Interview
26. August 2020 6:10  Uhr

Die Krise bringt Schwung in die Buchberatung 2.0

Corona hat den lokalen Händlern stark zugesetzt. Doch statt zu verzweifeln, haben viele Firmen Innovationskraft bewiesen und digitale Lösungen umgesetzt. Die Buchhandlung Bücherwurm etwa bietet Empfehlungen per Video an.

Viele Buchhandlungen verbinden ihr stationäres Geschäft mit einem Onlinevertrieb. | Foto: Heiner Witthake – adobe.stock.com

Von Julia Kellner


REGENSBURG. Die Coronakrise wirkte wie ein Turbo für die Digitalisierung: Viele Unternehmen haben beispielsweise ihren Onlinevertrieb ausgebaut. So auch die Buchhandlung Bücherwurm GmbH, die seit dem Lockdown persönliche Videobuchberatungen anbietet. Im Interview spricht Andrea Röhrl über das neue Konzept. Mit der Buchhandlung Bücherwurm ist sie eng verbunden: Sie ist Innovationsspezialistin und Tochter von Johanna und Christian Röhrl. Beide haben den Regensburger Buchladen vor über 30 Jahren gegründet und führen ihn seither.

Frau Röhrl, war die Onlinebuchberatung eine Reaktion auf die Ladenschließungen während des Corona-Lockdowns oder hatten Sie die Idee dazu schon vorher?

Andrea Röhrl: Das Konzept lag schon in der Schublade. Allerdings wollten wir es erst im zweiten Halbjahr 2020 umsetzen. Corona und die Schließung unserer Buchläden wirkte wie ein Beschleuniger. Die Idee ist bereits im letzten Jahr mit unserer Neuausrichtung entstanden. Grundlage war eine Onlinekundenbefragung. Ein wichtiges Ergebnis: Beratung ist für unsere Kunden ein zentrales Thema, doch viele weichen auf große Onlinehändler aus, weil sie einfach keine Zeit für einen Besuch im Buchladen haben oder außerhalb wohnen. Zunächst wollten wir nur eine Onlineterminvereinbarung für eine Beratung im Geschäft anbieten. Doch unsere Kunden wünschten sich eine komplett digitale Lösung – die Idee zur Videobuchberatung war geboren.

Wie lange haben Sie von der Idee bis zur Umsetzung gebraucht und wer hat Sie dabei unterstützt?

Weil das Konzept schon so gut wie fertig war, konnten wir die Onlineberatung innerhalb von eineinhalb Wochen umsetzen: Die Website ist seit Mitte März online. Hinzu kam etwa eine weitere Woche für die Schulung von zunächst vier Mitarbeitern, die mit Tablets ausgestattet wurden, damit sie sich im Buchladen während der Beratung frei bewegen können. Sehr hilfreich war, dass ich selbst im Innovationsbereich arbeite und mein Partner Webentwickler ist.

Welche Pläne haben Sie noch?

Unser Ziel ist es, konstant auf die Videoberatung hinzuweisen. Neben treuen Kunden sollen auch potenzielle Neukunden von unserem Angebot erfahren. Erreichen wollen wir das unter anderem durch Suchmaschinenoptimierung. Unser langfristiges Ziel ist es, unsere digitalen Kanäle besser auszubauen und unsere Sichtbarkeit auf Instagram und Facebook zu erhöhen. Unsere Videoberatung haben wir übrigens bewusst nicht auf der Bücherwurm-Website eingebunden: Wir wollen uns nicht zu sehr regional einschränken.

Gibt es eine Hauptzielgruppe für die Onlineberatung?

Es sind durch die Bank alle interessiert – nicht nur jüngere Leser, wie man vielleicht vermuten würde. Auch die Generation 50+ nutzt unser Onlineangebot gerne.

Warum braucht es eine Onlinebuchberatung? Im Netz gibt es doch viele Buchrezensionen.

Sicher, wenn jemand mit Büchern sehr bewandert ist, kann er gezielt nach Buchrezensionen im Netz suchen – dort gibt es Tausende Empfehlungen. Doch für alle, die unsicher sind oder eine ganz persönliche Empfehlung vom lokalen Buchhändler haben wollen, ist die Onlinebuchberatung das Richtige. Unsere Kunden suchen oft auch nicht nur Bücher für sich selbst, sondern als Geschenk für Familie und Freunde.

Nach dem Lockdown sind die Läden wieder geöffnet. Sind Videoberatungen nun überhaupt noch gefragt?

Ja. Vor Kurzem haben wir unsere Kunden via Newsletter nochmals befragt: Interesse besteht nach wie vor an einer Terminreservierung für eine Beratung – egal, über welchen Kanal. Das heißt, die Kunden geben vorab ihre Beratungswünsche an. Der Buchhändler kann sich so gezielt vorbereiten und zum vereinbarten Termin entweder online oder im Laden beraten.

Was sagen Ihre Mitarbeiter und Kunden?

Unseren Mitarbeitern haben wir das Konzept via Online-Teammeeting zu Beginn des Lockdowns vorgestellt – alle waren zu dieser Zeit in Kurzarbeit. Sie waren begeistert und offen für den neuen Vertriebsweg. Auch unsere Kunden mögen die Videoberatung, bei jeder Beratung kommt es zu einem Kaufabschluss. Allerdings ist das kein Muss: Die Beratung ist kostenlos und verpflichtet nicht zum Kauf. Sollte sich ein Kunde nicht direkt entscheiden wollen, versenden wir auch eine Liste mit Buchempfehlungen.

Hat Corona dem Lesen, vielleicht auch besonders dem gedruckten Buch, einen neuen Schub gegeben?

Ja. Während des Corona-Lockdowns hatten viele mehr Zeit zum Lesen. Zudem waren andere Angebote oft nur eingeschränkt verfügbar – so hatte etwa Netflix die Bandbreite gedrosselt. Mit einem Buch hingegen ist man unabhängig. Auch wurde den lokalen Buchhändlern eine große Solidarität und Wertschätzung entgegengebracht – zum Beispiel, als mein Vater während des Lockdowns als Chef die bestellten Bücher selbst mit dem Büchertaxi ausgefahren hat. Die Bindung zu unseren Kunden hat sich sogar noch verstärkt. Zwar werden auch E-Reader genutzt, doch das gedruckte Buch wird wohl kaum verschwinden. Je digitaler wir werden, desto wichtiger ist das gedruckte Buch.

Andrea Röhrl ist Projektmanagerin im Innovationsbereich. Als agiler Coach und zertifizierter Scrum Master beschäftigt sie sich mit der Entwicklung und Umsetzung digitaler Produkte und Services für Kunden verschiedener Branchen wie etwa Energie, Maschinenbau, Pharma und Handel. Für ihre Eltern, die Geschäftsführer der Buchhandlung Bücherwurm sind, ist sie als strategische Beraterin für die Neuausrichtung der Buchhandlung tätig. | Foto: Bücherwurm GmbH