Interview
19. April 2020 13:37  Uhr

Das Gesetz ist ein vernünftiger Kompromiss

Gespräch mit Prof. Dr. Stephan Kippes, Professor für Immobilienmarketing und Maklerwesen an der HfWU Nürtingen-Geislingen

Ob das neue Maklergesetz die gewünschte Lenkungswirkung entfalten wird, ist noch nicht klar. | Foto: marcus_hofmann – stock.adobe.com

Von Robert Torunsky

Herr Professor Kippes, ab dem 23. Dezember greift ein neues Gesetz, das die Verteilung der Maklercourtage beim Verkauf von Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen regelt. Wie bewerten Sie die neuen Regelungen?

Prof. Dr. Stephan Kippes: Das Gesetz hätte besser sein können, aber ich denke, es ist noch ein vernünftiger Kompromiss. In Norddeutschland und auch im Rhein-Main-Gebiet haben wir derzeit noch oft die Situation, dass der Käufer alles zahlt. In Süddeutschland wird die Provision gerne hälftig gesplittet. Und dann gibt es einige Makler, die mit kompletter Verkäuferprovision arbeiten. Das ist ungewöhnlich, hat aber durchaus seinen Charme für alle Beteiligten. Der Makler kann inserieren, dass auf das Objekt keine Provision mehr draufkommt. Das ist strategisch und psychologisch gut. Er muss auch nicht mehr mit jedem Interessenten eine Provisionsvereinbarung schließen. In umkämpften Märkten wie München oder Stuttgart, in denen sich die Makler um Objekte rangeln, stehen die Verkäufer allerdings oft auf dem Standpunkt, dass sich die Makler ihre Provision teilweise oder sogar ganz von der anderen Seite holen sollen. Dann muss man dem Anbieter klarmachen, dass für ihn entscheidend ist, was letztendlich übrigbleibt, also Einnahme minus Maklerprovision.

In Ihrer aktuellen Studie „Marktmonitor Immobilien 2020“, die Sie zusammen mit Immowelt Research aufgelegt haben, haben Sie sich auch mit dem neuen Gesetz befasst. Wie sehen die Befragten die Neuregelung?

Die Mehrheit der befragten Immobilienprofis geht davon aus, dass die Neuregelung starke Auswirkungen auf den deutschen Immobilienmarkt haben wird. Die paritätische Teilung der Provision, die zukünftig wohl zum Standard werden wird, fand bei den Befragten bislang nur in einem Viertel der Fälle statt. Fast die Hälfte der Teilnehmer rechnet deshalb mit einer Konsolidierung des Wettbewerbsumfelds.

Fürchten die Immobilienmakler auch um einen Teil der Einnahmen?

Drei Viertel der Befragten tun das nicht, denn sie gehen davon aus, dass der Provisionsanteil des Verkäufers teilweise oder sogar ganz eingepreist wird. Deshalb rechnen viele auch mit steigenden Preisen.

Das wäre ja entgegen der eigentlichen Absicht des Gesetzgebers.

So ist es. Die Mehrheit der befragten Immobilienprofis geht davon aus, dass das neue Gesetz nicht die erwünschte Lenkungswirkung entfaltet, zumal andere Nebenkostenfaktoren wie Grunderwerbsteuer, Notargebühren oder Katasterkosten nicht angetastet werden. Die Nebenkostenfaktoren könnten sich durch die Einpreisung von Verkäuferseite sogar erhöhen. Ergo gehen viele Immobilienvermarkter davon aus, dass neben den Maklern vor allem die Käufer zu den Verlierern des neuen Rechtsrahmens gehören werden.

Kann es ein Vorteil für eine Partei sein, die alte Regelung bis zum 22. Dezember noch auszunutzen?

Ich sehe keinen strategischen Vorteil. Wenn man als Verkäufer die Provisionszahlung komplett auf den Käufer abwälzen möchte, wird dieser üblicherweise einen geringeren Preis zahlen wollen. Das Korrektiv ist der Preis.

Prof. Dr. Stephan Kippes ist Professor für Immobilienmarketing und Maklerwesen an der HfWU Nürtingen-Geislingen. Er hält das neue Gesetz zwar für einen guten Kompromiss, befürchtet aber auch, dass es sich sogar zum Nachteil des Immobilienkäufers auswirken könnte: „Die Nebenkostenfaktoren könnten sich durch die Einpreisung von Verkäuferseite sogar erhöhen.“