Interview
20. November 2021 6:07  Uhr

Das Lernen zu lehren ist die zentrale Aufgabe

Prof. Dr. med. Clemens Bulitta ist neuer Präsident der Hochschule Amberg-Weiden. Er möchte Menschen befähigen, lebenslang zu lernen, denn darin sieht er eine wesentliche Kompetenz für die volatile Welt von morgen.

Der neue Präsident der Hochschule Amberg-Weiden Prof. Dr. med. Clemens Bulitta wirbt auch für den Mut und die Kompetenz, Entscheidungen zu treffen. | Foto: Thorsten Retta

Von Gerd Otto und Thorsten Retta

AMBERG. Eigentlich war der berufliche Werdegang von Prof. Dr. med. Clemens Bulitta vorgezeichnet – eine Laufbahn in der Hochschulmedizin: Studium, Promotion, Facharzt, Habilitation, leitende Position an einer Universitätsklinik oder Chefarzt in einem größeren Krankenhaus. Eigentlich. Seit Oktober ist der 53-Jährige nun Präsident der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden und verantwortlich für mehr als 3.800 Studierende und 425 Beschäftigte. Die Entscheidung, den ursprünglich eingeschlagenen Karriereweg zu verlassen, traf der Chirurg während der Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Harvard Medical School in Boston vor mehr als 20 Jahren. Dass es einmal an die Hochschule gehen sollte, war damals allerdings noch nicht absehbar.

Herr Professor Bulitta, seit Anfang Oktober sind Sie Präsident einer Hochschule mit 3.825 Studierenden und knapp 100 Professoren. War das schon immer ihr Berufswunsch?

Prof. Dr. med. Clemens Bulitta: OTH-Präsident war nicht das Ziel, das ich vor Augen hatte, als ich Medizin studierte. Auch später im Healthcare-Sektor bei Siemens war das nicht mein Plan. Auf die Idee, an die Hochschule zu gehen, kam ich etwas später – und durch den Hinweis eines Bekannten.

Was gab den Ausschlag?

In der Arbeit an der Hochschule ließen sich am ehesten die Themen verbinden, die mir in meiner Arbeit am wichtigsten sind: die intellektuell-analytische Komponente, das Arbeiten mit Menschen sowie die Möglichkeit, deren Lebensweg ein Stück weit mit zu prägen. Und außerdem kann man hier relativ frei entscheiden. Das Thema Entscheidungen spielt für mich ebenfalls eine große Rolle.

Das müssen Sie bitte etwas konkretisieren.

Die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen, ist eine der Kompetenzen, die wir in Zukunft verstärkt brauchen werden – gerade in einer Welt, die sich immer schneller wandelt und in der es mehr Unsicherheit gibt. Eine Entscheidung hat nie alle Fakten auf dem Tisch, sonst wäre es eine mathematische Ableitung. Entscheidung beinhaltet immer Risiken, hat immer Unsicherheit. Ich stelle mich dem gerne. Auch weil ich es als Aufgabe sehe, eine entsprechende Fehlerkultur zu etablieren. Man kann falsche Entscheidungen treffen, man kann Fehler machen. Dann muss man sie eben korrigieren. Schlimm ist nur, wenn man aus Fehlern nichts lernt und sie ein weiteres Mal macht.

Die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen, ist eine der Kompetenzen, die wir in Zukunft verstärkt brauchen werden.

Was möchten Sie in Ihrer Amtszeit erreichen?

Ich möchte meine Amtszeit unter das Motto „Durch Denken bewegen, mit Wissen wirken“ stellen. Damit meine ich einerseits die Agilität im Geist. Wir müssen neugierig bleiben. Die Zukunft erfordert, dass wir uns immer wieder neu erfinden, Neugier ist hierfür eine Grundvoraussetzung. Wir sollen eine Hochschule für lebenslanges Lernen sein, wir müssen das Lernen lehren. Auf der anderen Seite möchte ich dazu beitragen, dass das entstandene Wissen auch in der Region seine Wirkung entfaltet.

Das Lernen lehren: Ist das nicht schon immer Auftrag der akademischen Bildung?

Wir brauchen in Zukunft auch in der beruflichen Bildung die Denkweise, die bislang im Wesentlichen der akademischen Bildung vorbehalten schien: das sogenannte wissenschaftliche Denken, das geprägt ist vom Fragen und Hinterfragen, von Dialektik, der Fähigkeit zur Antizipation, Abstraktion, Modellbildung und Problemlösung. Akademisierung ist nichts, das mit Abschlüssen zusammenhängt. Es geht um eine Denkweise. Wir leben in einer Umwelt, die maximal volatil ist. Den Menschen Handwerkszeug mitzugeben, das ihnen hilft, sich in dieser Welt zurechtfinden, ist für mich die zentrale Aufgabe der akademischen Einrichtungen.

Führt das nicht zu Konflikten?

Es soll keinen Wettbewerb zwischen beruflicher und akademischer Bildung geben. Wir brauchen beides, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, in einem Land, dessen wichtigster Rohstoff der Geist seiner Bewohner ist. Nur so werden wir es schaffen, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Wissenschaftliches Denken und Arbeiten löst die Empirie ab. Das muss gemeinsam im Verbund mit Mittelstand und Handwerk passieren.

Die Hochschulen sind (…) zentrale Instanzen unserer Demokratie.

Sie sagen, das Wissen soll in der Region wirken. Wie trägt die OTH dazu bei?

Nehmen wir nur einmal den monetären Effekt, der direkt der Region zugutekommt: 3.800 Studierende geben im Monat etwa 600 Euro aus. Das summiert sich im Jahr auf etwa 27 Millionen Euro, die das Kaufkraftniveau stabilisieren. Dazu die sicher noch höheren Werte, welche die Familien von über 400 Beschäftigten zusammenbringen. Und das ist nur ein monetärer, ein profaner Gewinn, den die OTH Amberg-Weiden der Region bringt.

Und über das Profane hinaus?

Die Hochschulen sind als moderne gesellschaftliche Institutionen mit besonderem Auftrag und gesamtgesellschaftlicher Verantwortung zentrale Instanzen unserer Demokratie. Sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs und spenden Wissen und Ideen für unser aller Zukunft. Hochschulen sind dynamische Innovationsmotoren, unabhängige Bildungs- und Ausbildungsstätten und offene Diskussionsforen. Seit Aufnahme des Lehrbetriebes 1995 hat die Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden 8.500 Absolventen hervorgebracht, 80 Prozent davon sind in der Region geblieben. Stellen Sie sich einmal vor, wie gravierend der Fachkräftemangel ohne diese Absolventen wäre. Natürlich ist der Fachkräftemangel deshalb nicht verschwunden. Vor diesem Hintergrund wird aber deutlich, dass wir neben Ausbildung auch Bildungsmigration brauchen. Die USA sind hier Vorbild. Auch wir benötigen Modelle, wie wir aus dem internationalen Umfeld Menschen in die Region bringen, und zwar so, dass sie auch bleiben.

Wie lässt sich das steuern?

18 Prozent unserer Studierenden sind international Studierende. Die Herausforderung ist, das zu verstetigen und diese Gruppe stärker an die Region zu binden. Gerade auch in enger Kooperation mit dem Mittelstand. Modelle dazu gibt es bereits. Das Intralogistikunternehmen Witron etwa hat einen Standort in Spanien, dort herrscht hohe Jugendarbeitslosigkeit. Spanische Lehrlinge kommen im Rahmen der Ausbildung in die Oberpfalz, ein Teil von ihnen bleibt und wird bei der Integration unterstützt. Solche Modelle kann man auch im Sinne eines internationalen dualen Studiums andenken.

Die Zukunft erfordert, dass wir uns immer wieder neu erfinden.

Worauf kommt es dabei besonders an?

Das Wichtigste ist die Sprache. Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen, die zu uns kommen, auch die Sprache lernen. Und wir müssen zusehen, dass sie sozial integriert werden. Diesen Auftrag haben die Akteure aus Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Hochschule gemeinsam. Hier liegen noch keine fertigen Konzepte in der Schublade, aber wir gehen das Thema an und sind mit den genannten Akteuren bereits in engem Austausch.

Welche Bedeutung hat der Wissenstransfer von der OTH für die Wirtschaft?

Wir sind als forschungs- und drittmittelstarke Hochschule mit einem Forschungsbudget von 7,6 Millionen Euro in 2020 eingebunden in regionale, nationale sowie internationale Forschungsverbünde und Technologietransfernetzwerke. Zu unserem Netzwerk gehören der Partner Circle mit 32 Mitgliedsunternehmen und über 20 innovative Lernorte in der Region sowie viele internationale Partnerhochschulen. Dieses Ökosystem lässt sich aber noch weiterentwickeln. Es geht nicht nur um die Vernetzung der Hochschule mit den Unternehmen, sondern auch um die Vernetzung der Unternehmen untereinander über die OTH. Sie bietet sich hierfür als neutraler Akteur an, hier tritt keine Wettbewerbskonstellation zutage.

Sehen Sie die Gefahr einer zu engen Verquickung mit der Privatwirtschaft?

Wir haben natürlich immer ein gewisses Thema nach dem Motto „wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Insbesondere, wenn es um Drittmittel geht. Wir erfüllen aber letztendlich keinen Selbstzweck. Natürlich gibt es die Freiheit von Forschung und Lehre und wir sind nicht die verlängerte Werkbank der Industrie. Aber wir haben auch einen regionalpolitischen Auftrag. Dem nachkommen zu dürfen, sollten wir uns auch ein Stück weit auf die Fahne schreiben – gerade mit Blick auf die kleineren Mittelständler, die im Bereich Forschung und Entwicklung nicht die Möglichkeit und Ressourcen wie Großunternehmen haben, eigene Innovationsabteilungen zu unterhalten.

Clemens Bulitta

Prof. Dr. med. Clemens Bulitta studierte Humanmedizin in Heidelberg, den USA und der Schweiz. 1995 promovierte er an der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. Von 1999 bis 2001 war er im Rahmen eines Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Research Fellow am Massachusetts General Hospital der Harvard University in Boston tätig. Anfang 2001 trat Bulitta in die Siemens AG ein, wo er mehrere Jahre als Berater im Gesundheitswesen für Siemens Healthcare tätig war. Im weiteren Verlauf hatte er verschiedene Managementpositionen inne. 2012 übernahm er die Professur für „Diagnostische Systeme und Medizintechnik-Management“ an der OTH Amberg-Weiden. Von 2014 bis 2018 war er Leiter des Bachelorstudiengangs Medizintechnik, ab Oktober 2017 Dekan der Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen und Gesundheit. Seit Oktober 2021 ist Bulitta Präsident der OTH.