Quartals nieder“, sagt VDM-Geschäftsführer Jan Kurth.

Umsatzsprung für Betten und Co.

Für das Gesamtjahr 2020 erwartet die Branche laut Kurth aktuell einen Umsatzrückgang von rund 5 Prozent. „Das ist zwar immer noch viel, aber deutlich weniger, als wir noch zu Beginn der Krise befürchtet hatten“, erklärt der VDM-Geschäftsführer. Damals hatte man zunächst einen Umsatzeinbruch von bis zu 20 Prozent für möglich gehalten. Der coronabedingte „Stay at home“- beziehungsweise „Cocooning“-Trend – also die Tendenz, sich vermehrt in die eigenen vier Wände zurückzuziehen, um der Realität ein Stück weit zu entfliehen – führt bei vielen Menschen zu einem regelrechten Verschönerungsdrang ihres Eigenheimes. So ist die Zahl der Anfragen für „neue Betten“ bei Ebay in der Coronakrise um 345 Prozent gestiegen. Der Fachhändler Gartenmoebel.de wiederum vermeldete im April doppelt so hohe Zugriffe wie im Vorjahr, der Umsatz wuchs auf das Dreifache. Im Gesamtjahr 2020 rechnet das Unternehmen nun mit einem Wachstum von 100 Prozent statt der vorher avisierten 40 Prozent. Und die Plattform Otto.de, mit einem Umsatz von 3,5 Milliarden Euro Deutschlands zweitgrößter Onlinehändler nach Amazon, vermeldete bei Möbeln, Gartenartikeln und Sportgeräten einen deutlichen Umsatzsprung.

Das soziale Leben findet vermehrt zu Hause statt

Auch in Ostbayern freuen sich Möbelhändler wie Interliving Gleißner in Tirschenreuth über eine überraschend starke Nachfrage nach Möbeln, Küchen und Einrichtungsgegenständen: „Diese Nachfrage hilft uns, die massiven und noch nie dagewesenen Umsatzausfälle, die wir durch die zwei Monate Komplettschließung von Mitte März bis Mitte Mai hatten, zumindest zum Teil zu kompensieren und die Arbeitsplätze in unserem Unternehmen zu erhalten“, sagt Jörg Kulzer, geschäftsführender Gesellschafter bei Interliving Gleißner. Aus Gesprächen mit Kunden weiß er: „Das soziale Leben findet derzeit verstärkt zu Hause statt, und offensichtlich haben viele Menschen deshalb im Moment ein starkes Bedürfnis danach, es sich daheim schön zu machen.“ Auch falle der Urlaub in diesem Jahr laut Kulzer überwiegend aus – zudem arbeiteten viele Leute im Homeoffice. „Deshalb gilt: Alles, was das Zuhause schöner macht, ist derzeit gefragt, besonders aber Einbauküchen, Schlafzimmermöbel und Polstermöbel.“

Die digitalen Hausaufgaben gemacht

Im Vergleich zu anderen Möbelhändlern profitiert Interliving Gleißner außerdem davon, in den vergangenen Jahren seine digitalen Hausaufgaben gemacht zu haben: Denn um fit für die Zukunft zu werden, investierte Interliving Gleißner ab 2016 umfangreich in die Digitalisierung des Unternehmens – dem bayerischen Wirtschaftsministerium sowie Ibi Research gilt Interliving Gleißner deswegen als „Digitaler Champion“ im Einzelhandel (die Wirtschaftszeitung berichtete in der Septemberausgabe dieses Jahres). Dies zahle sich nun in Coronazeiten aus, so Kulzer.