Logistik
2. Juni 2021 6:05  Uhr

Container sind immer noch Mangelware

Durch die Pandemie wurde viel Konsum aufgeschoben. Der wird nun nachgeholt, mit entsprechenden Folgen für die Verfügbarkeit von Fracht- und Transportressourcen.

Zu Beginn der Coronakrise blieben zahlreiche Container ungenutzt in den Bestimmungsländern stehen.| Foto: ake1150 – stock.adobe.com

Von Mathias von Hofen

ERDING/NÜRNBERG. Der Handel zwischen Bayern und China boomt. Corona hat das Wachstum des Warenaustausches nicht behindert, sondern sogar noch intensiviert. Doch seit einigen Monaten ist die bisher so positive Entwicklung bedroht. Grund ist die zunehmende Verknappung der Container, in denen die Waren um die Welt transportiert werden. Der Engpass bei den Frachtcontainern war zu Beginn der Coronakrise kaum absehbar. In den ersten Monaten des letzten Jahres brach die chinesische Industrieproduktion stark ein. Viele Container blieben ungenutzt in den Bestimmungsländern stehen und wurden nicht nach China zurücktransportiert. Durch die Lockdown-Politik in vielen europäischen Ländern konnten die europäischen Verbraucher aber immer weniger Geld für Reisen, Gastronomie, Kultur und diverse Dienstleistungen ausgeben. Ein nicht kleiner Teil des gesparten Geldes wird verstärkt im Onlinehandel ausgegeben, etwa für Produkte aus den Bereichen Kommunikation und Technik, von denen der größte Teil aus China und Ostasien importiert wird. Das wird nun zum Problem. Die Nachfrage nach Containern zieht seit Herbst letzten Jahres stark an. Für den Transport eines 20-Fuß-Containers zahlten Importeure nach Angaben des Shanghai Containerized Freight Index (SCFI) im ersten Quartal 2021 gut 4000 Dollar und damit etwa viermal so viel wie vor einem Jahr. 40-Fuß-Container kosten oft mehr als 8000 Euro. Doch die Reedereien profitieren auch stark von der gegenwärtigen Entwicklung. So verzeichnete die größte Containerreederei der Welt, Moller-Maersk aus Dänemark, im vierten Quartal 2020 ein Plus von 85 Prozent beim operativen Ergebnis auf 2,71 Milliarden Dollar. Und auch die größte deutsche Reederei Hapag-Lloyd konnte ihr Ergebnis vor Zinsen und Steuern um 60 Prozent steigern.

„Preise fressen die Marge auf“

Patrik Marquardt, Abteilungsleiter Verkehr und Logistik beim Bundesverband Groß- und Außenhandel (BGA), kritisiert besonders die Auswirkungen auf günstige Produkte wie etwa Schrauben, Haushaltswaren und Lebensmittel: „Die Preise grenzen an Wettbewerbsverzerrung und fressen die Margen dort teilweise komplett auf.“ Auch Bayern ist von dieser Entwicklung betroffen. „Unsere Branche erwartet in den nächsten Wochen spürbare Lieferengpässe“, sagt Michael Seibold, Geschäftsführer von Hubtechnik 24, einem E-Commerce-Unternehmen für Industrie- und Lagerbedarf aus dem Landkreis Erding. Es sei davon auszugehen, dass importierte Güter Bayern verzögert erreichen werden.

Neben dem Seeverkehr sind auch die Bahnverbindungen von China nach Europa negativ betroffen. Deutsche Spediteure klagen, dass sie auch hier aktuell kaum Frachten sicher planen können. Allerdings liegt der Anteil der Bahn am Chinahandel noch unter 10 Prozent, wenngleich es hier in den letzten Jahren deutliche Zuwächse gab. Doch trotz der aktuellen Krise hat der Güterverkehr auf der neuen Seidenstraße durchaus Zukunftspotenzial. In einer Studie prognostiziert die Unternehmensberatung Roland Berger eine Verdreifachung des Schienengüterverkehrs zwischen China und Europa bis 2030. Durch Corona und die Ausfälle im Flugverkehr kam es bereits 2020 zu einer deutlichen Steigerung: Nach Angaben der China State Railway Corporation fuhren im ersten Halbjahr 2020 über 5100 Containerzüge zwischen Europa und der Volksrepublik, was gegenüber dem Vorjahreszeitraum einem Zuwachs von 36 Prozent gleichkam. Bayern könnte von dieser Entwicklung stärker profitieren als andere Bundesländer. So verkehren bereits seit 2015 Güterzüge zwischen der Industriemetropole Chengdu in Westchina und dem Bayernhafen Nürnberg. Die 10.000 Kilometer lange Fahrt über die Seidenstraße dauert etwa zwei Wochen. Von Nürnberg aus werden die Container über ganz Süddeutschland und Norditalien weiter verteilt.

Entspannung in Sicht

Es ist unklar, ob der Handel über die neue Seidenstraße dauerhaft unter der aktuellen Entwicklung leiden wird. Im Laufe des Jahres ist mit einer Entspannung zu rechnen. Skeptischer ist Logistikexperte Roger Heidmann von der LSA Logistik Service Agentur: „Produzierte Waren warten auf leere Container, während die vollen auf dem Weg zum Empfänger sind. Andere Leercontainer werden dorthin verbracht, wo man am lautesten ruft. Bis sich alle Container und Waren weltweit wiedergefunden haben, wird Zeit vergehen. Bis dieser Markt wieder eingeschwungen ist, haben wir Ende 2022“.

Interview

Die neue Seidenstraße schließt eine Lücke

„Mit einer erheblichen Beruhigung und einer Rückkehr auf Vorkrisenniveau ist erst zu rechnen, sobald die Containerpreise höher sind als die Zahlungsbereitschaft der Endabnehmer“, sagt Michael Seibold, Geschäftsführer Hubtechnik 24 in Erding.

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