Nachfolge
18. November 2020 6:05  Uhr

Corona verändert die Unternehmensnachfolge

Die aktuelle Pandemie ist für viele Wirtschaftsbetriebe eine große Herausforderung. Für den Übergabeprozess in Firmen kann sie Chance und Risiko bedeuten – generell und auch aus steuerlicher Sicht.

In Zeiten von Corona müssen bei der Stabübergabe zwar neue Aspekte bedacht werden; die Nachfolgeregelung darf aber nicht außer Acht gelassen werden. Foto: cirquedesprit – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. Ein Nachfolgeprozess ist für ein Unternehmen immer eine zusätzliche Kraftanstrengung. Die Coronakrise hat für Firmen, die gerade mitten in diesem Thema stecken, teilweise die Vorzeichen verändert. Alexander Rappl und sein Kollege Matthias Käsbauer, Rechtsanwälte der MTG Wirtschaftskanzlei, begleiten betroffene Unternehmen und warnen davor, den Nachfolgeprozess zu vernachlässigen. „Corona hin oder her bleibt der Nachfolgeprozess etwas, was man gründlich, mit Weitsicht und einem kompetenten Beraterteam planen und durchführen muss“, fasst Käsbauer die Situation in Worte. „Deshalb warnen wir davor, hier nur wegen eventueller kurzfristiger steuerlicher Vorteile etwa beim Unternehmenswert den Prozess übers Knie zu brechen. Ebenso falsch wäre es jedoch, das Thema Nachfolgeregelung wegen der derzeitigen operativen Belastung durch die Pandemie völlig aus den Augen zu verlieren.“

Verkaufspläne vorerst gestoppt

Sowohl generell als auch aus steuerlicher Sicht kann die Coronakrise für den Nachfolgeprozess Chance und Risiko bedeuten. Im externen Nachfolgeprozess spielt die Coronakrise für Unternehmer eine Rolle, die ihre Firma zum Beispiel an internationale Investoren verkaufen wollten. „Solche Bestrebungen wurden zunächst konsequent gestoppt aufgrund der Marktunsicherheit“, sagt Rappl. „Ob sich die erwarteten Verkaufserlöse nach der Krise verifizieren lassen, ist fraglich. Das kann für betroffene deutsche Unternehmer bedeuten, dass sie ihren Ruhestand verschieben müssen.“

Empfindliche Steuernachzahlungen drohen

Noch konkreter sind die steuerlichen Folgen. Die Coronakrise kann sich gegebenenfalls in schenkungssteuerrechtlicher Hinsicht auf den Nachfolgeprozess auswirken. Bei der familieninternen Nachfolge spielt der Unternehmenswert und dabei insbesondere das Verwaltungsvermögen eine Rolle für die Verschonungsregelung bei der Schenkungsteuer. So könnte laut Käsbauer ein coronabedingter Wertverlust im Nachfolgeprozess sogar zu einem steuerlichen Vorteil werden. Rappl zeigt dagegen eine steuerliche Kehrseite für Unternehmen auf, die ihre Nachfolge kurz vor der Coronakrise geregelt haben und zwar bezüglich der Behaltens- und Lohnsummenregelung, die für fünf oder sieben Jahre nach der Übergabe greift. Die Lohnsumme wirkt sich auf die Höhe der Schenkungsteuer aus. Coronabedingte Entlassungen beziehungsweise Verkleinerungen des Unternehmens können die Lohnsummen erheblich verändern. „Hier könnte es für betroffene Unternehmensnachfolger zu empfindlichen Steuernachzahlungen kommen“, warnt der Experte. Grundsätzlich erhöht eine durch die Coronakrise bedingte Schieflage für einige Unternehmen, die vor der Krise noch gute Aussichten auf eine sanierende Nachfolge hatten, die Gefahr, dass potenzielle Nachfolger wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit abspringen. „Auch Banken werden bei der Kreditvergabe für den Kauf eines Unternehmens genauer hinsehen“, vermutet Käsbauer.

Eingefahrene Prozesse aufbrechen

Der Nachfolgeexperte will die Coronakrise trotzdem als Chance begreifen, gemeinsam – alte und neue Generation – das Unternehmen umzustrukturieren und zukunftsfähig zu machen, bevor es zur endgültigen Übergabe kommt. Die aktuellen Konjunkturhilfen könnten solche Konstellationen unterstützen. Rappl bestätigt, dass die Coronakrise in einigen Fällen die Unternehmen zwingen könnte, eingefahrene Prozesse, die lange funktioniert haben, im Nachfolgeprozess nicht einfach weiterzugeben, sondern zu hinterfragen – eine Chance für die Nachfolger.

Sein Kollege Käsbauer sieht die scheidende Unternehmergeneration emotional noch einer anderen Herausforderung ausgesetzt. „Ältere Unternehmer, die emotional noch weit entfernt vom Ruhestand waren, gehören jetzt plötzlich zu einer Risikogruppe.“ Das könne dazu führen, dass die fehlende Nachfolgeregelung plötzlich in den Fokus rücke. Nicht selten ist es aber für die scheidende Generation auch ein Problem, ein eigentlich gut bestelltes Haus coronabedingt mit Wertverlust weitergeben zu müssen. „Es ist durchaus denkbar, dass Nachfolgeprozesse aus diesem Grund derzeit in die Zukunft verschoben werden, weil die scheidende Generation sich verpflichtet fühlt, das Unternehmen vorher aus der Krise zu führen.“