Arbeitsmarkt
11. November 2021 6:04  Uhr

Corona hat den Wandel des Arbeitsmarkts beschleunigt

Die Auswirkungen von Corona auf den Arbeitsmarkt waren laut IAB nicht überall gleich. Neben dem Qualifizierungsgrad der Mitarbeiter spielten auch regionale, strukturelle und Branchenunterschiede eine Rolle.

Qualifizierung kann einer von vielen Bausteinen sein, um Krisen am Arbeitsmarkt besser zu bewältigen. | Foto: kasto – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

NÜRNBERG. Die Covid-19-Pandemie bescherte der deutschen Volkswirtschaft – dies hatte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schon nach dem ersten Lockdown herausgearbeitet – die „schwerste Krise der Nachkriegszeit“. Auch der Arbeitsmarkt wurde davon schwer in Mitleidenschaft gezogen. Vor allem aber habe sich der gesamte Transformationsprozess der Wirtschaft außerordentlich beschleunigt, betonen die Forscher der Bundesagentur für Arbeit und verweisen auf mobiles Arbeiten, neue Geschäftsmodelle wie digitale Lieferdienste oder auch die offensichtliche Neigung zu regional gefertigten und qualitativ hochwertigen Produkten. Um Krisen wie die Coronapandemie ebenso zu bewältigen, wie derart gravierenden Veränderungen des Wirtschaftslebens zu begegnen, schlagen die IAB-Autoren eine Kombination von Kurzarbeit und einer zukunftsorientierten Weiterbildung vor.

Zeitarbeit war von Corona besonders betroffen

Dass die Auswirkungen von Covid-19 auf den Arbeitsmarkt keineswegs einheitlich ausgefallen sind, haben IAB-Studien erst dieser Tage belegt. Dabei spielt die regionale Struktur der Wirtschaftsbranchen eine ganz wesentliche Rolle, zumal bestimmte Wirtschaftszweige von der Pandemie sehr hart betroffen waren, andere dagegen kaum beeinträchtigt wurden oder sogar profitierten. Vor dem Hintergrund einer räumlichen Ballung bestimmter Branchen und diverser Urbanisierungseffekte haben die IAB-Wissenschaftler auch die Betriebsgrößenstruktur und das Qualifikationsniveau in einer Arbeitsmarktregion für einen Maßstab herangezogen, um das gesamte Ausmaß der Betroffenheit durch die Coronapandemie bestimmen zu können. Dieser Corona-Effekt der IAB-Studie beruht auf einem Vergleich der Zu- und Abgänge zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit im Zeitraum von April bis August 2020 gegenüber dem Vorjahr.
Bundesweit betrug dieser Wert 8,2. Dies bedeutet, dass die Arbeitslosigkeit um rund acht Personen je 1.000 Beschäftigten beziehungsweise um 304.000 Arbeitslose höher ausgefallen ist als im Vorjahreszeitraum. Besonders stark waren die Zeitarbeit mit einem Corona-Effekt von über 50, die Gastronomie mit 42,6, das Beherbergungsgewerbe mit 41,7 und die Reisebranche mit einem Wert von 38,5 betroffen. Dagegen wurden zum Beispiel für den Kohlebergbau oder für die öffentliche Verwaltung Minuswerte ermittelt, es kam hier also zu einem Nettorückgang der Arbeitslosmeldungen im Verhältnis zur Situation im Jahr zuvor. Auffallend erscheint den Autoren der IAB-Studie die Beobachtung, dass in der ersten Krisenphase der Anteil der entlassenen Arbeitskräfte bei Kleinstbetrieben höher ausfiel als in anderen Betriebsgrößenklassen, und auch der Qualifikationsstruktur kommt offenbar eine große Bedeutung zu.

Jedenfalls versuchen die Unternehmen allem Anschein nach in der Krise, Spezialisten und Experten zu halten, sodass Wirtschaftszweige und Regionen mit einem überdurchschnittlichen Anteil derartiger Mitarbeiter unterm Strich weniger Entlassungen verzeichneten. Unabhängig von diesen Einflussfaktoren hat die Studie auch regionale Effekte herausgearbeitet. Fazit: Es zeigen sich auch ganz generell deutliche strukturelle Unterschiede zwischen den Regionen. Dabei reicht die Bandbreite von plus 7,8 für die Arbeitsmarktregion Kronach bis zu minus 7,2 in der Arbeitsmarktregion Oberhavel.

Urbane Arbeitsmärkte haben sich ungünstiger entwickelt

Im Raum Kronach ergibt sich danach in der Summe ein vergleichsweise geringer pandemiebedingter Anstieg der Arbeitslosigkeit, während im Berliner Umland ein über dem Bundesdurchschnitt liegender höherer Wert registriert wurde. Auffallend, so die IAB-Studie, sei im Übrigen, dass sich Regionen mit ähnlicher Betroffenheit räumlich ballen. So finden sich Gruppen benachbarter Arbeitsmarktregionen mit besonders günstigen Regionseffekten, also einem geringen coronabedingten Anstieg der Arbeitslosigkeit, rund um Münster und Bielefeld im Nordwesten ebenso wie auffällig häufig in Bayern. Diese Regionen grenzen südwestlich an die Arbeitsmarktregion Nürnberg und nordöstlich an Bamberg. Hinweise auf deutliche Urbanisierungsvorteile, also etwa auf die Annahme, dass städtische Arbeitsmärkte die Folgen der Krise besser bewältigen könnten, hat die Studie der Nürnberger Wirtschaftsforscher nicht ergeben: „Große urbane Arbeitsmärkte haben sich eher ungünstiger entwickelt.“ Deutlich stärker betroffen waren im Übrigen jene regionalen Arbeitsmärkte, die bereits vor der Krise eine höhere Arbeitslosigkeit verzeichnet hatten.

Stimmen aus den Arbeitsagenturen der Region

Lebenslanges Lernen

Johann Beck, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Regensburg, Silke Grimm, Chefin der Schwandorfer und Thomas Würdinger, Leiter der Weidener Arbeitsagentur ordnen die Auswirkungen von Corona auf ihren jeweiligen Arbeitsagenturbezirk in längerfristige strukturelle Umbrüche und Herausforderungen ein.

Mehr …