Globalisierung
25. August 2020 6:00  Uhr

Corona verändert den globalen Handel

Corona hat die Wirtschaftsbeziehungen weltweit gehörig durcheinandergewirbelt. Doch Schwachstellen in der Globalisierung gab es schon vorher. Gerade in Ostbayern stellen international tätige Unternehmen die Weichen für die Zukunft.

Corona brachte Sand ins internationale Logistikgetriebe. Nun sind international tätige Unternehmen gezwungen, ihre Lieferverflechtungen auf den Prüfstand zu stellen. | Foto: TUAPHOTO@HOTMAIL.COM – stock.adobe.com

Von Stefan Ahrens

REGENSBURG/ZANDT/KÖLN. „Die Weltwirtschaft und damit die Geschäfte deutscher Unternehmen im Ausland stecken in einer handfesten Krise“, stellt Dominique Mommers fest. Die Abteilungsleiterin International bei der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim prognostiziert, dass die Exportwirtschaft nur langsam auf ihr früheres Niveau zurückkehren werde.

„Laut der aktuellen Konjunkturumfrage der IHK Regensburg erwarten die Unternehmen in der Region erst mittelfristig eine Erholung der Liefer- und Absatzketten“, sagt Mommers. „18 Prozent aller Unternehmen befürchten bis Ende des Jahres weiterhin Beeinträchtigungen durch unterbrochene Lieferketten.“ Hinzu komme, so Mommers, dass die wirtschaftliche Betroffenheit der hiesigen Unternehmen im globalen Geschäft nahezu dem aktuellen Verlauf der Pandemie in den Weltregionen entspreche. Beim Export insbesondere in westliche Länder in Nord-, Mittel- und Südamerika, wo derzeit im weltweiten Vergleich besonders viele SARS-CoV-2-Infektionen erfasst werden, sei deshalb das Problem besonders groß. Allerdings gibt sie zu bedenken: „Man darf nicht vergessen, dass der nahe EU-Binnenmarkt mit 56,4 Prozent der Exporte weiterhin der wichtigste Wirtschaftsraum für bayerische Unternehmen bleibt.“

Ostbayerns Unternehmen passen sich an

Die ostbayerische Wirtschaft agiert mit Blick auf ihre Auslandsaktivitäten derzeit eher abwartend. Dennoch werden Weichen für die Zukunft gestellt. Ein Beispiel hierfür ist die Zollner Elektronik AG in Zandt. Das Unternehmen gehört zu den 15 wichtigsten Elektronikdienstleistern der Welt und hat Niederlassungen in Deutschland, Ungarn, Rumänien, China, Tunesien, den USA, der Schweiz, Costa Rica sowie Hongkong. Insofern bedeuteten die Auswirkungen der Coronakrise für das international verflochtene Unternehmen eine böse Überraschung, wie Johann Weber, Vorstandsvorsitzender der Zollner Elektronik AG, Mitte Juli im Rahmen der Videokonferenz „BBA im Gespräch“ des BBA Forums e. V. zugab.

Unter Webers Führung hat sich die Zollner Elektronik AG zum größten Mechatronikdienstleister Europas entwickelt. Außerdem wurde der Unternehmer vor Kurzem von den Lesern der Fachzeitschrift „Markt & Technik“ für sein Lebenswerk mit dem Ehrenpreis „Manager des Jahres 2020“ ausgezeichnet. Und so reagiert Weber auch auf die aktuellen großen Herausforderungen beherzt: So wurden bei Zollner proaktiv und zügig die Gesundheitsstandards verbessert und einem Großteil der Mitarbeiter die Möglichkeit für Homeofficearbeit gegeben. Zusätzlich erschloss man angesichts geschlossener Grenzen und Flughäfen neue Produktlieferwege, unterstützt die Lieferanten bestmöglich bei den lokalen Behörden und arbeitet mit den jeweiligen Regierungen vor Ort eng zusammen.

Das Ausmaß der Globalisierung überdenken

So gelang es laut Weber, die Zollner-Werke nicht nur weitgehend offen zu halten, sondern auch den Blick für die Zukunft zu schärfen: „Wir werden unsere Produktionsabläufe noch stärker automatisieren als bisher, außerdem werden wir die digitale Transformation in unseren Werken forcieren, um die Planung und Steuerung unserer Produktion zu verbessern und noch schneller auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren zu können“, sagte Weber im BBA-Videochat. Ebenso sollen in den Zollner-Werken weltweit die Prozesse weiter vereinheitlicht werden, damit ein Ausfall an der einen Stelle jederzeit durch verstärktes Engagement an einer anderen Stelle ausgeglichen und so die Lieferkette aufrechterhalten werden könne. Und Weber ergänzt: „Auch auf unsere Supply Chain könnte die Coronakrise Auswirkungen haben, da sich teilweise Abhängigkeiten von bestimmten Lieferanten oder Ländern gezeigt haben.“ Sein Fazit: „Die Coronakrise wird uns dazu bringen, das Ausmaß der Globalisierung zu überdenken.“

Lieferketten diversifizieren

Rückenwind erhalten Unternehmer wie Johann Weber von Wirtschaftsexperten: Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln beispielsweise kritisiert ebenfalls die große Abhängigkeit deutscher Unternehmen von internationalen Lieferketten. „Outsourcing, Offshoring und schlanke Produktionslinien, verbunden mit geringen Lagerbeständen, haben die deutsche Wirtschaft anfällig für Unterbrechungen in den Lieferketten und Versorgungsengpässe gemacht“, stellen Prof. Dr. Galina Kolev und Dr. Thomas Obst in ihrem für das IW erstellten Report „Die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von internationalen Lieferketten“ fest.

Die Folge ist laut Galina Kolev und Thomas Obst eine Austauschbeziehung beziehungsweise ein Trade-off zwischen den niedrigeren Preisen der Vorprodukte und dem erhöhten Risiko, abhängig von den weltweiten Lieferketten zu sein. Beide fordern international agierende Unternehmen dazu auf, negative Externalitäten stärker in ihr Geschäftsverhalten einzubeziehen. „Eine Maßnahme könnte die Diversifizierung der Lieferketten betreffen, um die Resilienz gegenüber Produktionsausfällen bei Vorprodukten zu erhöhen“, so Kolev und Obst.

Staatliche Eingriffe nur zur Sicherung der Grundversorgung

Wirtschaftspolitisch wären staatliche Eingriffe ins Marktgeschehen hingegen nur in Bereichen zu prüfen, die für die Grundversorgung der Bevölkerung etwa mit Grundnahrungsmitteln oder Medizinprodukten von höchster Relevanz sind. „Ein Gebot der Stunde ist es jedoch, die bereits gestörten Lieferketten nicht durch zusätzliche Handelskonflikte weiter zu beeinträchtigen“, so Kolev und Obst weiter. Denn ein rigoroses Aufbrechen von internationalen Wertschöpfungsketten berge die Gefahr, die wirtschafts- und handelspolitischen Errungenschaften der letzten Jahre rückgängig zu machen.

Dominique Mommers von der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim ergänzt: „Klar ist, dass die Coronakrise perspektivisch auch die Lieferketten verändern wird. Das genaue ‚Wie‘ wird von den hiesigen Unternehmen jedoch erst in den kommenden Monaten beantwortet werden können.“

Im Fokus: Neue Wege im globalen Handel

Corona hat bestehende Lieferketten einer Zerreißprobe unterzogen. Gleichzeitig sind neue Player ins Blickfeld gerückt: zum Beispiel Vietnam, das in Sachen Corona eine Insel der Glückseligen zu sein scheint. Darüber hinaus sorgen die internationalen Verflechtungen derzeit noch für weitere Schlagzeilen: So soll zukünftig ein Lieferkettengesetz für mehr Transparenz und Fairness zwischen den beteiligten Partnern sorgen. Mehr zu dem großen Themenfeld Lieferketten lesen Sie hier.