Automobilbranche
29. September 2021 6:06  Uhr

Das Auto im Klimawandel: Teil der Lösung?

Die neue IAA Mobility in München ließ Besucher und Aussteller nicht nur technologisch, sondern auch emotional in die Zukunft der Automobilbranche und der Mobilität blicken.

ZF präsentierte ein modulares e-Drive-Kit, das sich für unterschiedliche Fahrzeugsegmente eignet. | Foto: ZF

Von Gerd Otto

MÜNCHEN. Die Resonanz rund um die erstmals in München und mit dem Zusatz „Mobility“ veranstaltete Internationale Automobilausstellung (IAA) schwankte zwischen harter Attacke und euphorischer Aufbruchstimmung. Ob sich die einst glanzvolle und PS-strotzende Branche nur ein grünes Mäntelchen umgehängt hat oder tatsächlich ein Umdenken im Gange ist, fest steht: In Sachen Mobilität – nicht zuletzt mit Blick auf die Verkehrsträger – wird sich eine Menge ändern. Nicht nur die als „Autokanzlerin“ kritisierte Angela Merkel gab bei der IAA-Eröffnung zu bedenken, dass das Auto nicht unbedingt Teil des Klimaproblems sei, sondern durchaus zentraler Teil seiner Lösung sein könnte. Umso mehr sprach sie sich für Technologieoffenheit aus und warnte davor, sich voreilig und einseitig auf bestimmte Techniken festzulegen. Neben der Elektromobilität als einem stützenden Pfeiler klimaneutraler Mobilität sollten auch andere Optionen wie Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe nicht vergessen werden, vor allem für den Schwerlastverkehr, in der Luftfahrt und im Schiffsverkehr.

Zwischen Klima und Mensch

Auf nur eine einzige Mobilitätsform wollen sich auch die Bürger nicht festlegen lassen. Laut einer aktuellen Allensbach-Studie zeigt sich die Mehrheit offen für verschiedene Verkehrsmittel und fordert passgenaue Angebote, was angesichts der unterschiedlichen Mobilitätsanforderungen der ländlichen und städtischen Bevölkerung keineswegs leicht umzusetzen sein dürfte. Dem Automobil wird nach dieser Befragung durch das Institut für Demoskopie zwar weiterhin eine zentrale Rolle eingeräumt, aber auch mit dem öffentlichen Nahverkehr sowie den Themen Radwege und Parkraum verbinden die Bürger offenbar hohe Erwartungen. Selbst die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller, verweist darauf, dass die notwendigen Lösungen je nach der räumlichen, wirtschaftlichen, verkehrlichen und städtebaulichen Situation durchaus unterschiedlich ausfallen werden. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Mobilität der Zukunft in gleicher Weise an den Zielen Klimaneutralität und den Interessen der Menschen auszurichten.

Im August 2021 stieg die Zahl der Elektro-Neuzulassungen um 61 Prozent auf 52.400, sie erreichten damit einen Anteil von über 27 Prozent an der Gesamtzahl aller neu angemeldeten Personenkraftwagen in Deutschland. Die rein batteriebetriebenen Pkw legten besonders zu, nämlich um 80 Prozent gegenüber 43 Prozent bei den Hybridmodellen. Auch wenn Lieferengpässe bei den Halbleitern als Produktionshindernis spürbar sind, nahm die deutsche Inlandsproduktion in den vergangenen acht Monaten gegenüber dem Vorjahr um 5 Prozent zu. Von den in diesem Zeitraum hergestellten 2,1 Millionen Pkw gingen 1,6 Millionen ins Ausland.

Wasserstoffstrategie vorantreiben

Die Halbleiterknappheit wird nach Auffassung des Vorstandsvorsitzenden der Infineon Technologies AG, Dr. Reinhard Ploss, noch bis 2022 andauern. In einer Gesprächsrunde der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) gingen zumindest mittelfristig aber auch Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer und die Chefstrategin im Audio-Vorstand, Silja Pieh, davon aus, dass die Zukunft des Autos elektrisch geprägt werde. Der vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt dagegen sprach sich mit Blick auf die Kompetenzbreite bayerischer Unternehmen dafür aus, auch die Wasserstoffstrategie voranzutreiben, auch wenn die Perspektive etwas länger sei. Unabhängig von der durchaus hitzig geführten Diskussion ums Grundsätzliche sollte freilich nicht übersehen werden, dass rund um die Mobilität der Zukunft das Automobil weiterhin ein hohes Maß an kreativen Ideen auslöst. Die aus dem oberpfälzischen Roding stammende und auch dort sehr aktive Roding Automobile GmbH zum Beispiel entwickelt, konstruiert und fertigt als Dienstleister für ebenso kreative Partner Prototypen und visionäre Konzeptfahrzeuge.

City Transformer aus Roding

Auf der IAA Mobility wurde das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Adaptive City Mobility (ACM) und Magna International vorgestellt. Der „City ONE“ soll ab 2023 in Serie gehen. Auch für das Mobilitätskonzept des israelischen Start-up-Unternehmens City Transformers brachte das 25-köpfige Team aus Roding sein Know-how ein und entwickelte zwei fahrbare Prototypen. Das Besondere: Die Räder lassen sich selbst während der Fahrt ein- und ausfahren. Wird es mal eng oder mit der Parkplatzsuche schwierig, verwandele sich der City Transformer in ein schmales Fahrzeug, indem er seinen Radstand um einen Meter verkleinere, heißt es bei der Roding Automobile GmbH.
Als zweite Säule neben den Entwicklungsdienstleistern, also der EDL-Branche, kommt den Zulieferern eine besondere Rolle zu. Dabei sei nicht nur an Bosch, Continental und ZF gedacht, die seit Jahren weltweit die einschlägigen Rankings dominieren. Zu diesen Top 100 gehört auch die Unternehmensgruppe Webasto mit Sitz in Gauting-Stockdorf im Landkreis Starnberg, die seit langem für Schiebedächer, Cabriodächer, aber auch für Akkus bekannt ist. Auf der IAA Mobility in München, aber auch auf der Shanghai Auto Show im April stellte Webasto mit einem Showcar besonderer Art seine hohe Systemkompetenz unter Beweis. Hier bündelt Webasto – dessen Name sich aus dem Unternehmensgründer Wilhelm Baier und dem Ortsteil Stockdorf zusammensetzt – sein umfangreiches Produktportfolio. Dies beinhaltet unter anderem ein effizientes Heizsystem, die Webasto-Pkw-Batterie, eine smarte Ladelösung sowie innovative Dachlösungen für autonomes Fahren. Die Pkw-Batterie wird ab 2022 in Zusammenarbeit mit Hyundai Kia in Korea produziert – nach dem Vorbild des Webasto-Werks in Schierling bei Regensburg, wo bereits seit 2017 Batterien für Nutzfahrzeuge und Busse hergestellt werden.

Schließlich sei an die Autohersteller selbst erinnert, die Original Equipment Manufacturer (OEMs), die auf der Münchner Messe – im Gegensatz zu ihrer Vorgängerversion in Frankfurt – keineswegs im Vordergrund standen, obwohl sie allesamt ausschließlich ihre E-Modelle präsentierten. Umso mehr fiel zum Beispiel BMW mit dem „i Vision Circular“ auf, der zeigen soll, dass Kundenansprüche an Luxus und Lifestyle auch mit einem Auto aus Recyclingmaterial erfüllt werden können. Werden die BMW-Modelle heute zu 30 Prozent aus recyceltem Material gefertigt, so soll die neue Klasse ab 2025 zu 50 Prozent aus Recyclingmaterial bestehen. Die Karosserie wird aus wiederverwertbarem, nicht lackiertem Aluminium und Stahl bestehen. Auch im Innern gibt es weder Chrom noch Leder, die Materialien sollen beim Abwracken leicht wieder getrennt und wiederverwendet werden können, betont BMW-Vorstandschef Oliver Zipse: „BMW will jedenfalls der nachhaltigste Autohersteller der Welt werden.“

Interview

„Engpass wird noch bis 2022 dauern“

Peter Schiefer, Leiter Automotive-Sparte Infineon Technologies AG, spricht im Interview über die Bedeutung der Halbleitertechnologie für die Automobilbranche.

Hier geht’s zum Interview …