Energie
29. Juni 2020 11:28  Uhr

Corona könnte Dialog der Energieversorger stärken

An Pfingsten war der Stromverbrauch extrem niedrig und die Solarstromeinspeisung auf einem Rekordhoch. Eine Herausforderung an das Stromnetz – und an alle Energieakteure, sich an einen Tisch zu setzen.

Solarstrom ist kostenlos, aber volatil und teilweise im Übermaß vorhanden: So wurde an Pfingsten eine Rekordeinspeisung gemeldet. Foto: Deymos.HR – adobe.stock.com

Von Rebecca Sollfrank-Großmann

OSTBAYERN. Pfingstmontag, 1. Juni, 14.45 Uhr: Über die Leitungen der Bayernwerk Netz GmbH fließen 1.500 Megawatt Strom. Der Energieversorger meldet „die niedrigste Stromabnahme aller Zeiten“. Gleichzeitig wird eine Rekordeinspeisung von Solarenergie registriert. Am Pfingstmontag liegt der Eigenversorgungsgrad im Netzgebiet des Bayernwerks bei 100 Prozent. „Der coronabedingt niedrige Stromverbrauch der Industrie offenbart wie unter einem Brennglas, was in Bayern erst in einigen Jahren bei weiterhin hohem Zubau von erneuerbaren Energieträgern zu erwarten gewesen wäre“, sagt Dr. Egon Westphal, Technikvorstand des Bayernwerks. Muss das Bayernwerk sich durch die Coronakrise schneller als erwartet in einem dezentralisierten Strommarkt positionieren?

Ein Lösungsansatz: regionale Flexibilitätsmärkte

„Regionale Flexibilitätsmärkte, wie wir sie mit C/sells untersuchen, werden in der breiten Anwendung wohl noch einige Jahre auf sich warten lassen“, konstatiert der Bayernwerk-Pressesprecher Michael Bartels auf Nachfrage der Wirtschaftszeitung. „Daran wird auch die derzeitige Coronakrise nichts ändern.“ Im Altdorfer Flexmarkt ist das Bayernwerk Teil von C/sells – eines vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten SINTEG -Projekts. Der Name des Förderprogramms „SINTEG“ steht für „Schaufenster intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“.

Im Altdorfer Flexmarkt werden dezentrale Flexibilitätsoptionen wie Wärmepumpen, elektrische Speicherheizungen oder Elektrofahrzeuge zusammengeführt, um Netzengpässe zu vermeiden. Obwohl die Bundesregierung jüngst ankündigte, mehr Forschungsgelder in solche Anlagen zu stecken, bleiben diese Ansätze sicherlich noch für längere Zeit punktuelle Versuchsanordnungen.

Stromeinkauf nach dem „Hofladen-Prinzip“

Beim Bayernwerk setzt man für die regionalen Strommärkte auf Bayernwerk Regio Energie. Kunden nutzen hier regionalen Ökostrom aus der Region. Bartels nennt das „Hofladen-Prinzip“. Er schränkt aber auch gleich ein, dass die Ausweitung solcher Projekte immer noch vor regulatorischen Hürden stehe: „Der Kerngedanke des Energiemarktes ist europäisch. Dezentrale Aspekte werden bisher weitgehend ausgeblendet.“

Geteilte Freud’, gleiches Leid

Genau dieses zentrale Denken stößt anlässlich der coronabedingten Sondersituation auch Walter Nowotny, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der BERR eG – Bürger Energie Region Regensburg, sauer auf. „Die Coronakrise hätte das Potenzial, die verschiedenen Beteiligten einer dezentralen Energiewende wirklich an einen Tisch zu bekommen. Aber aus unserer Sicht wird das nicht passieren“, sagt er. „Wir planen und bauen stattdessen mit einem extrem hohen Aufwand Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen, um Strom von einer Seite der Republik zur anderen zu transportieren.“

Die 52-Gigawatt-Schwelle ist gefallen

Eigentlich könnte sich die regionale Stromgenossenschaft in diesen Tagen freuen. Schließlich hat sich nach langen Verhandlungen die Bundesregierung auf eine neue Regelung für Mindestabstände von Windrädern geeinigt. Damit wurde auch das Damoklesschwert der Photovoltaik abgehängt: die 52-Gigawatt-Beschränkung. Seit 2011 wollte man Photovoltaikanlagen bis 750 Kilowatt nicht mehr fördern, sobald der Zubau von Anlagen eine Schwelle von 52 Gigawatt erreicht hätte. Vor allem für alternative Energieversorger wie die BERR und natürlich die Photovoltaik-Branche selbst hätte das den Todesstoß bedeuten können.

Schwierige Kooperation mit Netzbetreibern

Bei aller Freude über den Fall der Schwelle sieht Nowotny die eigentliche Hürde für eine flächendeckend dezentrale Stromversorgung an anderer Stelle. „Was wir als Erbauer und Betreiber von dezentralen Stromerzeugungsanlagen vermissen, ist eine effektive Kooperation mit den Netzbetreibern.“ Der BERR-Vorstand nennt ein Beispiel: Ein Gewerbebetrieb wollte für seine Halle in einem Neubaugebiet BERR-Strom abnehmen. Aber der Netzbetreiber hat am Einspeisepunkt nur 30 kW freigegeben – ein mittleres Einfamilienhaus. Das Gespräch mit dem Netzbetreiber zu suchen, habe hier bisher keine Ergebnisse gebracht. „Das ist für uns nicht nachvollziehbar. Auch wenn wir keine Absicht unterstellen wollen, klingt es für uns danach, dass die Netzbetreiber die Dezentralisierung unter eigener Hoheit halten wollen.“

Im technischen Sinn eigentlich einig

Dabei scheinen sich die einzelnen Akteure auf dem Stromversorgermarkt zumindest im technischen Kern über vieles einig zu sein. Für Nowotny „kann es eine echte Energiewende nur mit einer ausgereiften Speichertechnologie geben“. Insgesamt brauche man für eine neue Energiewelt nicht nur die richtige Speichertechnologie, sondern KI-gestützte Prognosesysteme, die Verbrauchs- und Einspeisespitzen zuverlässig vorhersagen. Bayernwerk-Sprecher Bartels bestätigt das. Neben dem regionalen Netzausbau stehe die konsequente Digitalisierung und Automatisierung im Fokus. Seit diesem Jahr seien bei Erneuerungen digitale Ortsnetzstationen Standardbetriebsmittel. Dahinter verbirgt sich eine Technik, die die Beobachtbarkeit und Steuerbarkeit der Netze erhöht.

Neben der technischen Entwicklung sieht Bartels aber auch die künftige Preisgestaltung bei einem veränderten Strommarkt als Herausforderung. Ein negativer Strompreis wie zu Pfingsten sei per se nichts Schlechtes, könne aber falsche Signale setzen. „Hier stellt sich die Frage, wie regionale Komponenten im Strompreis abgebildet werden können.“

Langjährige Investition in erneuerbare Energien

Die Rewag als dritter Player in diesem „spannenden“ Markt bleibt angesichts der Coronastromkrise gelassen. Sie hat in den vergangenen Jahren laut ihrem Pressesprecher Martin Gottschalk über 100 Millionen Euro in die regenerative Eigenerzeugung investiert, was sich in Zeiten der coronabedingten Einbußen auszahle: „Unsere Strategie, den Anteil an regenerativer Eigenerzeugung weiter deutlich zu erhöhen, wird uns auch über die Krisenzeit hinaus eine gewisse Robustheit verleihen, sodass wir überzeugt sind, ohne langfristige Beschädigungen aus der Krise hervorzugehen.“ In Sachen dezentrale Versorgungsstrategie sieht Gottschalk eine klare Trennung zwischen Wirtschaft und Privatkunde. Für Geschäftskunden bedeuteten dezentrale Erzeugungsanlagen erhebliche Investitionen. Ob sich solche in nächster Zeit durchsetzen würden, sei nicht absehbar.

Ganz im Gegensatz zu dem weiter zunehmenden Photovoltaik-Ausbau beim Privatkunden. Der Fall der 52-Gigawatt-Schwelle könnte eine dezentrale Energiewende von unten – also durch Privatverbraucher – deutlich anschieben. Ohne einen ernst gemeinten runden Tisch aller kleinen und großen Versorger wird sich der dezentrale Gedanke aber nicht effektiv durchsetzen lassen.