Interview
11. Juni 2021 5:54  Uhr

„Corona betrachte ich als eine große Chance“

Der langjährige Regensburger AOK-Direktor Richard Deml erinnert als Bilanz seines Berufslebens an die Tugenden Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und vertrauensvolle Partnerschaft.

Richard Deml | Foto: Istvan Pinter

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Dankbarkeit und Demut – mit diesen Worten beschreibt Richard Deml im WZ-Interview seine Gemütslage, nachdem er nach 47 Jahren und vier Monaten bei der AOK – die Gesundheitskasse in Regensburg seinen Abschied nahm. Dass er dies als letzter Direktor der AOK Regensburg tat, erfüllt den gebürtigen Regensburger mit einer gehörigen Portion Wehmut. Deml betrachtet nicht nur die Zusammenlegung der Direktion Regensburg mit der kleineren Direktion Neumarkt eher kritisch. Auch die zunehmende Zentralisierung von Kompetenzen und der damit letzten Endes verbundenen Verlagerung von Verantwortung sieht er eher skeptisch. Für Richard Deml war es stets besonders wichtig, aus der Region für die Region zu handeln, um damit auch die Nähe zum Kunden nicht zu verlieren.

Herr Deml, wenn Sie auf das halbe Jahrhundert zurückblicken, das Sie im Dienste der AOK verbracht haben, woran erinnern Sie sich besonders?

Richard Deml: In dieser Zeit hat sich sehr viel verändert. Viele dieser Veränderungen habe ich zum Teil persönlich angestoßen und auf den Weg gebracht und genauso viele durfte ich mitgestalten und miterleben. Die gesamte AOK ist, verglichen mit meinen Anfängen im Jahr 1973, nicht wiederzuerkennen. Es ist eine völlig andere Firma geworden. Es waren sehr intensive Jahre. Jede Dekade verlief ein wenig anders und brachte unterschiedliche Herausforderungen.

Worum ging es vor allem?

Was ich besonders begrüßt habe, ist die Veränderung von der Körperschaft des öffentlichen Rechts hin zu einem Unternehmen, also von der Allgemeinen Ortskrankenkasse zur AOK – Die Gesundheitskasse. Dies bedeutete letztlich die Entwicklung vom Parteiverkehr zur Kundenberatung. Hinter der 1988 erfolgten Namensänderung steckte ja eine neue Unternehmensphilosophie. Wir wollten unseren Beitrag dazu leisten, damit die Menschen möglichst lange gesund bleiben und ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen. Deshalb stellten wir die AOK auf drei Säulen, nämlich Ernährung, Bewegung und Entspannung. Konkret wurde zum Beispiel die Kompetenz von Ernährungsberaterinnen angeboten. Zum Konzept der Gesundheitskasse gehörte schon bald ein umfangreiches Kursangebot, ebenso beschäftigen wir uns seitdem auch mit dem betrieblichen Gesundheitsmanagement, kurz BGM, und sind im Bereich von Kindergärten und in den Schulen aktiv.

Waren diese Veränderungen leicht durchzusetzen?

Na ja, in der Tat war die 1995 abgeschlossene Fusion der bis dahin 39 selbstständigen AOKs zur AOK Bayern ein schwieriger Prozess, der sehr viel Überzeugungsarbeit erforderte. Andererseits war dieser Schritt unternehmerisch sehr bedeutend, ja geradezu existenznotwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Schließlich wurde bereits 1996 in der Amtszeit von Gesundheitsminister Horst Seehofer die freie Kassenwahl eingeführt. Seither kann nahezu jeder seine Krankenkasse selbst wählen, was natürlich zu einem schärferen Wettbewerb führte. Gleichzeitig hat man mit der Einführung des Risikostrukturausgleichs die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung grundlegend neu geregelt, wodurch ein funktionierender und gerechter Wettbewerb erst möglich wurde.

Die Fusion zur AOK Bayern war ein schwieriger Prozess, der sehr viel Überzeugungsarbeit erforderte.

Und was bedeutete dies für die einzelne AOK?

Ich selbst habe versucht, der AOK ein Gesicht zu geben und mich als Unternehmer aus der Region und für die Region verstanden. Mir war es wichtig, dass sich die AOK Regensburg noch stärker als bisher als ein Unternehmen versteht und nach unternehmerischen Gesichtspunkten entscheidet und handelt. Ich habe nach innen und nach außen deutlich gemacht, dass wir mit über 250 Mitarbeitern und inzwischen mehr als 110.000 Versicherten zu den größten Unternehmen und den größten Ausbildungsbetrieben der Region gehören. Zu dem Gesundheitsstandort Regensburg trägt die AOK jährlich 400 Millionen Euro bei.

Apropos Gesundheitsstandort: Was hat sich in dieser Zeit auf dem Gebiet getan?

Ich war während meiner Zeit als AOK-Direktor sehr beeindruckt, wie sich die Region Regensburg auch als Gesundheitsstandort entwickelt hat. Auch wir hatten, ehe das Thema Gesundheitswirtschaft im Koalitionsvertrag der Stadt Regensburg seinen Platz fand, in einer Studie die Verknüpfung der Biotechnologie und der Medizintechnik mit der Gesundheitsbranche vor Ort herausgearbeitet. Dieser Wirtschaftszweig bot schon damals, also vor exakt zehn Jahren, über 15.500 Arbeitsplätze allein in der Stadt und dem Landkreis Regensburg. Als Umsatz war ein Betrag von 1,4 Milliarden Euro errechnet worden. Die heutigen Zahlen unterstreichen die in jenen Jahren auf den Weg gebrachte Entwicklung.

Und welche Konsequenzen erwarten Sie aufgrund der Coronapandemie?

Eines ist klar. Aus Sicht der Krankenversicherungen werden die Ausgaben steigen und die Einnahmen sinken. Deshalb wird die Bundesregierung nicht umhinkommen, den Bundeszuschuss zu erhöhen, um die Lohnnebenkosten nicht durch höhere KV-Beiträge zu belasten und die 40-Prozent-Marke der GSV-Beiträge einzuhalten. Vor diesem Hintergrund wird sich die Zahl der Krankenkassen von derzeit 105, im Jahr 2008 waren es noch 221, deutlich reduzieren. Corona wird diesen Prozess jedenfalls beschleunigen. Ich glaube auch, dass die Zeit vorbei sein wird, in der die Krankenkassen über Finanzpolster in Form von größeren Rücklagen verfügten und ständig mit Vorschlägen konfrontiert wurden, wofür das Geld ausgegeben werden soll und wo es am dringendsten benötigt wird. Die schon fast zur Gewohnheit gewordene Zunahme der Beitragseinnahmen wird sich zweifellos abflachen.

Und intern? Wie wird man sich als Krankenkasse auf den Wettbewerb einstellen müssen?

Corona wird uns ohne Zweifel digitaler machen, ein Gebiet also, auf dem ich einen sehr großen Nachholbedarf zu erkennen glaube. Gleichzeitig verbindet sich damit auch ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Die Kommunikation wird wesentlich stärker in digitaler Form erfolgen, was besonders für die Kommunikation mit den Kunden und der Kunden mit ihrer Krankenkasse gilt. Innovative Krankenkassen werden und müssen künftig digital 24 Stunden und 7 Tage die Woche erreichbar und über verschiedene Kanäle ansprechbar sein. Von Corona werden aber auch wichtige Signale in Richtung eines Ideenwettbewerbs ausgehen, mutige und kluge Kassen werden hiervon profitieren. Corona betrachte ich als eine große Chance. Wer sie erkennt und nutzt, wird danach zu den Gewinnern gehören.

Worauf sollte man künftig vor allem achten?

Bereits vor Corona – darum habe ich mich jedenfalls bemüht – ging es darum, die sogenannten Primärtugenden wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und vertrauensvolle Partnerschaft zu pflegen. Darüber hinaus dürfte diese Pandemie sicherlich dazu beitragen, viele Aspekte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens neu zu denken, zumindest aber zu hinterfragen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird sicherlich einen noch höheren Stellenwert bekommen. Ich habe bereits zu meiner Zeit als AOK-Direktor 70 verschiedene Arbeitszeitmodelle angeboten, was aber nicht nur für Mütter galt. Vielmehr haben wir jeden in diese Möglichkeiten einbezogen, ob im Zusammenhang mit Kindererziehung, der Pflege von Angehörigen oder einfach aufgrund der Lebensphilosophie unserer Mitarbeiter. Frauen in Führungspositionen waren für mich ein nicht minder großes Anliegen, und zwar nicht mithilfe der Quote, sondern aufgrund von hoher Kompetenz. Über den Bedarf hinaus auszubilden, dürfte noch bedeutsamer werden. Neben einem sympathischen Auftritt in der Öffentlichkeit führen schließlich nur motivierte Mitarbeiter zum angestrebten Ziel, nämlich zu einer hohen Zufriedenheit unserer Kunden.

Richard Deml

Richard Deml wurde 1956 in Regensburg geboren. Im Herbst 1973 begann er seine Ausbildung bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse, wo er anschließend die unterschiedlichsten Funktionen bekleidete und Projekte betreute. Mit 26 Jahren wurde er als Firmenkundenberater zum Teamleiter berufen, später war er als Bereichsleiter Firmenkunden aktiv. 2004 wurde Deml zum Direktor der AOK Regensburg ernannt. Diese Funktion übte er 17 Jahre aus.