Interview
1. März 2021 18:56  Uhr

Das Interesse an alternativen Anlageformen nimmt zu

Gespräch mit Prof. Dr. Franz Seitz, Professor für Volkswirtschaftslehre an der OTH Amberg-Weiden

Prof. Dr. Franz Seitz
Prof. Dr. Franz Seitz | Foto: Simon Gehr

Von Robert Torunsky

Herr Professor Seitz, die Generation der unter 40-Jährigen hat 2020 die Börse neu entdeckt. Aus dieser Altersklasse kam 2020 rund eine Million neue Aktiensparer dazu, ein Plus von 50 Prozent. Worin sehen Sie die Gründe für diesen Boom?

Prof. Dr. Franz Seitz: Die Anfang der 80er-Jahre Geborenen waren in der Finanzkrise 2008/09 Ende 20. Ab diesem Alter überlegt man sich schön langsam, wie man die Mittel anlegt, und hat auch entsprechende Einkommen zur Verfügung. Seit der Finanzkrise haben sich die Aktienmärkte in Deutschland, aber auch sonst, recht dynamisch nach oben entwickelt. Zusätzlich ist es seit Jahren extrem schwer, mit sicheren Anlagen, beispielsweise Bundesanleihen oder mit einer Termineinlage, noch positive Renditen zu erzielen. Da ist man dann, gerade bei einem längeren Zeithorizont, schon bereit, auch höhere Risiken einzugehen. Die Gewöhnung an digitale Techniken und an Anlage ohne Einschaltung von Banken und Anlageberatern haben diesen Prozess sicherlich noch unterstützt.

Sehen Sie aufgrund der Niedrigzinsphase weiteres Wachstumspotenzial?

Durch die Pandemie ist die Niedrig- beziehungsweise Negativzinsphase auf unbestimmte Zeit verlängert und sogar noch akzentuiert worden. Vor Mitte der 2020er-Jahre wird es wohl keine deutlichen Zinssteigerungen geben. Und das ist ja auch noch ein weltweites Phänomen. Die deutlich ausgeweiteten Anleihekaufprogramme wirken dabei zusätzlich zinssenkend. Das wird sicherlich nicht nur die Anleihe-, sondern auch die Aktienmärkte weiter stimulieren. Vor dem Hintergrund wieder ansteigender Inflationsraten ist das natürlich besonders bitter.

Sind Aktien beziehungsweise Aktienfonds aktuell die empfehlenswerteste Anlageform?

Ich bin kein Anlageberater, aber einen Teil seines Vermögens in Aktienmärkte zu investieren, macht heutzutage mehr als Sinn. In diesem Zusammenhang sind für die überwiegende Mehrzahl der Anleger passive Investmentfonds, vor allem ETFs, also börsengehandelte Indexfonds, auf breite Aktienindizes besonders attraktiv. Damit partizipiert man an der allgemeinen Aktienkursentwicklung, mit niedrigen Kosten.

Bemerken Sie auch bei Ihren Studierenden ein gesteigertes Interesse an diesem Thema?

Ein verstärktes Interesse an Alternativen zur traditionellen Anlage auf einem Bankkonto stelle ich in meinen Vorlesungen durchaus fest. Aber nicht nur Aktienmärkte, sondern beispielsweise auch Krypto-Assets wie Bitcoin oder Ether finden dabei zunehmende Aufmerksamkeit.

In Schweden werden jeden Monat 2,5 Prozent für die Altersvorsorge vom Lohn abgezogen und gehen automatisch in Aktienfonds – dabei hat das Land ohnehin eine größere Aktionärsbasis und eine bessere Rente. Müsste Ihrer Einschätzung nach der Gesetzgeber in Deutschland ähnlich eingreifen oder sind vielmehr die Arbeitgeber gefragt?

Generell sollte man bei staatlichen Eingriffen „zum Wohle der Bürger“ und um irrationalen Entscheidungen vorzubeugen immer vorsichtig sein. Allerdings könnte man ein derartiges Vorgehen, wenn die Leute sich wirklich zu unsicher sind, wie sie anlegen sollen, im Sinne von Nudging, also einem bestimmten Anreiz, schon legitimieren. Ich bin ein Verfechter der These, dass jeder selbst für sich entscheiden sollte, wie er anlegen will. Und das kann durchaus von Land zu Land variieren. Eine neuere Untersuchung kommt übrigens zu dem Ergebnis, dass das Anlageverhalten in Deutschland generell gar nicht so schlecht ist.