Unternehmensnachfolge
26. Dezember 2020 6:05  Uhr

Corona fördert den Nachfolgeprozess

Die von der Pandemie ausgelöste Krise ist für das Thema Unternehmensnachfolge eventuell auch eine Chance. Im Zusammenwirken mit der Gründerszene könnte der Generationenwechsel neue Impulse für die Zukunft geben.

Ob der Übergang von einer Generation in die andere gelingt, hängt von verschiedenen Kriterien ab. Die Industrie- und Handelskammern haben ermittelt, dass 40 Prozent der Seniorunternehmer Schwierigkeiten haben, ihr Lebenswerk loszulassen. Auch könnte das Potenzial möglicher Kandidaten besser ausgeschöpft werden. Dazu zählen nicht zuletzt die Frauen, deren Anteil an dem Thema Übernahme oder Neugründung lange Zeit bei 21 Prozent lag. Inzwischen liegt diese Quote bei 44 Prozent. | Foto: BillionPhotos.com – stock.adobe.co

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Dass sich das ohnehin brisante Thema der Unternehmensnachfolge gerade in Zeiten der Coronapandemie keineswegs einfacher gestalten dürfte, erscheint nachvollziehbar. Andererseits könnte die Krise der richtige Zeitpunkt sein, um den Generationenwechsel tatsächlich anzupacken. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft e. V. (BVMW) hat kürzlich fünf gute Gründe herausgearbeitet, warum es richtig sei, diese Herausforderung gerade jetzt in Angriff zu nehmen. Neben dem Unternehmergeist und dem Vertrauenspolster der Kunden, das es erleichtern könnte, Neues in die Wege zu leiten, verweist man auf weitere Aspekte. So könnte Corona als Zeitpunkt für eine Neuausrichtung dienen und die gemeinsam erlebte Krisenerfahrung als eine Bewährungsprobe genutzt werden. Vor allem aber sei die neue Generation als Impulsgeber nötig.

Coronabedingte Unsicherheit

Deutschlandweit suchen in den kommenden fünf Jahren mehr als eine halbe Million Unternehmer einen Nachfolger. In Bayern stehen im Zeitraum von 2017 bis 2021 fast 30.000 Betriebe mit über 500.000 Mitarbeitern vor einem Generationenwechsel. Gegenüber der Periode von 2014 bis 2018 war dies, so eine Studie des bayerischen Wirtschaftsministeriums, immerhin eine Steigerung um 6000 Betriebe und 150.000 Beschäftigte. Aus Sicht der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, so betont Bereichsleiter Andreas Keller, könnte Corona zwar als Treiber wirken; über tatsächliche Belege für diese These verfüge man jedoch noch nicht. Spannend wird laut Keller die Zukunftsprognose für die Nachfolger allemal, könne man aus heutiger Sicht doch nicht sicher sagen, wie sich die Branchen und Betriebe entwickeln werden. Diese coronabedingte Unsicherheit wirke sich etwa bei den Betriebsbewertungen aus, die Keller und sein Team vornehmen, um den Übergebern eines Betriebs eine gewisse Orientierung zu bieten.

Verlinkung zur Gründerszene

Auch wenn nach einer vom bayerischen Wirtschaftsministerium 2017 in Auftrag gegebenen Studie eine familieninterne Übergabe offenbar weiterhin bevorzugt wird, verweist Daniela Sehling von der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim mit großem Nachdruck auf die diversen externen Formen der Unternehmensnachfolge.

Dass zu diesem Arsenal möglicher Lösungskonzepte auch die Verbindung zur Gründerszene gehört, davon ist Prof. Dr. Sean Patrick Saßmannshausen überzeugt. Der Leiter des Start-up Centers der OTH Regensburg sieht in Ostbayern einerseits Studierende mit einem „Drang zur unternehmerischen Selbstständigkeit, denen aber die zündende Idee fehlt“. Auf der anderen Seite gebe es in der Region Unternehmen, die dringend einer Nachfolgelösung bedürfen: „Hier müssen wir noch besser zusammenfinden und Transparenz schaffen und vielleicht sogar eine ähnliche Begeisterung auslösen, wie wir sie für die Thematik der Neugründungen erleben.“ Besonders eine Zusammenarbeit mit den Kammern könnte hier eine gemeinsame Plattform schaffen.

Große Gestaltungsspielräume

Gerade für die OTH Regensburg als einer Hochschule mit zahlreichen Bachelorabsolventen, deren Abschluss die Qualifikationsvoraussetzungen für die Leitung eines Meisterbetriebes erfüllten, könnte das Thema Unternehmensnachfolge im Handwerk noch spannend werden, zumal wenn sich die Konjunktur in anderen Industriezweigen eintrübe. Unternehmensnachfolgen böten oft ähnlich viel Gestaltungsspielraum wie Neugründungen, jedoch weniger Unsicherheit. Generell erwartet Prof. Dr. Saßmannshausen ein zunehmendes Interesse an Gründungen ebenso wie auch an der Unternehmensnachfolge.