Arbeitsmarkt
31. Mai 2021 5:55  Uhr

Corona macht jahrelange Arbeit zunichte

Agentur für Arbeit alarmiert: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen liegt um 300.000 über dem Wert vor der Pandemie. Experten plädieren bei den „Nürnberger Gesprächen“ für einen „Digitalisierungsschub in den Köpfen“.

Die Arbeitsagenturen bezeichneten in ihrer Corona-Bilanz die Kurzarbeit als „richtiges Instrument“. | Foto: Bundesagentur für Arbeit

Von Gerd Otto

NÜRNBERG. Milliardenhilfsprogramme, Kurzarbeit als probates Mittel gegen die Krise oder ein Digitalisierungsschub in den Köpfen: Es waren vielfältige Aspekte, die bei den von der Stadt und der Bundesagentur für Arbeit seit fast zwei Jahrzehnten ausgerichteten „Nürnberger Gesprächen“ diesmal coronabedingt im Mittelpunkt standen. Einig war sich die Expertenrunde bei der Suche nach Antworten auf die Frage: „Mit Wumms aus der Krise – was hat’s dem Arbeitsmarkt gebracht?“ Vor allem darin, dass Kurzarbeit zweifellos das richtige Instrument gewesen sei, um katastrophale Folgen für die Beschäftigung zu verhindern.

„Das Land zusammenhalten“

Christine Ramb von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) lobte dabei insbesondere die schnelle und effektive Auszahlung des Kurzarbeitergeldes durch die Bundesagentur. Der Vorstandsvorsitzende Detlef Scheele hob den gegenüber der Finanzkrise von 2008/2009 sehr viel höheren Umfang der eingesetzten Mittel hervor. Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium, zeigte sich überzeugt, dass ein Großteil auch der großen Summen gut angelegt seien. Schließlich gehe es auch darum, das Land zusammenzuhalten.

Weniger positiv fiel die Reaktion auf die praktische Umsetzung der zahlreichen Hilfsprogramme des Bundes aus, wobei die Berliner Staatssekretärin Gebers das Fehlen etablierter Verwaltungsstrukturen als wesentlichen Grund hervorhob. Ohne den Föderalismus als solchen in Frage zu stellen, gab Gebers zu bedenken, dass eine Abwicklung über die Länder den Prozess eben verlangsamen müsse. Andererseits wies BA-Chef Scheele die in diesem Zusammenhang häufig geäußerte Kritik an der Bürokratie zurück. Bürokratie sei schließlich auch ein Schutz vor Missbrauch. Und wie haben sich all diese Maßnahmen auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt? Die Hauptleidtragenden der Coronakrise sind aus Sicht der Bundesagentur für Arbeit ohne Zweifel die Langzeitarbeitslosen. Wie Detlef Scheele bekanntgab, leben derzeit 300.000 Langzeitarbeitslose mehr von Leistungen der Grundsicherung als noch vor der Pandemie. Sei es schon vor Corona sehr schwierig gewesen, Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, zurück in den Arbeitsmarkt zu führen, so habe die Pandemie „den Erfolg von mehreren Jahren binnen weniger Monate zunichtegemacht.“ Mit über einer Million steuert die Zahl der betroffenen Menschen auf den Wert des Jahres 2010 zu, als 1,1 Millionen registriert worden waren. Bei Langzeitarbeitslosen, so Detlef Scheele, kämen gleich mehrere hemmende Faktoren zusammen: „Befristete Beschäftigung, fehlende Ausbildung oder auch geringe Sprachkenntnisse.“ Dennoch sei der deutsche Sozialstaat durchaus in der Lage, Menschen nicht nur abzusichern, sondern im Fall des Falles auch zu fördern.

Unterschiede bei Freiberuflern

Von der Pandemie nicht minder hart getroffen zeigen sich weite Teile der Freien Berufe. Wie Birgit Kurz, die Geschäftsführerin des Instituts für Freie Berufe an der Universität Erlangen-Nürnberg, erläuterte, haben laut einer aktuellen Studie des Instituts nicht weniger als 24 Prozent der Befragten ihre Lage als existenzbedrohend angegeben. Andererseits seien immerhin sieben von zehn Freiberuflern gut oder sogar sehr gut durch die Krise gekommen, die Pandemie habe sich je nach Branche sehr unterschiedlich ausgewirkt.

Nach Auffassung von Prof. Dr. Ulrich Walwei, dem Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), wurden durch Corona die großen Defizite des Bildungswesens deutlich, andererseits habe etwa die Digitalisierung, auch einen unglaublichen Schub erhalten: „Bei alldem müssen wir nachlegen.“ Und Christine Ramb ergänzte, dass dieser Digitalisierungsschub in den Köpfen auch künftig verstärkt werden müsse. Zuvor hatte Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König ebenfalls nach vorne geblickt, indem er auf die hightechorientierten Arbeitsplätze der Region Nürnberg verwies und die Rolle der Innovationen betonte: „Innovation ist nun mal die beste Medizin gegen Rezession.“