Arbeitswelt
9. November 2020 6:00  Uhr

Corona gibt neue Freiräume – aber nicht allen

Seit Beginn der Pandemie im März boomt das Homeoffice. Doch die neue Freiheit betrifft nur einen Teil der Arbeitnehmer. Die digitale Spaltung birgt enormen gesellschaftlichen Sprengstoff.

Vom Frühstückstisch zum Arbeitsplatz in fünf Sekunden: Was für Menschen mit Bürojobs immer normaler wird, ist für andere Berufsgruppen unerreichbar. | Foto: Nattakorn – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

REGENSBURG. Es ist herrlich. Der Kaffee ist fast leer, das Marmeladenbrot aufgegessen. Während die Kinder zum Schulbus hetzen und Papa ihnen durchs Fenster nochmal zuwinkt, macht sich auch die Mutter auf den Weg ins Büro. Fünf Sekunden später ist sie angekommen, denn wie so viele darf sie seit März von zu Hause aus arbeiten. Gestern war sie schon in der Firma, freitags spart sie sich die 30 Kilometer.

Zu verdanken hat Mama ihre neue Flexibilität dem Coronavirus. Die Pandemie scheint tatsächlich auch etwas Gutes gebracht zu haben: Sie hat Arbeit flexibel gemacht. Auf einmal mussten die Unternehmen in digitale Infrastruktur investieren und ihre Angestellten von der Leine lassen. Weil das so gut funktioniert hat und die befürchteten Produktivitätseinbußen ausblieben, profitiert nun ein Teil der Gesellschaft massiv. Die große Freiheit ist da, Arbeitsminister Hubertus Heil will sie mit seinem „Recht auf Homeoffice“ sogar gesetzlich verankern, bekommt dafür aber heftigen Gegenwind.

Besserverdiener profitieren stärker

Auch Christoph Vilanek, Vorstandsvorsitzender der Freenet AG, sieht in der neuen Arbeitskultur ein ernsthaftes Problem. „Die letzten Monate haben eine neue Kerbe in die Gesellschaft geschlagen“, sagte er im Juni auf der „Future Week 2020“. Nun gebe es auf einmal mobile Arbeiter, die sich täglich Zeit, Geld, Aufwand und Stress sparten, und den Rest der Gesellschaft, der weiterhin im Stau stehe, um anschließend hinter Plexiglasscheiben zu arbeiten. „Ich kann mir gut vorstellen, dass diese nicht mobilen Arbeiter das als wenig gerecht empfinden“, sagte er. Profitieren würden vor allem die gut ausgebildeten Besserverdiener. Für den Rest bleibt Arbeit weiter reglementiert, normiert und fremdbestimmt.

In welchem Zusammenhang Faktoren wie Bildung oder Einkommen und die Möglichkeit auf mobiles Arbeiten stehen, hat das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung aus einer Erwerbstätigenbefragung und Statistiken der Bundesagentur für Arbeit errechnet. Das Ergebnis: Während 86 Prozent der Menschen mit Hochschulabschluss prinzipiell ortsunabhängig arbeiten können, sind es bei den Menschen ohne gerade einmal 47 Prozent. Auch eine starke positive Korrelation zwischen dem berufsspezifischen Homeoffice-Potenzial und dem mittleren Einkommen der Beschäftigten konnte nachgewiesen werden.

Corona zeigt, was möglich wäre

Wenig überraschend hängt die Möglichkeit der mobilen Arbeit stark mit der Tätigkeit an sich zusammen: Berufe, in denen überwiegend kognitiv und deshalb typischerweise von höher qualifizierten Kräften gearbeitet wird, haben ein deutlich höheres Homeoffice-Potenzial. Über alle Branchen und Berufe hinweg liegt dieses Potenzial in Deutschland bei 56 Prozent. Tatsächlich genutzt wurde die Möglichkeit laut Ifo vor der Pandemie von 25 Prozent der Arbeitnehmer. Die Herausgeber des D21-Digital-Index, des jährlichen Lagebilds zur Digitalisierung in Deutschland, kamen nach Auswertung ihrer Befragungen für 2019 allerdings nur auf einen Wert von 15 Prozent. Mit dem Beginn des deutschen Lockdown im März 2020 schoss die Zahl der Heimarbeiter laut Bitkom-Zahlen auf 49 Prozent – also nahe an die Grenze des Möglichen.

Pflege und Produktion sind ortsgebunden

Auch Dr. Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) hat sich mit mobiler Arbeit und der Frage nach einer möglichen neuen digitalen Spaltung der Gesellschaft auseinandergesetzt. „Wir gehen schon davon aus, dass sich der Anteil der Personen, die doch öfters von daheim aus arbeiten, nach Corona deutlich erhöhen wird – wobei dieses ‚nach‘ schwer zu beziffern ist, wie wir alle mittlerweile wissen“, erklärt sie. Der These der digitalen Spaltung, wonach vor allem Menschen in schlechter bezahlten Dienstleistungsberufen von der neuen Flexibilität ausgenommen wären, hielt Hofmann kürzlich in einer Publikation auf dem IAP-Blog entgegen, dass bestimmte Berufsbilder eben unterschiedliche Möglichkeiten mit sich brächten, die auch ein Arbeitgeber nicht ändern könne und die bei der Ergreifung eines Berufs bekannt seien. Außerdem befürchte sie, dass Jobs, die auch mobil erledigt werden können, auf lange Sicht vom Arbeitsmarktexport bedroht sein könnten.

Im Gespräch mit der Wirtschaftszeitung erklärt sie darauf aufbauend: „So mancher Job, der heute nur vor Ort gemacht werden kann, kann morgen vielleicht – zumindest teilweise – auch von einem anderen Ort aus erledigt werden. Da rede ich jetzt nicht vom Monteur in der Werkhalle und nicht von Pflegekräften.“ Aber selbst in diesen Berufen gebe es immer einen gewissen Anteil an Büroarbeit und Konzeption. „Vielleicht kann man diesen Anteil durch eine andere Organisation so gestalten, dass dann zumindest in kleinerem Umfang schon mobil gearbeitet werden kann.“

Kompensationsmöglichkeiten müssen gefunden werden

Trotzdem müsse nach Kompensationsmöglichkeiten für nicht mobil Arbeitende gesucht werden, ist sich Hofmann sicher – beispielsweise über mehr zeitliche Flexibilität in der stationären Arbeit. Das würden die Unternehmen auch durchaus als Thema erkennen, sagt sie.
Zurück zur Future Week und Christoph Vilanek. Im Livestream verglich er den Diskurs ums mobile Arbeiten mit Helmut Kohls Versprechen der „blühenden Landschaften“ von 1990 und warf anschließend die Frage in den virtuellen Raum, ob mobile Arbeit künftig nicht vielleicht die etablierte Verteilung von Einkommen auf den Kopf stelle. Ortsgebundene Arbeit müsse ja schließlich besser bezahlt werden als diejenige, die überall erledigt werden kann. „Haben sich die digitalen Employees schon überlegt, was das bedeuten würde? Und wissen die Mitarbeiter am Bau, welch goldene Zeiten auf sie zukommen?“

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