Psychologie
28. Februar 2022 15:27  Uhr

Das Problem ist: Irgendwas ist immer

Das Gehirn des Menschen ist nicht auf Weitsicht ausgelegt, er lebt im Hier und Jetzt. Deshalb werden die Klimaprobleme, die bereits seit vielen Jahrzehnten bekannt sind, immer größer.

Gefangen im Hier und Jetzt und in den engen Grenzen des eigenen Horizonts: Möglicherweise ist der Mensch für die Lösung von Aufgaben vom Ausmaß eines Klimawandels einfach nicht gemacht. Foto: Jorm S – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

REGENSBURG/BINGEN. Die Geschichte der Klimaforschung hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Seit den 1850er-Jahren ist Kohlendioxid als Treibhausgas bekannt. 1941 identifizierte der deutsche Forscher Hermann Flohn erstmals die „Tätigkeit des Menschen als Ursache einer erdumspannenden Klimaänderung, deren zukünftige Bedeutung niemand ahnen kann“. Doch mitten im Zweiten Weltkrieg hatten die Menschen andere Probleme, die einen absoluten Fokus auf das Hier und Jetzt erforderten. Weil das menschliche Gehirn allerdings auch in Friedenszeiten vornehmlich mit der Gegenwart beschäftigt ist, wurde der Klimawandel über die Jahrzehnte immer mehr zur Krise.

In den 1970er-Jahren wuchsen die Klimasorgen in der Wissenschaft. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft warnte eindringlich vor irreversiblen Folgen und die World Meteorological Organization berief die erste Weltklimakonferenz ein. Politik und Gesellschaft waren damals noch außen vor. Das änderte sich im Folgejahrzehnt: „Die Klima-Katastrophe“, titelte der Spiegel im August 1986 und fotomontiert zur Veranschaulichung den Kölner Dom ins Meer. In den darauffolgenden Jahren entstanden mit dem Weltklimarat IPCC und der Enquete-Kommission im Bundestag die ersten politischen Gremien zum Klimaschutz. Doch wieder gab es drängendere Probleme wie den Kalten Krieg und auf Bundesebene die Wiedervereinigung. So ähnlich ging es in den folgenden Jahrzehnten weiter: Ob Kyoto-Protokoll, IPPC-Sachstandsbericht oder Pariser Klimaabkommen – irgendwas war immer.

An Problembewusstsein mangelt es nicht. Laut Datenreport 2021 der Bundeszentrale für politische Bildung ordnen die Deutschen den Klimawandel auf einer Skala von 0 (das Problem ist „überhaupt nicht ernst“) bis 10 (das Problem ist „extrem ernst“) bei 8,4 ein. Doch zwischen Problembewusstsein und tatsächlichem Handeln scheint es eine Kluft zu geben – im privaten wie im öffentlichen Bereich. Einen Erklärungsansatz bietet das Eisenhower-Prinzip. Diese Technik des Zeitmanagements unterscheidet zwischen dringenden und wichtigen Aufgaben. Dringende Aufgaben erfordern demnach sofortige Aufmerksamkeit, die durch eine eng konzentrierte Denkweise gekennzeichnet ist. Wichtige Aufgaben besitzen nicht immer, aber meistens einen längeren Zeithorizont – wie eben Klimaschutzmaßnahmen. Seit ein paar Jahren verschwimmen die Grenzen zwischen wichtig und dringend immer mehr. Doch auch der neue Tatendrang, den das Abkommen von Paris ausgelöst hat, wird auf harte Proben gestellt: Corona und jetzt der Ukrainekrieg erfordern einmal mehr den absoluten Fokus. Im Interview erklärt Kommunikationspsychologin Anita Habel, warum das menschliche Gehirn ständig mit dem Hier und Jetzt beschäftigt ist und was man aus dieser Erkenntnis für die Klimabestrebungen ableiten muss.

Interview

Aufschieben ist menschlich, aber klimaschädlich

Anita Habel, Kommunikationspsychologin, Sozialwissenschaftlerin und Sprecherin bei Psychologists for Future, erklärt im Interview, warum es so schwierig ist, wichtige Dinge zu erledigen – solange es noch vermeintlich dringendere gibt.

Hier geht’s zum Interview …