Interview
17. Februar 2021 13:37  Uhr

Das urbane Alltagsleben wird immer digitaler werden

PD Dr. Jörg Scheffer, Akademischer Oberrat und Privatdozent im Fachbereich Geoinformatik und Geografie an der Universität Passau, spricht im Interview über Chancen und Risiken der Smart City.

Digitale Vernetzung ist einer der wichtigsten Aspekte der Smart City. Laut Jörg Scheffer könnte dies aber auch negative Auswirkungen auf Datenschutz und Demokratie haben. | Foto: tampatra – stock.adobe.com

Von Stefan Ahrens

Herr Doktor Scheffer, was macht für Sie eine wirkliche Smart City aus?

PD Dr. Jörg Scheffer: Eine wirkliche Smart City sollte von den Interessen der Bürger der jeweiligen Stadt ausgehen und ihre Belange sorgsam aufgreifen. Auf lange Sicht wird die digital vernetzte Stadt zu einer sehr weitreichenden Transformation des urbanen Alltags führen, bei der Interaktionen, Zuweisungen und Erreichbarkeiten neu definiert werden und automatisierte Prozesse auf die neue Gestaltungsmacht der beauftragten Programmierer hinweisen. Den meisten Menschen ist derzeit wenig bewusst, was eine Smart City konkret sein kann. Die pauschale und von wirtschaftlichen Interessen geleitete Propagierung des „Smarten“ – denken wir zum Beispiel an Smarthome, Smart Living oder die Smart Factory – vernebelt die konkreten Anwendungsfelder digitaler Technologien und gibt problematischen Entwicklungen der Digitalisierung noch zu wenig Raum. Um Misstrauen gegenüber den technologischen Neuerungen abzubauen, bedarf es einer offenen Diskussion, was Digitalisierung im urbanen Kontext bedeuten kann und auf welche konkreten Felder sie sich bezieht. Eine wirkliche Smart City zielt also nicht darauf ab, „Smartness“ unhinterfragt einzuführen, sondern lädt zum gesellschaftsübergreifenden Diskurs darüber ein, unter welchen Voraussetzungen Digitalisierung für alle erst „smart“ wird.

Welche Smart-City-Entwicklungen im nationalen und globalen Maßstab beeindrucken Sie?

Barcelona ist für mich eine der überzeugendsten Smart Citys, die bei den meisten Projekten auf eine frühzeitige Bürgerbeteiligung gesetzt hat. Die oft berechtigte Kritik, dass top-down und unter Federführung privatwirtschaftlicher Interessen Effizienzsteigerungen an den Stadtbewohnern vorbei getroffen werden, kann hier plausibel entkräftet werden. Zugleich gibt es in Barcelona zahlreiche Initiativen, die auf eine digitale Befähigung der Bürger setzen. Digitale Gräben in der Bevölkerung werden gezielt angegangen. Nicht zuletzt versteht es Barcelona, die Datenspeicherung transparent zu gestalten und den Zugriff vor kommerzieller Verwertung mit einer eigenen Plattform zu schützen.

Die pauschale und von wirtschaftlichen Interessen geleitete Propagierung des ‚Smarten‘ (…) vernebelt die konkreten Anwendungsfelder digitaler Technologien (…).

Wie sehen Sie im Vergleich zu diesem positiven Beispiel die Entwicklung in Ostbayern?

Diesen Vergleich könnte man reflexartig als unsinnig abtun, da die bekannten Smart Citys immer mit einer bestimmten Stadtgröße zu korrelieren scheinen, in denen sich entsprechende Investitionen lohnen. Damit wären die zu vernetzenden Gegenstände sowie die Nutzer allerdings sehr traditionell in der Logik der räumlichen Nähe gedacht. Tatsächlich formieren sich im Digitalisierungskontext grenzüberschreitende Netzwerke, die in ganz neuen Zuständigkeitsbereichen dazu einladen, über gemeinsame Kooperationen, Verknüpfungen und Investitionen nachzudenken. Ostbayern ist nicht zuletzt mit seinen digitalisierungsaffinen Forschungs- und Wissenschaftsstandorten in einer gar nicht so schlechten Position, seine physische Randlage in Deutschland zu einer zentralen Lage im digitalen Koordinatensystem werden zu lassen.

Manche Zeitgenossen befürchten angesichts der fortschreitenden Digitalisierung, dass in technologisch besonders fortgeschrittenen und vernetzten Smart Citys Freiheit und Demokratie eines Tages auf der Strecke bleiben könnten. Teilen Sie diese Befürchtung?

Diese Befürchtung teile ich – und das ganz unabhängig von dem verbreiteten Thema einer staatlichen Überwachung. Zahlreiche Firmen sind in einem Wettlauf gefangen, möglichst viel Wissen über Personen in unterschiedlichen Kontexten anzuhäufen. Wer sich dem verschließt, hat mit massiven Nachteilen zu rechnen. Der Aufwand, der deshalb online wie offline betrieben wird, um personenbezogenes Wissen anzureichern, ist enorm und die Portfolios der Datenhändler wachsen stetig. Schleichend zeichnen sich die langfristigen Nachteile für den Einzelnen ab, die mit der ökonomischen Inwertsetzung dieser Daten verbunden sind: Es wird leichter, Kunden in die eigenen Geschäfte und Gebäude zu lenken; die Möglichkeit der Überwachung kann zu stärkerer Konformität anleiten und die Zuspielung des individuell Passenden kann die persönliche Welt immer kleiner erscheinen lassen. Mit dem Fortschreiten der digitalen Durchsetzung von Städten kommt es immer mehr zum Zusammenspiel von online und offline. Die Herausforderungen für die Gesellschaft durch eine privatwirtschaftliche Datenverwertung werden wachsen.

Die Herausforderungen für die Gesellschaft durch eine privatwirtschaftliche Datenverwertung werden wachsen.

Nicht erst seit gestern machen sich Menschen Gedanken über das ideale Zusammenleben. Über welche Zukunftsentwürfe aus den vergangenen Jahrzehnten können Sie heute nur noch den Kopf schütteln ?

Die rigide Trennung von einzelnen Funktionen wie Arbeiten, Versorgung, Freizeit und Wohnen war über Jahrzehnte das gefeierte Leitbild der Stadtplanung. Wer sich heute durch entsprechende „Musterstädte“ wie etwa Brasilia bewegt, der fühlt sich nicht nur verloren, sondern muss auch einen erheblichen Ressourcenverbrauch, etwa für den Verkehr, in Kauf nehmen. Natürlich war die Funktionentrennung die Reaktion auf die industrielle Stadt und die Tatsache, dass sich die Funktionen dort wechselseitig störten. Nun haben wir es aus sozialen, ökologischen und ökonomischen Gründen mit dem entgegengesetzten Modell der Kopplung von Funktionen zu tun. Es wird interessant, wie sich die Digitalisierung auf ein Leitbild wie das der „Stadt der kurzen Wege“ auswirkt, wenn raum-zeitliche Beziehungen neu bewertet werden.

Welche Entwicklung erhoffen Sie sich persönlich für die kommenden Jahre?

Nach isolierenden Corona-Monaten freue ich mich im Moment wieder auf einen stärkeren sozialen Austausch. In diesem Zusammenhang hat uns die Digitalisierung neue Potenziale vor Augen geführt und uns gleichzeitig auch ernüchtert, weil sie die Interaktion nicht mit gleicher Qualität abbilden kann. Auch für die Gesellschaft in der zukünftigen Smart City wird das ein spannender Aushandlungsprozess, wenn die physische Kopräsenz wieder wählbar, aber nicht mehr alternativlos ist.

 

 

PD Dr. Jörg Scheffer ist  Akademischer Oberrat und Privatdozent im Fachbereich Geoinformatik und Geografie an der Universität Passau. Seine Forschungsschwerpunkte sind Digitale Geografien – Digitalisierung und Raum, Kulturtheorie und selektive Kulturräume, Kulturvergleich und Interkulturelle Kommunikation, Stadt- und Sozialgeografie, Populärkultur und räumliche Repräsentation,  Geografische Informationssysteme und Neue Medien sowie Grenzraumforschung.

Foto: Lichtbox Passau

Fazit

Effizienter, technologisch fortschrittlicher und grüner: Angesichts wichtiger Megatrends wie des Klimawandels und des demografischen Wandels mit weiter wachsender Bevölkerungen und älter werdender Gesellschaften müssen Städteplaner ernsthaft um ein lebenswertes und gelungenes Miteinander dort ringen, wo Menschen miteinander leben. Dies kann nur durch das Voranbringen der Digitalisierung, mithilfe technischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Innovationen sowie einem auf Vereinfachung und Vernetzung gerichteten Blick geschehen. Die Kehrseite der digitalen Medaille ist jedoch, dass durch eine zunehmende Vernetzung und Digitalisierung sowohl der Daten- als auch der Persönlichkeitsschutz immer stärker unter Druck geraten. Es muss nicht erst das dystopische Bedrohungspotenzial von US-Cyberkrimiserien wie „Person of Interest“ beschworen werden, um zu erkennen, dass es, je „smarter“ eine Stadt aufgrund ihres Informations- und Digitalisierungsvorsprungs wird, desto „unsmarter“ um die persönlichen Daten bestellt sein kann. Im Zeitalter des datengetriebenen Kapitalismus ist es nicht in erster Linie der Staat, sondern es sind Unternehmen, denen ein möglichst umfangreiches Kundenwissen in die Karten spielen würde. Hier braucht es Lösungen.