Interview
7. Oktober 2020 6:00  Uhr

Das Ziel muss eine rundum lebenswerte Stadt sein

Für Prof. h.c. Dr. Chirine Etezadzadeh, promovierte Volkswirtin und Leiterin des von ihr gegründeten SmartCity.Institute in Stuttgart, sind Nachhaltigkeit und Ressourcenmanagement die großen Themen der Stadt der Zukunft.

Mit Megacitys wie etwa New York können sich Städte in Deutschland kaum messen. Dennoch müssen auch sie sich den Herausforderungen der zunehmenden Urbanisierung aktiv stellen. | Foto: Sina Ettmer – stock.adobe.com

Von Stefan Ahrens

Frau Professor Etezadzadeh, welche globalen Entwicklungen sehen Sie in puncto Urbanisierung auf die Menschen in den „neuen Zwanzigern“ zukommen?

Prof. h.c. Dr. Chirine Etezadzadeh: Unsere wesentlichsten Herausforderungen sehe ich generell im Bereich des globalen Ressourcenmanagements, im Emissionsmanagement, in der Vermeidung der Umweltzerstörung sowie im Umgang mit den Konsequenzen des Klimawandels. Daher werden uns Nachhaltigkeits- und Resilienzbestrebungen in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen. Der Wandel wird sich zunächst vor allem im Mobilitätsbereich und in der Energiewirtschaft bemerkbar machen. Darüber hinaus müssen wir sektorenübergreifend auf eine Kreislaufwirtschaft hinarbeiten. Ein zentrales Instrument für die Bewältigung dieser Aufgaben ist die Digitalisierung. Mit Blick auf die Herausforderungen und das Instrumentarium resultiert eine Kernherausforderung für Gegenwart und Zukunft: Es gilt, diese Prozesse sinnvoll zu managen, ohne – maßlos – zu überwachen. Insbesondere in den Städten wird dieses Spannungsfeld erlebbar werden. Die Gestaltung dieser Prozesse wird eine Aufgabe Europas und Deutschlands sein, der wir uns jetzt stellen müssen.

Die beschriebene Gesamtsituation geht kurzfristig mit ökonomischen Verwerfungen einher, die zu einer Umgestaltung der modernen Ökonomie führen werden und deren Wandel den sozialen Frieden gefährden kann. In Kombination mit dem demografischen Wandel werden die genannten Entwicklungen alle Sektoren betreffen und letztlich in das Thema Gerechtigkeit münden. Das alles betrifft besonders Menschen in Städten, aber auch im ländlichen Raum. Vor diesem Hintergrund und angesichts bevorstehender ökonomischer Verwerfungen bleibt die soziale Gerechtigkeit eine Hauptaufgabe unseres Zusammenlebens.

„Smart City“ ist der maßgebliche Sammelbegriff, der all das zusammenfasst, was die Stadt der Zukunft für ihre Einwohner lebenswert machen soll. Was sollte Ihrer Ansicht nach die ideale Smart City alles beinhalten?

Ziel ist eine nachhaltige und resiliente Stadt oder Gemeinde, die das gute Zusammenleben ihrer Bewohner, also von Menschen, Tieren und Pflanzen fördert und nach modernen Stadtentwicklungszielen strebt, die auch die natürliche Umwelt bewahren. Das tut sie, indem sie ihre infrastrukturelle Funktionsfähigkeit sichert, also Sicherheit, Versorgung und Mobilität der Bewohner gewährleistet, und sich dabei energie- und ressourceneffizient in Richtung Kreislaufwirtschaft entwickelt. Hierfür nutzt die Kommune die Vernetzung von Menschen, Systemen, Prozessen, Geräten und Informationen. Als Instrumente wirken eine integrierte Gemeindeverwaltung, geeignete Infrastrukturen, die Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Dabei darf die freiheitliche demokratische Grundordnung nicht gefährdet werden. Das heißt auch, dass die diskriminierungsfreie digitale Selbstbestimmung der Stadtbewohner verbindlich sicherzustellen ist.

Sehen Sie gerade Deutschland diesbezüglich auf einem guten Weg?

Wir handeln mit Besonnenheit, müssen aber darauf achten, von den USA, China und anderen asiatischen Staaten nicht abgehängt zu werden. Viele Kompetenzen liegen nach wie vor in Deutschland, doch die Visionen entstehen in Asien und werden auch dort umgesetzt. In Deutschland fehlt es hierzu meines Erachtens an Mut, an struktureller Durchlässigkeit und am Kooperationswillen.

Vor noch nicht allzu langer Zeit konnten sich viele Menschen die Stadt der Zukunft gar nicht futuristisch genug vorstellen. Welche Smart-City-Architekturkonzepte werden gegenwärtig am häufigsten diskutiert?

Tatsächlich wurden die ersten Smart-City-Visualisierungen von Technologieanbietern gestaltet. Diese Entwürfe unterschieden sich allerdings maßgeblich von unserem heutigen Smart-City-Bild. Denn es zeichnet sich ab, dass Mehrheiten in grünen, atmenden, sauberen, leisen, gewachsenen und vielfältigen Strukturen leben möchten. Neue Architekturkonzepte greifen diese Ideale auf und gestalten Lebensräume mit einem lebendigen, naturgeprägten Antlitz: Projekte wie der Bosco Verticale in Mailand, der Highline Park in New York, Rooftop-Farmen in verschiedenen Großstädten, die Smart Forest City in Mexiko, der Stadtstaat Singapur sowie zahlreiche Stadtentwicklungsprojekte – auch in Deutschland – spiegeln diesen Trend wider. Insgesamt werden das Konzept der funktionalen Durchmischung und die Stadt der kurzen Wege als Prinzipien verfolgt. Es wird dezentral, natürlich und, sofern möglich, kleinmaßstäblich gestaltet, während die angewandte Technologie ihre Wirkung mehr oder weniger unsichtbar entfaltet. Dabei muss man darauf achten, Raum zu lassen für regionale Individualität, sinnlich erlebbare Vielfalt und dafür, sich künstlerisch einzubringen.

Die Regierungschefs sogenannter Megacitys kann man kaum noch als Bürgermeister, sondern eher als Regierungschefs von Kleinstaaten bezeichnen. Viele von ihnen vernetzen sich im „Weltparlament der Bürgermeister“ und auch im US-Vorwahlkampf spielten Ex-Bürgermeister wie Pete Buttigieg und Michael Bloomberg eine Rolle. Welche Bedeutung messen Sie den Megacity-„Oberhäuptern“ in der kommenden Dekade bei?

Das in manchen Megacitys erwirtschaftete BIP entspricht teilweise der Wirtschaftsleistung von Nationalstaaten. So erwirtschaftet die Stadt Tokio fast so viel wie ganz Russland und New York erreicht bald das BIP Australiens. Es ist klar, dass in solchen Metropolen Selbstbewusstsein und durchaus berechtigt der Wunsch nach Einflussnahme entsteht. Wichtiger ist aber, dass Städte generell und wohlhabende Megacitys im Besonderen die Chance haben, global relevante Lösungsansätze kleinmaßstäblich zu erproben. Als Anziehungspunkte für intellektuelle Eliten und Konzerne können sie so als wichtige Innovationszentren fungieren. Bürgermeister mit entsprechenden Zielen, diplomatischem Geschick und persönlicher Überzeugungskraft werden diese Prozesse initiieren. Kleinere deutsche Städte oder der ländliche Raum können das mit entsprechenden Bürgermeistern selbstverständlich auch: Je kleiner die Einheit, desto einfacher die Umgestaltung.

Es zeichnet sich ab, dass Mehrheiten in grünen, atmenden, sauberen, leisen, gewachsenen und vielfältigen Strukturen leben möchten.

Es gibt auch eine gegenläufige Entwicklung zur Urbanisierung: die Rückkehr des Dorfes beziehungsweise der Vorstädte. Die „New York Times“ prägte den Begriff der „Hipsturbians“: Damit sind gut ausgebildete, junge Erwachsene gemeint, die bewusst den Metropolen den Rücken kehren und ihren Lebensmittelpunkt in Dörfern und Vorstädten suchen. Für wie bedeutend halten Sie diese Bewegung auch für Deutschland?

Viele junge Menschen und Familien öffnen sich der Nachhaltigkeit und dem Klimaschutz über eine veränderte Lebensweise. In Kombination mit einer neuen Haltung gegenüber der eigenen Karriere, daraus resultierenden Einkommenssituationen, dem hohen Preisniveau in Städten und dem Wunsch nach einer gesunden Lebensweise verlieren zumindest in hochentwickelten Industrienationen die klassischen urbanen Karrierestandorte an Anziehungskraft. Die Coronapandemie, die damit erstarkenden individuellen Resilienzbestrebungen sowie die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten beflügeln diese Entwicklung. Zudem werden die bevorstehenden ökonomischen Veränderungen den Trend festigen. Übrigens: Für Deutschland ist diese Entwicklung im Grunde nichts Neues. 77 Prozent der Deutschen leben zwar in Städten, doch davon wiederum 70 Prozent in Städten mit weniger als 100 000 Einwohnern. 40 Prozent der Bevölkerung würden gerne auf dem Land leben, was infrastrukturelle Bedingungen derzeit nicht immer zulassen. Dennoch könnten die Veränderungen in amerikanischen Vororten Impulse für die Entwicklung des ländlichen Raums in Deutschland geben. Denn das Leben in deutschen Kleinstädten ist bislang sehr stark an den Verzicht geknüpft. Hipsturbians tragen in ihrem Umfeld dazu bei, dies zu ändern und die Vorteile beider Welten miteinander zu verknüpfen. Insgesamt ist der Trend allerdings nicht eins zu eins, sondern nur als Tendenz auf Deutschland übertragbar.

Frau Etezadzadeh, zu guter Letzt: Welche Entwicklung erhoffen Sie sich bezüglich der Urbanisierung für die „neuen Zwanziger“ in Deutschland und Europa?

Ich hoffe, dass Europa und Deutschland zu den aktiven Gestaltern einer demokratischen Smart-City-Entwicklung werden. So sollten Städte zu Orten der Lebensfreude und der lebendigen Vielfalt werden, die hinsichtlich der notwendigen ökonomischen, ökologischen und sozialen Veränderungsprozesse Vorbildfunktionen einnehmen und in großem Maßstab Wirkung entfalten.

 

 

Die promovierte Volkswirtin Prof. h.c. Dr. Chirine Etezadzadeh leitet das von ihr gegründete SmartCity.Institute in Stuttgart. Seit bald zehn Jahren gestaltet sie mit zahlreichen Projekten, Publikationen und Veranstaltungen sowie beratend die Smart-City-Entwicklung mit. Von 2014 bis 2016 hielt Etezadzadeh Vorlesungen zum Thema „Produktentwicklung für Smart Cities“ an der Technischen Hochschule Köln. 2017 wurde ihr eine Honorarprofessur von der Beijing Information Science & Technology University (BISTU) verliehen. Im selben Jahr veranstaltete sie gemeinsam mit der Messe Frankfurt die erste Smart City Convention „Blisscity“. Mit ihrem Herausgeberband „Smart City – Made in Germany“, den sie mit über 140 Mitwirkenden zusammengestellt hat, hat sie ein deutsches Standardwerk zum Thema Smart City vorgelegt. Ihre aktuelle Videoserie „Have a Tea with Dr. E. – Wie geht es Deutschland?“ ist zu finden auf www.smartcitynews.global.

Foto: Stefanie Koesling