Bauwirtschaft
27. April 2022 5:46  Uhr

Genehmigungen auf dem Prüfstand

Eine Konjunkturumfrage unter Bayerns Ingenieurbüros zeigt die Auswirkungen von Corona auf die Branche. Unabhängig davon verschärft sich auch das Problem des Fachkräftemangels weiter.

Gute Planung auf den Baustellen wird immer wichtiger – insbesondere angesichts der Lieferengpässe und Personalprobleme. Fotos: borevina – pixabay / Weigl

Von Gerd Otto

MÜNCHEN/LANDSHUT. Eines könnte die Coronapandemie aus Sicht der Bauingenieure in Bayern tatsächlich bewirkt haben, nämlich, endlich stärker als bisher das Augenmerk auf die Genehmigungsverfahren zu legen. Wie der zweite Vizepräsident der Bayerischen Ingenieurkammer-Bau Dr. Werner Weigl mit Blick auf die aktuelle Konjunkturumfrage 2022 seines Verbandes betont, müsse das gesamte Prozedere einer Prüfung unterzogen werden. Es wäre jedenfalls sinnvoll, die Genehmigungsprozesse zu hinterfragen und zu prüfen, ob sie nicht generell verschlankt und somit verkürzt werden könnten.

Der beratende Ingenieur und geschäftsführende Gesellschafter der BBI Ingenieure GmbH, Landshut, mit weiteren Standorten in Dingolfing, Regensburg, Ingolstadt und Roding fühlt sich in seiner Kritik insbesondere dadurch bestärkt, dass mit 44,4 Prozent fast die Hälfte der Umfrageteilnehmer angegeben hätten, als Folge der Coronapandemie von Verzögerungen im Genehmigungsprozess seitens der öffentlichen Verwaltung betroffen gewesen zu sein. Diese Erfahrung hält der Vizepräsident der Bayerischen Ingenieurkammer Werner Weigl für äußerst bedenklich, zumal der Wert ein Jahr zuvor fast genauso hoch gewesen sei. Aus Sicht der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau sollte hier kritisch hinterfragt werden, „ob in den Verwaltungen die Personaldecke möglicherweise grundsätzlich zu dünn ist.“

Doppelt so viele Büros betroffen

Als konkrete Folgen der Pandemie gaben beinahe zwei Drittel der befragten Büros negative Auswirkungen an, insbesondere Verzögerungen auf der Baustelle durch Lieferverzögerungen beziehungsweise Personalengpässe. Neben den erwähnten Verzögerungen in Genehmigungsverfahren sei es auch zu Kapazitätsengpässen aufgrund des Ausfalls eigener Mitarbeiter gekommen. 30 Prozent der Ingenieurbüros gaben an, dass sogar Aufträge wegen Corona zurückgestellt oder abgesagt wurden. Rund 10 Prozent der Betriebe waren auch von Zahlungsschwierigkeiten aufseiten der Auftraggeber betroffen.
Obwohl sich die vom 8. März bis 1. April durchgeführte Konjunkturumfrage unter den rund 7500 Mitgliedern der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau vor allem auf das Coronajahr 2021 bezog, dürfte sie durchaus auch durch den Krieg in der Ukraine beeinflusst worden sein, gibt Weigl zu bedenken. Auch wenn die Coronakrise die bayerischen Ingenieurbüros 2021 deutlich härter getroffen habe, mit exakt 60,7 Prozent beinahe doppelt so viele Büros als noch im Vorjahr, blicken die Büros trotzdem optimistisch in die Zukunft.

Über 78 Prozent schätzen ihre aktuelle Geschäfts- und Auftragslage grundsätzlich positiv ein und 24,8 Prozent rechnen für 2022 mit einer Steigerung des Auftragsvolumens – im Vorjahr waren dies noch 19 Prozent. Auch die Umsatzentwicklung für 2022 wird wesentlich besser eingeschätzt als noch im Vorjahr. 26 Prozent (Vorjahr: 19 Prozent) gehen von steigenden Umsätzen aus und nur noch 15,6 Prozent der Befragten rechnen mit sinkenden Umsätzen (Vorjahr: 23 Prozent). 58,4 Prozent (Vorjahr: 58 Prozent) erwarten, dass ihre Umsätze gleich bleiben. Bei der Ertragslage ergibt sich kaum eine Veränderung zum Vorjahr. Auf einem höheren Niveau als 2021 werden Bayerns Ingenieurbüros investieren, immerhin über ein Viertel der befragten Unternehmer.

Die Einstiegsgehälter steigen

53,6 Prozent der befragten Ingenieurbüros haben derzeit offene Stellen – eine deutliche Verschärfung um über 14 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr mit 39 Prozent. Und beinahe drei Viertel (73,5 Prozent) der bayerischen Ingenieurbüros haben Schwierigkeiten, offene Stellen mit qualifiziertem Personal zu besetzen, im Vorjahr gaben dies 63 Prozent an. Gleichzeitig sind die Einstiegsgehälter für Bachelor- und Masterabsolventen gegenüber 2021 deutlich angestiegen. 45 Prozent der Büros zahlen Berufseinsteigern inzwischen ein Bruttojahresgehalt über 45.000 Euro (Vorjahr: 37 Prozent). Wie Prof. Dr. Norbert Gebbeken, der Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau erläutert, zeige die neueste Konjunkturumfrage erneut, wie wichtig sich die Arbeit der Ingenieure im Bauwesen für Gesellschaft und Wirtschaft gestalte. So verzeichneten die 81.375 Ingenieurbüros in Deutschland im Jahr 2020 einen Umsatz von 53,36 Milliarden Euro und beschäftigen 508.917 Personen. Norbert Gebbeken ließ aber auch nicht unerwähnt, dass allein die 15.604 freiberuflich tätigen Ingenieure und Ingenieurbüros in Bayern mit rund zehn Milliarden Euro über ein Fünftel des bundesweiten Umsatzes beisteuern.

Die mittelständischen Ingenieurbüros in Deutschland betreuen Bauinvestitionen mit einem Volumen von rund 324 Milliarden Euro und geben etwa 60.000 jungen Menschen durch Ausbildungsplätze, Praktikanten- und Diplomandenstellen eine berufliche Perspektive.