Coaching
28. Dezember 2020 6:02  Uhr

Den „Coach für alle Fälle“ gibt es nicht

Die Coachingbranche ist intransparent und nicht jedes Angebot ist professionell. Dennoch kann Coaching bei der beruflichen Orientierung eine wichtige Hilfestellung bieten.

Coach und Coachee im Gespräch Foto: Kzenon – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

GOLDENSTEDT/REGENSBURG. Ein Coach kann anderen helfen, sich weiterzuentwickeln sowie berufliche oder persönliche Probleme zu lösen. Allerdings ist es schwierig, einen passenden Coach zu finden. Google liefert beim Suchbegriff „Coach“ über eine Milliarde Treffer – und die Ergebnisse sagen noch nichts über die Qualität geschweige denn die Seriosität der Angebote aus. Denn es gibt dabei mindestens zwei Probleme: Zum einen ist nicht ganz klar, was Coaching eigentlich ist und zum anderen gibt es für einen Coach keinen normierten Ausbildungsweg. Eine prinzipielle Feststellung lässt sich jedoch treffen: Coaching richtet sich an „gesunde“ Personen und fokussiert vorwiegend Themen, die mit der Berufsrolle zu tun haben.

Der Markt ist hochgradig intransparent

„Der deutsche Coachingmarkt ist hochgradig intransparent“, stellt Dr. Christopher Rauen fest, der lehrbeauftragter Diplom-Psychologe, Autor und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Bundesverbandes Coaching (DBVC) und auch selbst ein Coach ist. In seiner Coaching-Marktanalyse 2020 hat er sich den Markt und seine Protagonisten näher angesehen, unter anderem auch durchschnittliches Alter, Bildungsgrad und Einkommen der deutschen Coaches. Eine übliche Marktstruktur, in der eine einstellige Anzahl von Anbietern einen Großteil des Marktes dominiert, existiere in der Coachingbranche nicht, sagt Rauen. Der Markt werde stattdessen von zahlreichen Klein- und Kleinstanbietern mit unterschiedlichem Ausbildungs- und Erfahrungshintergrund bestimmt.

Professionelle Beratung und Begleitung

Doch was macht ein Coach genau? Der DBVC definiert Coaching als „professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen mit Führungs- oder Steuerungsfunktionen und von Experten in Unternehmen oder Organisationen.“ Als Zielsetzung wird die „Weiterentwicklung von individuellen oder kollektiven Lern- und Leistungsprozessen in primär beruflichen Anliegen“ beschrieben. Grundsätzlich gilt man als Coach, wenn man Einzelpersonen oder Gruppen betreut und gemeinsam mit den Coachees, also den Gecoachten, alternative Handlungsmöglichkeiten entwickelt. Dabei gilt es, Coaches von Speakern, Beratern oder Trainern mit einem bestimmten Spezialwissen zu unterscheiden. Dass sich viele Marketingspezialisten, Trainer und Berater gleichermaßen als Coaches bezeichneten, mache die Branche nicht gerade übersichtlicher, meint Rauen.

Kein geschützter Begriff

Die vielen Fragezeichen rund um das Coaching und die Intransparenz der Branche kommen nicht von ungefähr. Denn „Coach“ ist kein geschützter Begriff. Während beispielsweise das Angebot einer Psychotherapie eine bestimmte Ausbildung voraussetzt, kann sich jeder Coach nennen. Die Ausbildungsangebote sind dementsprechend unübersichtlich. Sie reichen von Wochenendseminaren für wenige hundert Euro bis hin zu monate- oder gar jahrelangen Ausbildungen für viele tausend Euro. „In der Szene sind teilweise auch komische Leute unterwegs“, stellt Prof. Dr. Peter Fischer, Inhaber des Lehrstuhls für Sozial-, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg, fest. „Hat man aber nur die im Blick, tut man dem Wirkmechanismus des Coachings total Unrecht.“ Auch wenn die Coachingausbildung ungeregelt ist: Die meisten deutschen Coaches haben laut Coaching-Marktanalyse einen Hochschulabschluss sowie eine wie auch immer geartete Coachingausbildung und sind generell weiterbildungsaffin.

Verbände bieten Orientierung

In Rauens repräsentativer Erhebung gaben außerdem etwas mehr als die Hälfte der befragten Coaches an, Mitglied in einem Verband zu sein. Für sie gelten Ausbildungsstandards – eine Verbandsmitgliedschaft ist deshalb ein guter Kompass für die Suche nach einem qualifizierten Coach. Zu den wichtigsten Berufs- und Fachverbänden gehören neben dem DBVC der Deutsche Verband für Coaching und Training, der Deutsche Coaching Verband, der Deutsche Bundesverband Coaching und die Deutsche Gesellschaft für Coaching.

Marktvolumen von rund 500 Millionen Euro

Die Hauptzielgruppe von Businesscoaches liegt im mittleren Management, gefolgt vom Topmanagement. Aber auch bei Privatpersonen finden Coaches immer mehr Anklang. Seit Jahrzehnten verzeichnet die Branche stabile Zahlen, das geschätzte Marktvolumen liegt bei rund 500 Millionen Euro. Den Wirtschaftspsychologen Peter Fischer wundert das nicht: „Arbeit wird immer kognitiver. Und je kognitiver Arbeit wird, desto mehr geht es um unsere 80 Milliarden Gehirnzellen, die belastet werden. Das führt zu einem Informationsverarbeitungskater und Auswüchsen wie Fake News oder Verschwörungstheorien.“ Angesichts dieser Unübersichtlichkeit könnten laut Fischer Coaches zur Orientierung beitragen.

Interview

Ein seriöser Coach drängt nicht auf einen Vertragsabschluss

Dr. Christopher Rauen, Vorstandsvorsitzender
des Deutschen Bundesverbandes Coaching e. V., erklärt im Interview, woran Klienten in der unübersichtlichen Coachingbranche seriöse Anbieter erkennen können.

Foto: Lichtbildmanufaktur

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