Bauwirtschaft
8. Mai 2020 18:00  Uhr

Corona wird auch auf dem Bau zum Umdenken zwingen

Fachleute sind überzeugt: Beim Bau von Gewerbeimmobilien werden zukünftig Aspekte wie Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung stärker im Fokus stehen.

Während große Teil der Wirtschaft die Produktion zum Teil auf Null zurückgefahren haben, ist Kurzarbeit am Bau fast ein Fremdwort. Foto: holger.l.berlin – stock.adobe.com

Von Theo Kurtz

OSTBAYERN. Die Zeichen in der bayerischen Bauwirtschaft standen 2019 ganz klar auf Wachstum. Allein im vergangenen Jahr verbuchten die Firmen im Freistaat Auftragseingänge in Höhe von fast 18 Milliarden Euro. Rund ein Drittel davon wurde in den Wirtschaftsbau investiert. Noch im Februar blickten die Unternehmer laut ifo-Geschäftsklimastatistik recht optimistisch in die Zukunft. Dann kam Corona. Ob und wie sich die Pandemie tatsächlich in den Auftragsbüchern der Branche bemerkbar machen wird, bleibt abzuwarten. Klar ist aber jetzt schon: Die Pandemie wird neue Trends setzen.
Nach wie vor drehen sich mit staatlicher Genehmigung die Baukräne. „Wir sind froh um jede Branche, die weiterarbeiten kann“, betonte der Staatssekretär im Bundesbauministerium Klaus Holetschek, als er Ende März dem Präsidenten des bayerischen Bauindustrieverbands (BBIV) Josef Geiger in seinem Betrieb in Oberstdorf einen Besuch abstattete. Während große Teil der Wirtschaft ihre Produktion zum Teil auf Null zurückgefahren haben, ist für die Männer vom Bau Kurzarbeit fast schon ein Fremdwort.

Erstes Modul fertig

Beim Neumarkter Bau- und Technologieunternehmen Max Bögl etwa wird aktuell mit Volldampf das erste Modul des Siemens-Campus in Erlangen fertiggestellt. Das Großprojekt umfasst unter anderem acht Bürogebäude und drei Systemparkhäuser für rund 7000 Mitarbeiter. Eine Nummer kleiner ist ein anderes Vorhaben, bei dem Max Bögl bauausführend ist: In Ursensollen lässt der Automobilzulieferer Grammer sein nagelneues Technologiezentrum errichten. 700 Beschäftigte sollen hier ein- und ausgehen.

Individualität, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit sind nach Ansicht von Klaus Lenkeit, Bereichsleiter Systembau Bayern im Hause Max Bögl, die wichtigsten Kriterien, die der Bauherr heute an sein Projekt stellt. Effizienz ist heute auf den durch die Bank schlank aufgestellten Baustellen angesagt. Lean-Methoden, wie sie in der Automobilindustrie Einzug gehalten haben, kommen bei der Projektierung und Umsetzung von Bauvorhaben vermehrt zum Einsatz. Die Neumarkter arbeiten unter anderem mit dem Last Planner System, mit dem sich nicht nur die Planungs- und Bauabwicklung erheblich optimieren lässt, sondern auch die Zuverlässigkeit, Produktivität und Schnelligkeit der Projektdurchführung gewährleistet wird. Apropos Schnelligkeit: Für den Hallen-, Parkhaus- und Wohnungsbau hat man bei Bögl verschiedene Systeme mit standardisierten Bauteilen entwickelt, die wiederum beliebig erweitert beziehungsweise kombiniert werden können. Diese standardisierten Bauteile werden in den unternehmenseigenen Werken vorgefertigt, um sie dann vor Ort zügig und just in time verbauen zu können.

„Gewerbeimmobilien werden auch zukünftig gebraucht und gebaut“, ist Klaus Lenkeit überzeugt. Was er allerdings durchaus für möglich hält, ist, dass sich die Umsetzung von Projekten aufgrund der aktuellen Situation um ein paar Wochen oder Monate verschieben könnte. Einen Trend besonders in den Metropolen mit ihren „Speckgürteln“ hat der Bereichsleiter aber schon ausgemacht: „Aufgrund der sehr hohen Grundstückspeise werden dort verstärkt mehrgeschossige Gewerbeimmobilien im Bereich Produktions- und City-Logistik gebaut“, erläutert er.

Donhauser hat gut zu tun

Auch bei der Schwandorfer Firma Gebrüder Donhauser hat man aktuell gut zu tun. „Wir arbeiten jetzt die Projekte ab, die bereits 2019 angestoßen worden sind“, erzählt Mitgeschäftsführer Thomas Donhauser. Der schlüsselfertige Gewerbe- und Industriebau ist eine der Kernkompetenzen der Schwandorfer. „Wir haben dazu die notwendigen Fachleute im Haus“, betont er. Der Vorteil für den Bauherrn, der das Alles-aus-einer-Hand-Servicepaket der Schwandorfer Traditionsfirma nutzt: Vom Zeitpunkt der Planung bis zur Fertigstellung hat er es nur noch mit einem einzigen Ansprechpartner zu tun. Die Hybridbauweise, eine Kombination aus Holz- und Stahlbetonbau, könnte nach Einschätzung von Donhauser den Gewerbebau der Zukunft mitbestimmen. Überzeugt ist er davon, dass die Coronakrise auch im Gewerbebau stärker ihren Niederschlag finden wird: „Man wird nachhaltiger bauen und sich mehr Gedanken über eine mögliche Nachfolgenutzung machen.“ Die Auswirkungen der Pandemie auf das eigene Unternehmen vermag Donhauser derzeit nicht einzuschätzen. „Wir werden aber wohl mit einer Auftragsdelle rechnen müssen“, betont er.

Mathias Obergrießer, Professor für Digitalisiertes Bauen an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg, geht davon aus, dass die Schonung von Ressourcen in der Zeit nach der Coronakrise stärker in den Fokus rücken wird. „Themen wie etwa die Verwendung von klimaneutralen oder gar recyclebaren Baumaterialien werden immer wichtiger werden“, ist Obergrießer überzeugt. Und auch bei der Konzeptionierung wird der Gedanke einer multifunktionalen Nutzungsmöglichkeit stärker einfließen. Der Trend könnte seiner Meinung nach zudem zu einfacheren Strukturen gehen, die einen hohen Vorfertigungsgrad erlauben. Und der Experte für Digitalisierung am Bau könnte sich durchaus vorstellen, dass irgendwann einmal die Lagerhallen vor Ort nach dem Prinzip des 3-D-Drucks in die Höhe gezogen werden.

Digitalisierungwelle rollt

„Corona wird die Bauwelt nachhaltig verändern“, ist auch Martin Schneider, Leiter der Geschäftsstelle Nordbayern des Bayerischen Bauindustrieverbands überzeugt. Bereits jetzt werden Baustellen aus dem Homeoffice gesteuert, kleinere Bauarbeiten etwa per Webcam abgenommen und Projekte per Videokonferenz besprochen. „Diese bereits ins Rollen gekommene Digitalisierungswelle wird sich weiter beschleunigen“, glaubt er.