Interview
19. November 2020 6:04  Uhr

Das Ziel: Wissen zu Geld machen

Roman Huber ist seit fast 15 Jahren Geschäftsführer der Bayern Kapital GmbH, einem operativen Arm des Freistaats zur finanziellen Begleitung von Start-ups. Er hat Erfolge, aber auch Misserfolge erlebt.

Roman Huber, Jahrgang 1958, ist seit 2006 Geschäftsführer der Bayern Kapital GmbH. | Foto: Thomas Tjiang

Von Thomas Tjiang

Herr Huber, was macht die Bayern Kapital mit ihren 13 Beteiligungsfonds genau?

Roman Huber: Wir sind die Venture-Capital-Gesellschaft des Freistaats Bayern. Wir finanzieren junge, technologiegetriebene Unternehmen mit Sitz oder wesentlicher Betriebsstätte in Bayern. Das beginnt in der ganz frühen Seedphase und reicht bis zur ausgebauten Expansion. Insofern begleiten wir aus einer Hand über mehrere Stufen hinweg – immer in Partnerschaft mit privaten Investoren.

Sind private VC-Investoren bereits ganz früh mit dabei?

In der Frühphase ist es durch diverse auch staatliche Förderungen einfacher geworden, später wird es schwieriger. In der Frühphase profitieren wir deutlich vom Netzwerk Baystartup, dessen Entstehung wir gemeinsam mit unserer Muttergesellschaft, der LfA-Förderbank, als Sponsor unterstützt haben und auch weiter fördern. Gerade in Nordbayern gibt es mit den vernetzten Business Angels eine starke Finanzierungsgruppe, mit der wir schon das eine oder andere Investment gemacht haben.

Bayern Kapital wurde im Jahr 1995 gegründet. Wie fällt, ein Vierteljahrhundert nach dieser Gründung, die Bilanz aus?

Insgesamt betrachtet sehr positiv. Wir konnten fast 300 Unternehmen mit nahezu 350 Millionen Euro unterstützen, damit zur Entstehung von über 7500 Arbeitsplätzen beitragen und eine spürbare Hilfe beim Aufbau eines leistungsfähigen Investorennetzwerks leisten. Was uns zum Beispiel freut und was wir auch laut sagen können: 2013 haben wir den Börsengang des Maschinenbauers Voxeljet in New York, die wir seit 1999 ab Gründung mit begleitet haben, mitgemacht. Da haben wir uns schon gut gefühlt. Das war auch wirtschaftlich ein ernstzunehmender Erfolg. Wir haben auch schöne Erfolge im Bereich Life-Sciences, etwa als Corimmun an Johnson & Johnson verkauft wurde und wir beim Verkaufspreis lächeln konnten. Das muss auch so sein, denn wir haben auch Ausfälle, die ich nicht namentlich nenne. Manche Märkte haben sich anders entwickelt, als wir beim Einstieg drei Jahre zuvor gedacht hatten. In ganz wenigen Fällen hat die Technik nicht das gehalten, was wir uns von ihr versprochen hatten. Aber würde man es nicht ausprobieren, würde man es nie wissen. Forschung macht aus Geld Wissen. Es geht darum, mit diesem Wissen über Innovation wieder Geld zu verdienen.

Forschung macht aus Geld Wissen. Es geht darum, mit diesem Wissen über Innovation wieder Geld zu verdienen.

Wie wirkt sich das Coronajahr 2020 auf Bayern Kapital aus?

Wir haben kein Massensterben bei uns im Portfolio. Aber wir haben einige Unternehmen, denen man praktisch den Stecker gezogen hat, weil sie temporär die Geschäftsgrundlage verloren haben. Das betrifft beispielsweise Produkte für die Hotellerie. Wir haben aber umgekehrt auch Unternehmen, die unglaubliche Gewinner der Situation waren. Ein Hersteller von Atemhilfsgeräten war auf einen Schlag ausverkauft. Wir haben Unternehmen mit Terminplanungssoftware, teils erweitert zu den CRM-Systemen oder Kassensystem – da haben die Digitalisierungsschübe bei den Kunden für gutes Geschäft gesorgt.

Was tut sich auf der Investitionsseite?

Investoren, die mit uns investieren, aber auch wir selbst agieren technologieorientiert. Wir sind uns im Klaren, dass solche Engagements ein Marathonlauf sind. Bis aus einem Erstinvestment ein ertragreicher Exit wird, können schon mal sieben, wenn nicht über zehn Jahre vergehen. Wer in diesen Zeiträumen denkt, rechnet in der Zeit mit Höhen und Tiefen. Da muss man durch. Die Mitgesellschafter bleiben wie wir auch bei der Stange.

Sind Sie mit Ihrem Beteiligungsvolumen frustriert, weil selbst deutsche oder europäische Töpfe nicht an die VC-Summen in den USA heranreichen?

Der Sachverhalt ist schon immer so gewesen, das überrascht mich nicht. Positiv ist, dass wir immer besser werden. Als ich 1986 angefangen habe, gab es in München fünf VC-Firmen, in Nürnberg und ganz Nordbayern war nichts zu finden. Seitdem haben wir uns mehrere Schritte nach vorn bewegt. Neben großen Wagniskapitalgebern mit 100 oder 200 Millionen Euro kommen nun auch exiterfahrene, ehemalige Gründer dazu. Die stehen jetzt auch als Ansprechpartner und Investoren bereit. Wir haben aus diesem Bereich zwei Beteiligungspartner, die selbst gezeigt haben, dass sie ein Unternehmen in die Milliarden-Euro-Klasse führen können. Das ist eine Ermutigung und keine Frustration.

Wir haben einige Unternehmen, denen man praktisch den Stecker ezogen hat, weil sie temporär die Geschäftsgrundlage verloren haben.

Welche Rolle spielen die Family Offices in Ihrem Segment?

Jedes Family Office plant erst einmal den Erhalt des Vermögens, entsprechend vorsichtig wird investiert. Andererseits begreifen auch Family Offices, dass sie mit Beteiligungen die Hand am Puls der Technik von morgen haben. So können sie auch Gefahren für ihr eigenes Geschäftsmodell frühzeitig erkennen. Neue Technologien schützen Bestandsunternehmen davor, morgen überraschend überholt zu werden. Family Offices investieren mehrheitlich in Geschäftsbereichen, in denen sie sich auskennen. Manche wollen auch von ihrem geschäftlichen Erfolg der Gesellschaft etwas zurückgeben und investieren beispielsweise im Medizinbereich. Wir profitieren hier von einem guten Netzwerk auch zu den Business Angels.

Warum sind Börsengänge in Deutschland mittlerweile eher eine Seltenheit?

Grundsätzlich ist ein Börsengang zunächst einmal eine Finanzierungsmaßnahme für das Unternehmen. Das darf man nicht aus dem Auge verlieren. Erst in zweiter Linie ist es auch ein Exitweg für Investoren. Wir beobachten gerade an den US-Börsen, dass auf Investorenseite deutlich mehr Bereitschaft besteht, in die Zukunft eines Unternehmens zu investieren. Das liegt beispielsweise im Life-Science-Bereich auch daran, dass es einfach mehr Analysten gibt. Da gibt es auch Übertreibungen, aber im Kern sind US-Investoren deutlich bereiter, in die Chancen zu investieren – wenn sie zu erkennen glauben, dass die Grundlagen dafür vorhanden sind. Bayern Kapital hat vier Unternehmen, die an US-Börsen gelistet sind. Den europäischen Börsen fehlt hier die Leistungsfähigkeit, auch weil es die Investoren in dieser Form nicht in ausreichendem Maße gibt.

Fehlt der Gründer-Community hier die gesellschaftliche Anerkennung?

Grundsätzlich könnte das sicher besser sein. Wir würden selbst gern breiter erklären, in was Bayern Kapital alles investiert. Viele der Innovationen werden für den Normalbürger nur indirekt spürbar. Aber es wird gerade auch diskutiert, ob man Innovationen nicht mitunter auch anders denken muss als früher. Man könnte mehr Transparenz in die künftigen Vorteile bringen und den Blick häufiger auf das Übermorgen richten. Dann kommt man auch schnell zu Fragen wie beispielsweise Kreislaufgedanken bei eingesetzten Materialien. Wenn wir gesellschaftlich neue Entwicklungen ganzheitlicher betrachten würden, kämen wir ein ganzes Stück weiter.

Roman Huber

Roman Huber, Jahrgang 1958, ist seit 2006 Geschäftsführer der Bayern Kapital GmbH, der Venture-Capital-Gesellschaft des Freistaats Bayern. Der gebürtige Münchner studierte nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann an der LMU München Betriebswirtschaft. Zwischen 1986 und 2005 war er bei der LfA Förderbank Bayern im Bereich Innovationsfinanzierung tätig, ab 1992 als dessen Leiter. Dort war Huber verantwortlich für die betriebswirtschaftliche Beurteilung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in privaten Unternehmen. Solche Beurteilungen sind für bayerische Technologieförderprogramme, bei Kreditfinanzierungen der LfA im Innovationsbereich und bei Beteiligungsanfragen an LfA-Beteiligungstöchter nötig.