Versorgung
26. Mai 2020 6:00  Uhr

Das Digitale Dorf stärkt die Versorgung auf dem Land

Ob Nahversorgung, Bildung, Mobilität oder Gesundheit: Bits und Bytes ermöglichen es, eine Vielzahl von Leistungen auf dem Land zu verbessern. Auch das Fraunhofer Institut forscht zu dem Thema.

Mobile Dorfläden sind eine Möglichkeit, die Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs im ländlichen Raum zu gewährleisten. Foto: Steinwald-Allianz

Von Thomas Tjiang

NÜRNBERG. Die Debatte um eine Stärkung des ländlichen Raums ist in vollem Gange. Zuletzt konstatierte das Münchner ifo Institut, dass der Anteil der deutschen Bevölkerung, die auf dem Land lebt, den niedrigsten Stand seit 1871 erreicht hat. „Städte quellen über, das Land dünnt sich aus“, bilanzieren die Wirtschaftsforscher. Aktuell leben mehr als drei Viertel der Menschen in Deutschland in Städten. Seit 2011 ist die städtische Bevölkerung in Deutschland von 62 auf 64 Millionen Menschen um mehr als drei Prozent gewachsen.

Den Teufelskreis beschreibt die Studie „Ländlich, digital, attraktiv – Digitale Lösungsansätze für ländliche Räume“ des Kompetenzzentrum Öffentliche IT und des Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS). Werden öffentliche Infrastrukturen wie Nahverkehr, Krankenhäuser und Schulen wegen rückläufiger Bevölkerungszahlen nicht ausreichend genutzt, werden sie aufgegeben und einem Mittel- oder Oberzentrum zugeschlagen. Gleiches gilt auch für Einkaufsmöglichkeiten und Nahversorgung. Dies senkt die Attraktivität der betroffenen Gemeinde, kann zu weiterer Abwanderung führen und damit zu erneut geringerer Frequenz von öffentlicher Infrastruktur und Einzelhandel.

Digitales Dorf setzt auf neues Belieferungskonzept

Als ein Forschungsprojekt gegen den Abwärtstrend wurde 2017 im idyllischen Steinwald im südlichen Fichtelgebirge im Rahmen der Initiative „Digitales Dorf Bayern“ ein neues Belieferungskonzept ins Leben gerufen. Die Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS aus Nürnberg entwickelte mit dem kommunalen Zweckverband Steinwald-Allianz und weiteren Partnern ein Konzept, um die Nahversorgung in der Region konkret zu verbessern. Seit zwei Jahren versorgt nun ein mobiler Dorfladen, ein begehbarer Lkw, die Bewohner mit Lebensmitteln insbesondere von regionalen Erzeugern und anderen Gütern des täglichen Bedarfs. Der Zuspruch ist positiv, zuletzt wurden 30 Ortsteile angesteuert, um 4000 Bürger mit Waren von 20 Erzeugern zu versorgen. Mit künstlicher Intelligenz werden unter anderem das Energie- und Kühlkettenmanagement im Verkaufsfahrzeug erfasst und sämtliche Daten aus dem Verkauf aufbereitet.

Digitalisierung stärkt soziale Teilhabe

Mit dem Teilprojekt „Bildung und Wohnen“ ergänzt die Fraunhofer-Arbeitsgruppe SCS das digitale Dorf Steinwald-Allianz. Hier soll durch Digitalisierung die soziale Teilhabe und das Wohnen zu Hause von älteren oder pflegebedürftigen Bürgern verbessert werden. Zusätzlich starteten im vergangenen Jahr die ersten Bildungsangebote zur Digitalisierung für Ältere im Landkreis Tirschenreuth.

Die Nürnberger Arbeitsgruppe SCS hat einen Fokus auf das Forschungsfeld „Versorgung im ländlichen Raum“ gesetzt. Durch neue Möglichkeiten der Digitalisierung sollen vor Ort entscheidende Services erhalten werden. Mit digitalen Werkzeugen lassen sich Akteure leichter und teilweise in ganz neuen thematischen Konstellationen miteinander vernetzen. Auf diese Weise könnte der ländliche Raum sogar zum Vorreiter nachhaltiger Lebens- und Versorgungskonzepte werden.

MobiDig macht Dörfer wieder mobil

Für dieses Zukunftsbild steht auch das SCS-Projekt „MobiDig – Mobilität Digital in Hochfranken“. Durch Digitalisierung sollen die Ressourcen des Personennahverkehrs effizienter werden. Auf ausgewählten Strecken werden bedarfsgesteuerte Angebote im Testbetrieb untersucht. Mit Daten aus verschiedenen Quellen lassen sich Mobilitäts- und Bedarfsprognosen erarbeiten und neue Ideen wie Sharing-Konzepte, Crowdsourcing oder autonom fahrende bedarfsgesteuerte Verkehre entwickeln.

Digitale Gesundheit statt Dr. Google

Mit Bits und Bytes lassen sich auch telemedizinische und telepflegerische Angebote trotz Ärzte- und Pflegekräftemangel im ländlichen Raum aufrechterhalten. Zwar sollen Telemedizin und Telepflege reguläre Leistungen nicht vollständig ersetzen. Aber digital unterstützte Leistungen sind schneller und kostengünstiger zugänglich, unabhängig von der Mobilität der Patienten und des Fachpersonals. Die Möglichkeiten einer entsprechenden digitalen Plattform lotet die SCS-Arbeitsgruppe mit dem Projekt „Digitales Gesundheitsdorf Oberes Rodachtal“ aus.

Interview

Digitaler Brückenschlag gegen räumliche Distanz

Mirjam Opitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS, erforscht Ansätze, wie sich der ländliche Raum besser einbinden lässt.

Hier geht’s zum Interview …