Abfallwirtschaft
25. März 2021 5:55  Uhr

Das große Märchen vom Recycling

Deutschland ist Weltmeister im Kreislauf: Nirgendwo trennt man Kunststoffe so penibel wie hierzulande. Wirklich im Kreis läuft aber nur ein Bruchteil davon. Der große Rest wird verbrannt oder verschifft.

Mehr Schein als Sein – in Sachen Kunststoffrecycling macht Deutschland keine allzu gute Figur. | Foto: monticellllo – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

SCHWANDORF/FRANKFURT/BERLIN. 8,3 Milliarden Tonnen Plastik hat die Menschheit seit 1950 produziert – das ist mehr als eine Tonne für jeden Menschen, der gerade auf der Erde lebt. Laut dem aktuellen Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung wurden nicht einmal 10 Prozent davon recycelt. In Deutschland blickt man angesichts solcher Zahlen, illegaler Deponien und Plastik in den Weltmeeren gerne schockiert ins Ausland, schließlich gilt die Bundesrepublik als Recyclingweltmeister. Von Wiederverwertungsquoten von über 50 Prozent ist die Rede, für 2022 hat die Bundesregierung gar 63 Prozent als Ziel ausgegeben.

Mit einem wirklichen Kreislauf hat Deutschlands Umgang mit Kunststoffabfällen aber wenig zu tun – dass es dennoch den Anschein hat, liegt auch an der Aufbereitung der Zahlen. Eine allgemeingültige Berechnungsart für die Recyclingquote gibt es nicht, sie schwankt zwischen dem aktuell vom Verpackungsgesetz vorgegebenen Mindestwert von 58,5 Prozent und 15,6 Prozent im Plastikatlas. Gezählt wird dabei auch nicht der tatsächliche Recyclingoutput, sondern lediglich die Müllmenge, die Sortieranlagen zugeliefert wird. Knapp ein Drittel davon ist unbrauchbar und wird aussortiert. Ein weiteres Drittel der Kunststoffabfälle, die als stofflich verwertet in die Quote eingehen, wird ins Ausland exportiert.
Bis 2018 ging deutscher Kunststoff vor allem nach China. Seit dort die Grenzen für diese schwer bis gar nicht recycelbaren Kunststoffreste aus aller Welt dichtgemacht wurden, ist Malaysia Deutschlands Hauptabnehmer für Plastikmüll. Was dort damit passiert, berührt die deutsche Recyclingstatistik nicht. Der Stoff gilt als verwertet, auch wenn, wie seit 2019 immer wieder der Fall, Verpackungen mit Aufdrucken wie „Kirschgrütze“ oder „Deutsche Kartoffeln“ auf wilden Müllkippen in Malaysia vor sich hin kokelnd gefunden werden.

Kunststoff verbrennt zu heiß, um so viel davon zu verbrennen

Mehr als die Hälfte des deutschen Kunststoffabfalls, nämlich 3,3 von 6,3 Millionen Tonnen im Jahr, wird in Deutschland verbrannt. Das meiste davon landet in speziellen Kunststoffkraftwerken, ein kleiner Teil im Müllkraftwerk des Zweckverbands Müllverwertung Schwandorf (ZMS). „Von der Masse macht Kunststoff bei uns relativ wenig aus, dafür macht er viele Probleme“, sagt ZMS-Geschäftsleiter Thomas Knoll. „Im Kraftwerk sehen wir ihn gar nicht gerne.“ Zu hoch sei sein Heizwert, zu niedrig deshalb die Durchlaufmenge im Werk bei seiner Verbrennung. Sprich: Kunststoff thermisch zu verwerten, ist unwirtschaftlich. Trotzdem bleibt dem vermeintlichen Recyclingweltmeister Deutschland nichts anderes übrig, als 60 Prozent seiner Kunststoffabfälle zu verbrennen und die dabei entstehenden Giftstoffe unter Tage einzulagern.

Beim ZMS, der für die thermische Verwertung von Ostbayerns Haus-, Sperr- und Gewerbemüll zuständig ist, landen eigentlich keine Kunststoffabfälle aus Privathaushalten – es sei denn, sie kommen aus dem Restmüll, oder sie wurden nicht richtig sortiert und sind deshalb nur noch für den Ofen gut. „30 Prozent der Materialien, die in gelbe Säcke oder Tonnen geworfen werden, haben da drin nichts verloren“, sagt Knoll. „Das fängt bei der Klobürste an und hört bei der toten Katze auf.“ Die Folge: Kreuzkontamination im Abfall und die Müllverbrennungsanlage wird zum Krematorium. In der Recyclingquote schlägt sich selbst die tote Katze positiv nieder. Schließlich ging sie durch eine Sortieranlage.

Vor 30 Jahren wurde das Duale System eingeführt

Thomas Knoll arbeitet seit 30 Jahren in der Abfallwirtschaft. Ungefähr genauso lange gibt es in Deutschland das Duale System. Hersteller von Verpackungen bezahlen seitdem eine Gebühr für die Sammlung, Sortierung und Verwertung ihrer Verpackungen. Sie sind dafür verantwortlich, dass die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Verwertungsquoten erreicht werden. Die Ausgestaltung des Dualen Systems ist jeder Kommune selbst überlassen. Dementsprechend schwanken Müllqualität und Verwertungsquote stark.

Laut Conversio-Studie sind Post-Consumer-Abfälle, also private und gewerbliche Endverbraucherabfälle, für 85 Prozent des deutschen Kunststoffmülls verantwortlich. Vor allem der Verpackungsmüll wird immer mehr. In den zurückliegenden 20 Jahren hat sich seine Zahl verdoppelt – Kunststoffflaschen, Kleinverpackungen, Convenience-Produkte und vorverpackte Frischware sind dafür verantwortlich. Weil seit der Coronapandemie vor allem daheim konsumiert wird, ist das Aufkommen im vergangenen Jahr stark angestiegen – um rund 8,5 Prozent, sagt Isabelle Henkel, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft. Daneben macht sie weitere Negativtrends aus, etwa To-go-Vermüllung und immer weniger Mehrweglösungen. Die Abfalleimer quillen immer schneller über.

Viele verschiedene Systeme, mangelnde Sortiermoral

Gelber Sack in Regensburg, gelbe Tonne im Landkreis Hof oder Wertstoffhof im Landkreis Cham: Von den 17 Verbandsmitgliedern im ZMS-Gebiet hat jedes ein komplett anderes System. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagt Knoll. Was davon am Besten funktioniert, lasse sich pauschal nicht sagen. „Wenn ich in einem dünn besiedelten Landkreis ständig ein Müllfahrzeug zu einem Einödhof schicken muss, verbraucht das natürlich mehr Energie, als wenn der Bewohner seinen Plastikmüll einmal im Monat wegbringt.“ Auf Wertstoffhöfen werde zwar weniger erfasst, dafür lasse sich der Müll von dort viel besser in den Kreislauf zurückführen. „Da werden halb volle, verschimmelte Joghurtbecher einfach nicht angenommen“, sagt er.

Fehlende Sortiermoral ist ein Grund, warum Quotenanspruch und Verbrennungswirklichkeit so weit auseinanderklaffen. Tausend andere Gründe liegen in den Kunststoffverpackungen selbst – die sind fest verschweißt und oft nicht aufzudröseln. „Die Kunststoffproduzenten sind sehr erfindungsreich“, sagt Knoll. Viele Plastikstoffe werden selbst von den modernsten Sortieranlagen nicht erkannt. Ein Beispiel: Schwarze Verpackungen stehen bei Produktdesignern momentan hoch im Kurs. Weil die allermeisten Anlagen Müll aber mithilfe von Infrarotstrahlen sortieren und Schwarz nicht ausreichend differenziert zurückstrahlt, wandern die trendigen Verpackungen zwangsweise ins Feuer.

Die Recyclingqoute ist tot, lang lebe die Rezyklatquote?

Auch Multilayerverbunde aus mehreren verschweißten Kunststoffen lassen sich nicht recyceln. „Für Produkte ist das natürlich super, wenn die fünfschichtige Folie atmungsaktiv ist, für das Recycling ist das ein Drama“, sagt Knoll. „Wenn man nicht schon ganz vorne überlegt, wie man eine Verpackung wieder in den Kreislauf bekommt, laufen wir hier ganz hinten nur noch weiter hinterher.“

Laut Plastikatlas werden rund 16 Prozent der deutschen Kunststoffabfälle zu Rezyklat. Zu neuen Verpackungen wird das im Recyclingprozess gewonnene Granulat aber selten verarbeitet, da es zu minderwertig ist. Nur 7,8 Prozent des Rezyklats sind mit Neuware vergleichbar, meist reicht es nur für Blumenkübel oder ähnlich anspruchslose Produkte. „Mit Rezyklaten aus dem Gelben Sack können heute maximal Hygieneanforderungen an Verpackungen für Kosmetik erreicht werden. Je höher die Anforderungen, desto mehr Aufbereitungsschritte braucht man. Diese hochwertigen Rezyklate sind jedoch viel teurer als Neuware“, sagt Henkel. Henning Schmidt von Plastics Europe Deutschland, also dem Verband deutscher Kunststofferzeuger, ergänzt die Rezyklatmängelliste: Qualitätsschwankungen, starke Verschmutzungen, eingeschränkte Verfügbarkeit, regulatorische Rahmenbedingungen.

Gelingt es, den Scheinkreislauf tatsächlich zu schließen?

In der Verpackungsbranche spricht derzeit wenig für einen höheren Rezyklateinsatz. In Zukunft wird sich das wohl ändern: Trotz nie auskurierter Kinderkrankheiten gelten Rezyklate als einzige Möglichkeit, den Scheinkreislauf aus irreführenden Zahlen abseits jeder Realität irgendwann halbwegs zu schließen. Die Rufe nach Rezyklateinsatzquoten werden lauter – und fanden beispielsweise im Aktionsplan Kreislaufwirtschaft der Europäischen Union Gehör. Bis spätestens 2030 müssen PET-Getränkeflaschen zu 30 Prozent aus Rezyklaten bestehen. Auch die Ressourcenkommission am Umweltbundesamt empfiehlt in einem Positionspapier, eine sogenannte Substitutionsquote einzuführen. Sie definiert das Verhältnis von eingesetzten Sekundärrohstoffen zum insgesamt genutzten Materialaufwand.

Schmidt sieht mit einer Substitutionsquote allerdings erhebliche Marktrisiken verbunden. Sollte die Rezyklatqualität nicht mit den benötigten Standards mithalten, könnten Versorgungsengpässe und steigende Preise für Kunststoffneuware das Ergebnis sein, sagt er. Diese Bedenken teilt die Abfallwirtschaftlerin Henkel nicht. „Nur Rezyklateinsatzquoten wirken“, sagt sie. „Recyclingquoten haben bisher nicht ausgereicht, um den Markt wirklich in Gang zu bringen.“

Interview

Beim Produktdesign ist noch viel Luft nach oben

Soll die Kreislaufwirtschaft tatsächlich funktionieren, müssen sich Produktions- und Recyclingindustrie vernetzen, meint Roman Maletz. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Abfall- und Kreislaufwirtschaft der TU Dresden sprach mit der Wirtschaftszeitung über das Thema.

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